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Interview

Unabdingbar, aber ebenso unmöglich

Wachstum kann laut dem Regensburger Volkswirtschaftler Prof. Dr. Lutz Arnold nicht vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Prof. Dr. Lutz Arnold (Foto: Universität Regensburg)
Prof. Dr. Lutz Arnold (Foto: Universität Regensburg)

Regensburg.Herr Professor Arnold, könnte die Herausforderung des Klimawandels vielleicht einen Wandel in Richtung Postwachstumsgesellschaft bewirken?

Prof. Dr. Lutz Arnold: Das Umweltproblem würde ich als den maßgeblichen, wenn nicht gar einzigen Grund ansehen, der die gegenwärtige Art des Wirtschaftens infrage stellt.

Wenn man postuliert, dass Wachstum und Nachhaltigkeit nicht vereinbar sind, heißt das doch, wir brauchen eine Abkehr von der Marktwirtschaft?

Nein, das sehe ich nicht so. Planwirtschaftliche Modelle sind eher noch weniger nachhaltig. Das marktwirtschaftliche Modell wäre sogar gut geeignet, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Es müsste eine vollumfängliche Bepreisung des Ressourcenverbrauchs geben. Aber selbst wenn wir diese in unserer Volkswirtschaft einführen würden – das Grundproblem ist die Globalität des Problems Klimawandel. Die Lösung kann nur eine globale sein, und zu einer solchen wird es nie kommen. Das ist aber keine Frage des marktwirtschaftlichen Systems.

Auch die aktuelle Politik rüttelt nicht am gegenwärtigen Wirtschaftsparadigma. Stattdessen propagiert sie ein grünes Wachstum. Was ist davon zu halten?

Unsere Volkswirtschaft wächst seit mindestens 150 Jahren. Materielles Wachstum verbraucht immer Ressourcen und verursacht CO-Ausstoß. Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch ist meiner Ansicht nach eine Illusion.

Sie sagen, Wachstum kann nicht vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden, stellen aber die gegenwärtige Marktwirtschaft, deren Ziel Wachstum zum Erhalt von Wohlstand ist, nicht infrage. Wie geht das zusammen?

Der Widerspruch liegt im Relativsatz der Frage. Man könnte den Ressourcenverbrauch marktwirtschaftlich beliebig senken, indem man die Ressourcen entsprechend verteuert. Das würde aber natürlich zu massiven Einbrüchen in ressourcenintensiven Industrien führen und daher voraussetzen, dass man innerhalb der marktwirtschaftlichen Ordnung das Ziel Wachstum aufgibt und sich mit dem verbleibenden Wohlstand zufrieden gibt. Das wäre dann eine Marktwirtschaft ohne Wachstumsziel.

„Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch ist meiner Ansicht nach eine Illusion.“ Prof. Dr. Lutz Arnold

Aber das heißt ja, die Klimakrise ist eigentlich doch eine Wirtschaftskrise, oder?

Ich stimme überein, dass die Klimakrise in dem Sinne eine Wirtschaftskrise ist, in dem sie aus Ressourcenverbrauch für am Markt gehandelte Produkte resultiert. Wenn ich die gleichen Produkte, gleich produziert, planwirtschaftlich zuteile, ändert sich aber nichts am Ressourcenverbrauch. Daher sehe ich nicht das marktwirtschaftliche System infrage gestellt. Aber innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems ist ein Verzicht auf Wachstum und materiellen Wohlstand notwendig, wenn man Emissionen reduzieren möchte.

Können wir perspektivisch auf eine Technologie hoffen, mit der man die Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch doch erreichen könnte?

Wir bräuchten eine Technologie zur CO-Absorption, also eine technische Möglichkeit, der Atmosphäre aktiv CO zu entziehen. Geforscht wird an einer solchen Technologie, aber ich denke, eine Lösung ist in einem absehbaren Zeitraum nicht in Sicht.

Ihr Blick ist also eher pessimistisch. Auch Ansätze des Postwachstums, wie sie zum Beispiel auch die Gemeinwohlökonomie-Bewegung vertritt, bieten keine Lösung?

Nein, nicht für die Klimafrage. Dass im Rahmen solcher Theorien Ideen entwickelt werden, wie sich Menschen betätigen können, ohne Ressourcen zu verbrauchen, ist natürlich positiv, aber auf der anderen Seite auch etwas paternalistisch. Ja, in der Tat, ich habe wenig Hoffnung, dass die Herausforderung des Klimawandels bewältigt werden wird.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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