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Beruf

Arbeiten mit Epilepsie – das geht

Bis zu einem Prozent der Bevölkerung ist an Epilepsie erkrankt. Unternehmen wie Krones nehmen sich jetzt des Tabu-Themas an.
Von Michael Jaumann, MZ

  • Henry Hillmann ist in der Werkstatt eines Epilepsiezentrums beschäftigt. Vor 20, 30 Jahren arbeiteten Betroffene vorwiegend in geschützten Erwerbsbereichen. An Epilepsie erkrankte Menschen können meist aber genauso gut anderswo arbeiten. Foto: dpa
  • Gesprächspartner in Sachen Epilepsie: Emanuel Traumann, Betriebsarzt bei der Krones AG, Claudia Lieblich von der Epilepsie-Beratung der Katholischen Jugendfürsorge und Daniela Zeiler von „Wirtschaft inklusiv“. Foto: Jaumann

Neutraubling.Ein Epilepsie-Anfall kann traumatisch sein – für den Augenzeugen! „Für einen von der Krankheit Betroffenen ist solch ein Anfall nicht gefährlich. Ein Augenzeuge denkt aber, der stirbt“, weiß Krones-Betriebsarzt Emanuel Traumann. Bilder aus Fernsehfilmen von krampfenden Menschen mit Schaum vor dem Mund bewirkten, dass Arbeitgeber noch vor 20, 30 Jahren ungern solche Betroffenen einstellten und sie auf einen Arbeitsplatz in besonderen beschützten Einrichtungen angewiesen waren.

„Dabei sind Menschen mit Epilepsie oft hochmotiviert und besonders engagiert, weil sie beweisen möchten, dass ihre Behinderung sie nicht einschränkt“, versichert Daniela Zeiler von „Wirtschaft inklusiv“, einem Projekt der Bundesarbeitsgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation. Zeiler gehört zu einem Netzwerk Epilepsie, das Arbeitgeber über den Umgang mit der Krankheit aufklärt.

„Jeder kann beim Fahren einen Herzinfarkt erleiden. Epilepsie wird aber immer höher gehängt“, sagt auch Claudia Lieblich von der Epilepsieberatung der Katholischen Jugendfürsorge. Dem Wirken der Epilepsie-Netzwerker ist zu verdanken, dass sich große Unternehmen wie der Krones-Konzern zunehmend dem Thema stellen und sich beraten lassen.

Übererregung im Gehirn

Epilepsie kann man mit einer Übererregung im Gehirn erklären. Bis zu einem Prozent der Menschen erkrankt daran. Es gibt Dutzende von Epilepsieformen und nicht jeder Anfall ist eine Verkrampfung. „Bei manchen Formen verharrt der Erkrankte nur kurz und ist nicht ansprechbar“, erklärt Betriebsarzt Traumann.

Ab zwei Anfällen gilt man als Mensch mit Epilepsie. Ein Betroffener ist Wolfgang S. (Name geändert). Der 44-Jährige arbeitet nicht bei Krones, sondern ein paar Kilometer entfernt in der öffentlichen Verwaltung. Bei ihm begann die Epilepsie im dritten Lebensjahr. Mit Medikamenten war S. als Kind gut eingestellt. Zwischen Schule und Beruf erwischte ihn die Krankheit erneut. Seine Anfälle kündigen sich nicht an. „Plötzlich geht man auf der Straße und krampft“, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Nach rund 90 Sekunden sei bei ihm ein Anfall vorüber. Die Reaktion der Umwelt? Manche helfen, manche zucken zurück, andere rufen den Krankenwagen. Dabei sei dies unnötig. Das einfachste sei, den Betroffenen in die Seitenlage zu bringen und ihm Jacke und Hände unter den Kopf zu legen. Nach dem Anfall sollte sich ein Helfer mit Fragen nach Namen, Alter oder Datum vergewissern, ob wieder alles im Lot, dann könnten alle ihrer Wege gehen.

S. hat zwar keinen Führerschein, nimmt aber am öffentlichen Leben teil wie andere auch. Er geht joggen und fährt Rad. Am Arbeitsplatz seien bei ihm schon einige Anfälle aufgetreten, berichtet er. Natürlich seien die Kollegen da erschrocken gewesen, auch wenn er ihnen im Vorfeld über seine Krankheit Bescheid gesagt hat.

Der 44-Jährige hat seine Krankheit mit Medikamenten gut im Griff. „Seit neun Jahren hatte ich keinen Anfall mehr.“ Er empfiehlt Menschen mit Epilepsie, offen mit ihrer Krankheit umzugehen und Kollegen aufzuklären. Manche hätten aber Angst, in eine Ecke gestellt zu werden.

Die Wahrscheinlichkeit, just einen Anfall an der Arbeitsstelle zu erleiden, ist gering. 70 bis 80 Prozent der Betroffenen werden unter Medikamenten anfallsfrei. „Anfälle treten vor allem nachts oder beim Aufwachen auf“, erklärt Daniela Zeiler.

Kein Epilepsie-Unfall bei Krones

„Wenn jemand einen Anfall im Jahr hat, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass dies genau am Arbeitsplatz passiert?“, fragt Claudia Lieblich rhetorisch. Diese Rechnung ist der Grund, warum Betroffene oft in der Arbeit schweigen. Immerhin ist bei sinkender Arbeitslosenzahl die Zahl der Arbeitslosen mit Schwerbehinderung gestiegen. Das gibt zu denken. Arbeitnehmer müssten beim Arbeitsschutz mitwirken. Sie seien aber nicht verpflichtet, ihre persönlichen Verhältnisse offenzulegen, erklärt Traumann. Sobald ein Arbeitgeber von einem Anfall erfahre, müsse er aber reagieren und bewerten, wo der Beschäftigte einsetzbar ist. „Wenn ein Mitarbeiter in einer Tätigkeit drin ist, dann versuchen wir, ihn dort zu halten.“ Am Beginn des Arbeitslebens könne man die Weichen aber anders stellen. Hilfe bieten den Unternehmen Fachstellen und Beratungsdienste.

Die Zahl der Menschen mit Epilepsie bei Krones sei nicht bekannt. Manchmal höre man von vier, fünf Anfällen pro Jahr, manchmal von keinem, so Traumann. „Wir hatten aber noch keinen Unfall, der durch Epilepsie bewirkt wurde“, betont er.

Ein ausführliches Interview mit Claudia Lieblich lesen Sie hier.

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