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Stadtentwicklung

Städte sollen Lust auf Bewegung machen

Bewegungsmangel tötet in Europa jährlich 23 Millionen Menschen. Die WHO fordert, Städte bewegungsfreundlicher zu gestalten.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Attraktive Freiräume in der Stadt motivieren zu sportlicher Betätigung. Foto: elenabsl - stock.adobe.com
Attraktive Freiräume in der Stadt motivieren zu sportlicher Betätigung. Foto: elenabsl - stock.adobe.com

Kopenhagen.Deutschland sitzt: Sechseinhalb Stunden am Tag verbringt knapp die Hälfte der Erwachsenen im Sitzen, 21 Prozent kommen sogar auf neun Stunden und mehr. Nicht viel anders sieht es europaweit aus. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erreicht mehr als ein Drittel aller Europäer nicht das empfohlene Maß an körperlicher Bewegung, das für Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren bei 150 Minuten moderater oder 75 Minuten intensiver Aktivität pro Woche liegt. Die Folgen dieses verbreiteten Lebensstils sind Übergewicht, Diabetes und Herzleiden sowie ein erhöhtes Todesrisiko – über 23 Millionen aller Todesfälle in Europa pro Jahr werden direkt dem Bewegungsmangel zugeschrieben. Die Ursachen des Problems sind vielfältig, es allein auf die menschliche Bequemlichkeit zurückzuführen, reicht Experten zufolge nicht aus. Sie sehen in der „gebauten Umwelt“, insbesondere in ausreichenden Freiräumen für körperliche Aktivität, einen entscheidenden Einflussfaktor auf das Bewegungsverhalten der Menschen.

Wie man Städte so gestaltet, dass sie physische Aktivität begünstigen und ihren Bürgern Lust auf Bewegung machen – damit beschäftigen sich das WHO-Regionalbüro Europa mit Sitz in Kopenhagen und das New Yorker Gehl Institute, eine Non-Profit-Organisation, die sich für eine „menschenzentrierte“ Stadtentwicklung einsetzt, in ihrer gemeinsamen, Mitte 2017 erschienenen Studie „Towards More Physical Activity in Cities“. Im Fokus der Studie steht dabei die Alltagsbewegung beziehungsweise das Schaffen von Anreizen, um körperliche Bewegung leichter in den Alltag integrierbar zu machen. Die Studienautoren nehmen dabei verschiedenste Handlungsfelder in den Blick, wie beispielsweise Raumordnung und Mobilität.

Verdichtung statt Zersiedelung

Besonders kontraproduktiv für das Ziel der Bewegungsförderung ist der Studie zufolge eine Raumordnungspolitik, die dünn besiedelte und monofunktionale Zonen begünstigt. Denn dies verstärkt die Autoabhängigkeit und das Transportaufkommen. Die körperliche Aktivität begünstigen hingegen gemischte Strukturen mit Wohnhäusern, Arbeitsplätzen, Schulen, Geschäften und Freizeiteinrichtungen, die bequem zu Fuß oder per Fahrrad erreicht werden können. Auch die Gestaltung des öffentlichen Nahverkehrs wirkt sich laut Studie unmittelbar auf das Bewegungsverhalten aus. Denn ein gut ausgebauter, attraktiv gestalteter und kostengünstiger ÖPNV motiviert die Bürger, zu Fuß oder per Fahrrad zum Bahnhof oder zur Bushaltestelle zu kommen.

Die Schaffung eines fuß- und fahrradfreundlichen Klimas wird als weiteres, zentrales Handlungsfeld angeführt. Als konkrete Maßnahmen schlagen die Studienautoren Geschwindigkeitsbegrenzungen für den motorisierten Verkehr vor, Ausbau und Verbesserung des Rad- und Fußwegenetzes sowie die mit anderen Verkehrsmitteln gleichberechtigte Berücksichtigung des Fuß- und Radverkehrs bei Planungsentscheidungen. Von einer Stadtentwicklung mit dem Fokus auf Bewegungsfreundlichkeit verspricht sich die WHO einen großen Zusatznutzen, nämlich einen Beitrag zur Erreichung der „Ziele zur nachhaltigen Entwicklung“, die 2015 von der UN-Vollversammlung verabschiedet wurden und 2016 in Kraft traten. Die UN will mithilfe dieser 17 Ziele in den nächsten 15 Jahren Hunger und extreme Armut auf der ganzen Welt beseitigen. Die Studienautoren führen aus, inwiefern die Förderung des Gehens, Radfahrens und anderer sportlicher Aktivitäten gleichzeitig die UN-Ziele befördert, hinter denen eine ganze Reihe städtischer Herausforderungen stehen, wie beispielsweise soziale Ungleichheit, Luftverschmutzung und der Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen.

Dass der urbane Raum als Sport- und Bewegungsraum für alle Altersgruppen in Zukunft eine wachsende Bedeutung haben wird, davon geht auch Dr. Stefan Eckl aus. Der geschäftsführende Gesellschafter des Stuttgarter Instituts für Kooperative Planung und Sportentwicklung berät Städte und Landkreise im gesamten Bundesgebiet in Sport- und Stadtentwicklungsfragen. „Stadtentwicklung folgt zunehmend Leitbildern, die den Stadtraum als Bewegungsraum verstehen, wo Fußgänger und Radfahrer – die Schweizer sagen dazu ‚Langsamverkehr‘ – ihren Platz finden und wo Erholungs- und Grünflächen nicht nur unter landschaftsgärtnerischen Gesichtspunkten betrachtet werden, sondern in denen vielmehr der ursprüngliche Volksparkcharakter wieder in den Vordergrund rückt“, erklärt Eckl. Schlagworte wie „active City“, „bewegte Stadt“ oder „fahrradfreundliche Stadt“ und wissenschaftliche Konzepte wie „Walkability“ und „Walk-Score“ beherrschten die heutige Diskussion.

Menschliche Grundbedürfnisse

Ebenso wie die Autoren der WHO-Studie betont auch Eckl, dass eine nachhaltige Sport- und Bewegungsförderung strategisch, ressort- und ämterübergreifend umgesetzt werden müsse. Die Autoren der WHO-Studie fordern, Maßnahmen zur Förderung physischer Aktivität immer so anzulegen, dass sie gleichzeitig auch andere menschliche Grundbedürfnisse, wie beispielsweise nach Sicherheit und Mobilität, adressieren. Die Frage, was eine sport- und bewegungsfreundliche Kommune letztendlich ausmacht, kann Eckl zufolge nicht allgemeingültig beantwortet werden. „Mindestanforderung“ sei eine Kombination von Sportanlagen für den Schul-, Vereins-, Wettkampf- und Breitensport und attraktiven Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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