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Interview

Unterwegs zur Quanten-Ära

Dr. Joseph Reger, CTO Europe bei Fujitsu, verrät er, warum er den Beginn des Quantencomputings kaum erwarten kann.
Von Stephanie Burger

Dr. Joseph Reger (Foto: Fujitsu)
Dr. Joseph Reger (Foto: Fujitsu)

Regensburg.Herr Dr. Reger, disruptive Technologien erscheinen im Nachhinein oft logisch. Vor ihrem Durchbruch hingegen werden sie oft verkannt. Woran liegt diese Unterschätzung?

Dr. Joseph Reger: Neue Technologien sind anfangs zwangsläufig noch weitgehend unbekannt und oft auch nicht ausgereift. Dementsprechend gibt es zunächst häufig Akzeptanzprobleme. Die legen sich erst, wenn mithilfe der neuen Technologien Innovationen bei Geschäftsprozessen eingeführt werden und die daraus resultierenden Vorteile sichtbar werden. Nicht zu vernachlässigen ist zudem ein menschlicher Aspekt: Zu Beginn ist es immer einfacher, gegen etwas Neues zu sein. Wenn sich dieses dann aber bewährt hat, sind auf einmal alle dafür.

Wie kann es Unternehmen gelingen, zur richtigen Zeit auf die richtige Technologie zu setzen?

Das ist ein ganz schwieriges Thema für Unternehmen – besonders, wenn sie Technik nur anwenden, sich aber sonst nicht wirklich damit befassen wollen. Abhilfe verspricht hier eine Innovationsstrategie. Sie legt fest, in welchen Bereichen Firmen lediglich mit der breiten Masse „mitschwimmen“ und in welchen Bereichen sie Vorreiter sein möchten. Bei letzterem Ansinnen muss man dann mutiger sein und Technologien frühzeitig ausprobieren – auch auf die Gefahr hin, dass mal etwas nicht klappt.

Als Schlüsseltechnologie gilt die KI. Ist sie aufgrund ihrer Fähigkeit, sich selbst zu optimieren, von anderer Qualität als andere digitale Technologien?

Technologie ist immer ein zweischneidiges Schwert: Sie kann für grandiose Entwicklungen genutzt werden, hat aber immer auch Missbrauchspotenzial. Letzteres gilt besonders für die KI mit ihren extrem vielfältigen Einsatzmöglichkeiten. Die Grundproblematik ist hier aber nicht das Selbstlernen der Systeme, sondern das Fehlen globaler Vereinbarungen, wie und wofür KI genutzt werden soll und darf. Im derzeitigen globalen Umfeld, das von Akteuren mit sehr unterschiedlichen Interessen und Moralvorstellungen geprägt ist, ist dies eine riesige Herausforderung.

„Technologie ist immer ein zweischneidiges Schwert: Sie kann für grandiose Entwicklungen genutzt werden, hat aber immer auch Missbrauchspotenzial. Letzteres gilt besonders für die KI (...).“

Dr. Joseph Reger

Aktuell scheinen sich Fortschritte beim Quantencomputing abzuzeichnen. So hat beispielsweise IBM Anfang des Jahres einen ersten kommerziell nutzbaren Quantencomputer vorgestellt. Stehen wir vor dem Beginn der Quanten-Ära?

Wir stehen tatsächlich vor dem Beginn der Quanten-Ära. Das bedeutet, sie hat noch nicht angefangen. Ich persönlich finde das sehr schade, da ich sie kaum erwarten kann. Zur praktischen Marktreife ist es aber technologisch noch ein weiter Weg – optimistische Ankündigungen betrachte ich daher mit Vorsicht. Ich begrüße jedoch alle Fortschritte, die die Weiterentwicklung – speziell auch hierzulande – vorantreiben. Bis das Quantencomputing tatsächlich für Unternehmen praktisch einsetzbar sein wird, gilt es, sogenannte Brückentechnologien zu nutzen, die zwar keine Quantenrechner verwenden, aber davon inspiriert sind. Dazu zählen neuartige Rechnerarchitekturen wie der Digital Annealer von Fujitsu. Im Moment sind diese Brückentechnologien weitaus brauchbarer und nützlicher als die Quantenrechner. Wir sollten daher einen pragmatischen und keinen theoretisch-puristischen Ansatz verfolgen.

Was ist der größte Vorteil des Quantencomputers? Können Sie uns zukünftige Anwendungsfälle schildern?

Die Quantenbits eines Quantenrechners können, solange der Quantenzustand aufrechterhalten wird, gleichzeitig unterschiedliche Zustände einnehmen. Damit lassen sich extrem viele Möglichkeiten simultan berechnen. Die Anwendungsgebiete dafür sind vielfältig und finden sich überall dort, wo man Aufgaben der kombinatorischen Optimierung lösen muss und bei denen es keine exakte beste Lösung, sondern nur Näherungswerte gibt. Herkömmliche Algorithmen versagen hier angesichts der Komplexität. Quantenalgorithmen sind um ein Vielfaches effizienter. Konkreten Nutzen bringt dies in fast allen Industriebereichen. Das reicht von der Optimierung von Logistik und Fertigungsprozessen über die Materialforschung in der Chemie und die Wirkstoffforschung in der Pharmaindustrie bis hin zu einer deutlich verbesserten Portfolio- und Risikoberechnung in der Finanzindustrie. Auch Transport- und Verkehrssteuerung sind hier noch zu nennen. Die allermeisten dieser Probleme können übrigens bereits heute mit den eben genannten Brückentechnologien angegangen werden.

Womit beschäftigen Sie sich bei Fujitsu aktuell?

Im Wesentlichen mit angewandter künstlicher Intelligenz und Brückentechnologien zu Quantenrechnern. Speziell die Kombination dieser beiden Themen ist extrem spannend.

Gibt es weitere Technologien, auf die Sie derzeit besonders gespannt blicken?

Ja, die Blockchain-Technologie. In Kombination mit biometrischer Identifizierung, etwa per Handvenenerkennung, lassen sich hier extrem sichere Anwendungen für viele Einsatzbereiche realisieren.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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