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Pflege

„Wir brauchen einen Imagewechsel“

Prof. Dr. Annette Meussling-Sentpali von der OTH Regensburg spricht über die Herausforderungen des Pflegeberufes.
Von Maria Stich, Wirtschaftszeitung

Prof. Dr. Annette Meussling-Sentpali Foto: Maria Stich
Prof. Dr. Annette Meussling-Sentpali Foto: Maria Stich

Regensburg.Frau Meussling-Sentpali, der Beruf der Krankenschwester genießt laut der Allensbacher Berufsprestige-Skala ein sehr hohes Ansehen in Deutschland. Gleichzeitig fehlen Tausende Fachkräfte. Wie kommt diese Diskrepanz zustande?

Annette Meussling-Sentpali: Der Pflege geht in Deutschland ein bestimmtes Image voraus: Es ist schwere Arbeit, schlecht vereinbar mit dem Familienleben, wird nicht angemessen bezahlt und so weiter. Dadurch haben viele zwar großen Respekt, können sich aber nicht vorstellen, unter diesen Rahmenbedingungen zu arbeiten. Die Kinderkrankenpflege hat dabei das geringste Imageproblem, die Altenpflege das größte.

Wäre der Pflegenotstand gelöst, wenn es nur genügend Nachwuchs gäbe?

Nicht nur. Wir haben vor allem in der Altenpflege auch ein Qualitätsproblem – das wiederum hat mit dem Qualifikationsniveau zu tun. Wir brauchen viel mehr sehr gut qualifizierte Pflegekräfte, weil sich die Anforderungen extrem erhöht haben und viel komplexer geworden sind.

Inwiefern?

Zum Beispiel gibt es immer mehr hochaltrige Menschen mit vielerlei chronischen Erkrankungen. Es geht also nicht nur um den Umfang und die Arbeitsmenge, sondern auch um inhaltliche Anforderungen.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund das Versprechen der Bundesregierung, 13000 zusätzliche Pflegestellen zu schaffen?

Solche politischen Schnellschüsse halte ich für gefährlich. Ich glaube, dass wir überhaupt erst in diese Situation gekommen sind, weil jede Regierung auf akute Notstände reagiert hat, statt langfristig und strategisch zu agieren. Natürlich können wir versuchen, jeden zu akquirieren – schlecht Qualifizierte oder Menschen ohne sprachliche Kompetenz. Aber wie sollen diese ihre Arbeit dokumentieren, in Fallbesprechungen interagieren, Behandlungspläne erstellen? Außerdem suggeriert man damit: „Pflegen kann jeder“ – das fördert das Denken, dass Pflegen kein anspruchsvoller, erstrebenswerter Beruf ist.

Sie haben lange selbst als Fachkrankenschwester und Pflegedienstleiterin gearbeitet. Was schlagen Sie stattdessen vor?

Da gibt es viele Vorschläge aus Pflegemanagement und -wissenschaft. Unter anderem ist es nötig, dass noch mehr Pflegekräfte für ihre Arbeit in der Klinik auch eine akademische Ausbildung erhalten. In vielen Ländern ist das Pflegestudium Standard. Wir können Pflege nicht mehr so durchführen, wie wir es immer gemacht haben. Maßnahmen müssen wissenschaftlich überprüft sein. Dazu braucht es Pflegekräfte, die solches Wissen finden und auf die individuelle Situation übertragen können. Ich bin überzeugt, dass sich, je weiter die Akademisierung fortschreitet, das Image der Pflege verbessern wird.

Das könnte allerdings die Unzufriedenheit bei Pflegekräften ohne Studienabschluss weiter erhöhen.

Tatsächlich gibt es diese Angst meist dort, wo niemand mit Bachelorabschluss arbeitet. Wo Mitarbeiter unterschiedlicher Abschlüsse zusammenarbeiten, werden diese Vorbehalte abgebaut. Man merkt, dass man voneinander profitiert und dass wir die verschiedenen Kompetenzen und Qualifikationen brauchen. Außerdem werden Bachelorabsolventen in der Pflege bisher kaum besser bezahlt.

Was auch nicht zur Attraktivität des Berufs beiträgt...

Ja, die innerbetrieblichen Arbeitsbedingungen müssen sich zwangsläufig verbessern. In Bezug auf das Gehalt, aber zum Beispiel auch in der Personalentwicklung, in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Da werden von vielen Arbeitgebern die Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft.

Lassen wir einmal die problematischen Rahmenbedingungen außen vor: Ist Pflege denn an sich ein attraktiver Beruf?

Absolut. Es ist ein hochanspruchsvoller Beruf in Bezug auf Kommunikation, Beziehungsgestaltung, Beobachtung, Anamnese, Einschätzung und Planung, aber auch im Umgang mit Menschen und Technik. Man ist immer nah am Menschen und das ist sehr befriedigend.

Inwieweit spielt der soziale Aspekt, das „Helfenwollen“ eine Rolle?

Das höre ich nicht gern. Weil es dazu führt, dass man sich nicht wehrt; man „dient“ ja und kann die Patienten bei Personalmangel nicht allein lassen. Dieser Idealismus verhindert das Eintreten für Arbeitsrechte.

Es braucht also auch einen Imagewandel bei den Pflegekräften selbst?

Da tut sich gerade zum Glück schon einiges. Ich bin schon lange in der Pflegepolitik aktiv. Aber ich habe noch nie erlebt, dass Pflege so in der Öffentlichkeit diskutiert wurde wie jetzt und dass Pflegende so laut geworden sind. Zum Beispiel gibt es in drei Bundesländern erstmals eine Pflegekammer, die die Position der Pflege stärken kann.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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