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Umweltschutz

Versöhnung von Gegensätzen

Derzeit ist eine Entwicklung im Gang, die Nahrungsmittelproduktion und Natur in Einklang bringen könnte: Landwirtschaft 4.0.
Von Mechtild Nitzsche, Wirtschaftszeitung

Precision Farming trägt dem Umstand Rechnung, dass ein Feld kein homogenes Ganzes ist, sondern aus Schlägen mit unterschiedlicher Fruchtbarkeit, Feuchtigkeit oder Bodenbeschaffenheit besteht, die entsprechend unterschiedliche Behandlung verlangen. Foto: Andrej Jalanskij
Precision Farming trägt dem Umstand Rechnung, dass ein Feld kein homogenes Ganzes ist, sondern aus Schlägen mit unterschiedlicher Fruchtbarkeit, Feuchtigkeit oder Bodenbeschaffenheit besteht, die entsprechend unterschiedliche Behandlung verlangen. Foto: Andrej Jalanskij

München.Überschwemmungen, Vermaisung, Nitrat im Trinkwasser, der Streit ums Glyphosat, Ernteausfälle wegen Dürre und die Freigabe ökologischer Vorrangflächen zur Futtermittelproduktion: Die Landwirtschaft und ihr Verhältnis zur Natur stehen schon länger im Fokus der Medien. Das größte Aufsehen erregte das Thema in Bayern jedoch im Februar durch das erfolgreiche Volksbegehren für mehr Artenvielfalt, bekannt unter dem verkürzenden Slogan „Rettet die Bienen!“. Die 1,8 Millionen Unterzeichner übertrafen nicht nur das Quorum von zehn Prozent der Wahlberechtigten, sondern bei Weitem auch die Erwartungen der Initiatoren.

Die gesellschaftliche Erschütterung war so groß, dass sie bis ins Maximilianeum zu spüren war: Der Landtag verabschiedete die Forderungen des Volksbegehrens am 17. Juli unverändert in einem Gesetz mit dem blumigen Namen „Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern“, das am 1. August in Kraft tritt. Das Volksbegehren wirkt sogar über Bayern hinaus: Am 26. Juli wurde das „Volksbegehren Artenschutz“ in Baden-Württemberg eingereicht.

Digital als Chance für Umwelt

Die Ausweitung des ökologischen Landbaus, ein besserer Schutz des Dauergrünlands, das Verbot von Pflanzenschutzmitteln, Gewässerrandstreifen und ein Biotopverbund im Offenland – das sind nur einige der gesetzlich verankerten Punkte, die vor allem starke Reglementierungen für Landwirte darstellen. Begleitet wurde das neue Artenschutzgesetz deshalb durch ein weiteres, das die erwarteten Härten für die Landwirte abmildern helfen sollte, zum Beispiel durch Ausgleichszahlungen und umstrittene Regelungen zur Biotop-Kartierung.

Wenn man den geforderten Weg eines Paradigmenwechsels in der Landwirtschaft geht, muss es allerdings nicht unbedingt Verlierer geben.

Denn es tut sich einiges in Sachen Modernisierung, was nicht nur gut für den Ertrag, sondern auch für die Natur ist. Das Stichwort lautet „Landwirtschaft 4.0“, die als Smart Farming oder Robot Farming schon öffentliche Aufmerksamkeit erregt hat. Am greifbarsten scheint derzeit der Ansatz des Precision Farming: Dieses trägt dem Umstand Rechnung, dass ein Feld – besonders die immer größeren, optimal maschinenfreundlich geschnittenen Felder – kein homogenes Ganzes ist, sondern aus Schlägen mit unterschiedlicher Fruchtbarkeit, Feuchtigkeit oder Bodenbeschaffenheit besteht, die entsprechend unterschiedliche Behandlung verlangen. Schon lange führen Landwirte mit Schlagkarten über diese Besonderheiten Buch; Precision Farming soll nun, unterstützt durch künstliche Intelligenz, diese individuellere Bewirtschaftung erleichtern.

Innovationen von technischer Seite gibt es genug. Ein Beispiel ist die digitale Kartoffel, die im Feld vergraben wird, mit den richtigen Kartoffeln die Erntemaschine durchläuft und über Sensoren meldet, wo im Ernteprozess sie welchen Erschütterungen ausgesetzt war. Mit diesem Wissen kann der Landwirt seine Maschinen nachjustieren, um Verletzungen der Kartoffel zu vermeiden, die letztlich dazu führen, dass sie schneller verdirbt und damit unverkäuflich wird.

Zu den Innovationstreibern gehören Universitäten wie die Uni in Bonn, die mit dem Forschungszentrum Jülich im Cluster „PhenoRob – Robotik und Phänotypisierung für Nachhaltige Nutzpflanzenproduktion“ an Methoden und neuen Technologien forscht, um Pflanzen zu beobachten, zu analysieren, besser zu verstehen und gezielt zu behandeln. Doch auch auf Herstellerseite tut sich etwas. Ein Beispiel ist die Schweizer Firma Ecorobotix: Sie bietet einen komplett autonomen Feldroboter für einen gezielten Herbizideinsatz an, um Unkraut in Reihenkulturen, auf Grünland und beim Zwischenfruchtanbau ökologisch und wirtschaftlich zu bekämpfen.

Laut Ecorobotix fährt der Roboter zu 100 Prozent autonom mit Solarantrieb – auch bei bedecktem Himmel – und arbeitet bis zu zwölf Stunden am Tag ohne menschliche Kontrolle. Er positioniert sich mithilfe von RTK-GPS, Kamera und Sensoren. Per Bilderfassung kann er sich an den Pflanzenreihen ausrichten und erkennen, wo sich Unkraut befindet. Darauf sprühen dann zwei Roboterarme gezielt eine Mikrodosis Herbizid. Die komplette Unkrautbekämpfung kann ihr Roboter, so die Hersteller, nicht übernehmen: Da er seine Geschwindigkeit an die Dichte des Unkrautvorkommens anpasst, ist er eher für Felder mit einer geringen bis mittleren Unkrautdichte geeignet. Ecorobotix empfiehlt ihn ergänzend zu einem ersten herkömmlichen Herbizideinsatz für die Nachbearbeitung.

Problemfall Datenschutz

Die Maschine wird vollständig durch eine Smartphone-Applikation kontrolliert und konfiguriert. Ansonsten kommt sie ohne Big Data aus und imitiert eher den Menschen auf dem Feld, der per Augenschein Unkraut detektiert und eliminiert und dazu keinen Datenaustausch mit Beteiligten außerhalb des Feldes benötigt. Generell zeichnet sich allerdings im Zuge der Digitalisierung in der Landwirtschaft ein mögliches Opfer ab: der Datenschutz. Denn die Basis digitaler Landwirtschaft ist eine gute Datenlage – des Bodens, der angebauten und der unerwünschten Pflanzen, des Klimas und des Wetters, der Einbindung in ein größeres, umgebendes Ökosystem. Werden all diese Daten zusammengeführt, können sie die Bodenbearbeitung auf ein bisher unbekanntes Level optimierter Bearbeitung heben. Doch auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass somit die Welternährung unter die Kontrolle global agierender Datenriesen gerät. Um das zu verhindern, gibt es bereits erste Denkansätze: Ein möglicher Schritt wären Open-Source-Lösungen, die eine Entwicklung alternativer Angebote jenseits eines durch Patente verschlossenen, von wenigen dominierten Marktes ermöglichten.

Hier geht es zu Praxisbeispielen:

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Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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