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Mobilität

Regensburg bringt Strom ins Auto

In der Oberpfalz ensteht Spitzentechnologie für sparsame und saubere Autos. Continental zeigt uns, was die Zukunft bringt.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

Regensburg.Der weiße Renault Scénic ist ein sanftes Wesen. Er erledigt alles mit einer fast schon gefühligen, auf jeden Fall gefälligen Gelassenheit. Beim Beschleunigen aus niedrigen Drehzahlen knapp oberhalb 1000 Umdrehungen pro Minute schiebt der kleine Dieselmotor mit 110 PS sanft, aber ohne Verzögerung an. Keine Spur von Turboloch. Umgekehrt bremst er minimal stärker als gewohnt ab, wenn der Fahrer vom Gas geht. Links neben dem Drehzahlmesser zeigen digitale Balken an, dass in diesem Moment die Batterie geladen wird.

Es ist ein besonderes Fahrzeug, das wir auf dem Prüfkurs beim Automobilzulieferer Continental in Regensburg testfahren: Dieser Scénic „Hybrid Assistant“ war bei seinem Erscheinen Ende vergangenen Jahres eine Weltneuheit. Renault rollte als erster Hersteller ein sogenanntes 48-Volt-Auto auf dem Markt aus. In Deutschland ist das Modell laut Renault aber erst seit 12. Mai bestellbar.

Das System stammt von Continental. Es ist ein „milder Hybrid“, der dank elektrischer Unterstützung weniger Treibstoff verbraucht und auch die Schadstoffe aus dem Auspuff verringert. Entscheidend dabei: diese Konstruktion kostet vergleichsweise wenig. Renault verlangt dafür 1400 Euro Aufpreis.

Testfahrt mit dem von Continental sparsamer gemachten Renault: Bereichsleiter Rudolf Stark (l.) mit MZ-Redakteur Bernhard Fleischmann (r.) Foto: Linner
Testfahrt mit dem von Continental sparsamer gemachten Renault: Bereichsleiter Rudolf Stark (l.) mit MZ-Redakteur Bernhard Fleischmann (r.) Foto: Linner

Der geringe Aufwand und die Ersparnis bei Treibstoff und Schadstoffen legen die Vermutung nahe, dass sich das System schnell verbreiten wird. Im Wesentlichen entstanden ist es bei Continental in Regensburg. Die hier ansässige Division Powertrain ist für die Verbindung von Elektroantrieb und Verbrenner zuständig.

Conti-Ingenieure beschäftigen sich neben der Elektrifizierung und „Connectivity“, also der Vernetzung aller möglicher Datenquellen, auch mit dem großen Thema Nummer drei in der Automobilität, dem automatisierten Fahren. „Da gibt es große Synergien, und das alles haben wir in Regensburg“, freut sich der weltweite Leiter des Bereichs Hybrid- und Elektrofahrzeuge, Rudolf Stark. Denn die Systeme müssten aufeinander abgestimmt werden. Hat man alles vor Ort, fällt das leichter. Stark nennt ein Beispiel für die nahe Zukunft: Das Navigationssystem liefert Topographiedaten. Kommt ein Berg, nutzt das Auto die Energie der Batterie so aus, dass sie am Gipfel möglichst leer ist. Bei der Abfahrt wird sie geladen.

Heute geht Continental davon aus, dass im Jahr 2025 zehn Prozent der Neuwägen rein elektrisch betrieben und 30 Prozent Hybride sein werden. Dazu zählt auch das 48-Volt-System. Diese Technik zeigt, dass der Übergang zur E-Mobilität fließend geschieht. Elektrokomponenten schleichen sich gewissermaßen ins Auto.

Eben wie in diesem Renault. Wir rollen aus, nehmen den Gang heraus. Sobald sich das Tempo Schrittgeschwindigkeit nähert, schaltet sich der Motor ab. Ein Tritt auf die Kupplung, und die Start-Stopp-Automatik erweckt den Motor wieder zum Leben, ganz geschmeidig, ohne das von Start-Stopp-Systemenbekannte Rumpeln.

Der Unterschied zu einem reinen Diesel besteht darin, dass die Lichtmaschine an gleicher Stelle durch ein fast zum Verwechseln ähnliches Bauteil ersetzt wird: ein Elektromotor, der dem Verbrenner beim Beschleunigen hilft. Gespeist wird die E-Maschine von einer kleinen Batterie, die beim (Motor)Bremsen geladen wird. Im Testzyklus spart die Technik im Renault 13 Prozent Treibstoff. Auf der Straße, also im realen Betrieb, sind laut Continental auch gut 20 Prozent drin, spürbar mehr als ein Liter pro 100 Kilometer. Und das, obwohl der Scénic keinen Meter rein elektrisch fahren kann.

Weitere 48-V-Autos mit Continental-Technik stehen in den Startlöchern. Noch heuer wird ein großer Hersteller in Europa damit auffahren, 2018 in China und in den USA. Auch andere Zulieferer bauen inzwischen 48-Volt-Systeme, Schaeffler etwa für Daimler. Bei Continental hält man sich für führend. Auch was den Ausstoß von Schadstoffen betrifft. Ein „Super Clean Electrified Diesel“, also ein Euro-6-Diesel, der mit 48-Volt, Katalysator-Vorheizung, dem sogenannten E-Kat etc. optimiert ist, emittiert 60 Prozent weniger Stickoxide – nicht nur auf dem Prüfstand, sondern ernsthaft auf der Straße. Vorgestellt wird dieses Paket im September.

Als nächstes kündigt Stark gegenüber unserem Medienhaus einen modularen elektrischen Antrieb an. Dabei werden an der Hinterachse E-Motor und Leistungselektronik platziert, mit bis zu 400 PS Leistung. Vorne darf ein Verbrenner wirken. Der Autohersteller kann bei einem Modell alle Antriebe realisieren: reiner Verbrenner, Hybrid, reiner Stromer. BMW zum Beispiel hat vor kurzem angekündigt, all diese Varianten bei jeder Baureihe ermöglichen zu wollen. Continental verrät nicht, welcher Hersteller zunächst damit ausgerüstet wird. Aber der Start ist fix geplant für 2019 in China und 2020 in Europa.

Dr. Martin Brüll zeigt die Technik des „AllCharge“-Golf. Sie wird in der Serie stark verkleinert. Foto: Fleischmann
Dr. Martin Brüll zeigt die Technik des „AllCharge“-Golf. Sie wird in der Serie stark verkleinert. Foto: Fleischmann

Weiter in die Zukunft reicht ein Coup, der das Laden von E-Autos entscheidend erleichtern könnte. Continental hat federführend in Regensburg eine Ladetechnik im Auto entwickelt, die es erlaubt, an allen Ladestationen unterschiedlichster Technik Strom mit maximaler Geschwindigkeit zu zapfen. An den schnellen Gleichstromsäulen hole Continental noch einmal 10 Prozent mehr Tempo heraus. Bei den weiter verbreiteten, aber viel langsameren Wechselstromsäulen gehe es bis zu 12 Mal schneller. Das würde E-Autos flexibler machen. Kann man schneller laden, braucht man nicht unbedingt riesige Batterien. „Darin sehen wir eine große Zukunft“, sagt Stark. Ein VW Golf ist als Prototyp aufgebaut. Er ist das weltweit einzige Auto mit dieser Technik. Serienreif wird sie erst 2022 sein, aber in Modell- und Entwicklungszyklen der Branche gedacht bedeutet das, dass jetzt die Entwicklung dieser Fahrzeuge beginnt, erklärt Projektleiter Dr. Martin Brüll. Der technische Clou: Continental macht Elektromotor und Inverter sozusagen selbst zum „Ladegerät“, umgeht so den Engpass On-Board-Charger und nennt das Ganze „AllCharge“. Bei einer starken Schnellladesäule seien dann 150 Kilometer Reichweite binnen fünf Minuten geladen, so Brüll.

Der schwarze VW Golf in Regensburg mit der Ladetechnik an Bord, die 2022 in Serie gehen soll. Foto: Fleischmann
Der schwarze VW Golf in Regensburg mit der Ladetechnik an Bord, die 2022 in Serie gehen soll. Foto: Fleischmann

Langsamer, aber zu anderen Gelegenheiten, wirkt ein kabelloses Ladesystem. Es könnte in Parkflächen von Parkhäusern oder Supermärkten installiert werden und so Kurzzeitladungen unterwegs ermöglichen. Übertragen wird der Strom induktiv von einer Bodenplatte auf eine Platte unter dem Fahrzeug. Damit das Laden funktioniert, navigiert sich das Auto selbstständig in Position. Entstanden ist die Lösung in Regensburg.

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