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Psychologie

Die Angst hindern, zurückzukehren

Neues Verfahren von Regensburger Forschern macht die Expositionstherapie wirksamer: Das Risiko von Rückfällen wird reduziert.
Von Louisa Knobloch, MZ

In der virtuellen Realität bekamen die Probanden eine Spinne gezeigt. Über den Schlauch wurde mit einem unangenehmen Luftstoß eine Angstreaktion vor dem neutralen Reiz erzeugt.
In der virtuellen Realität bekamen die Probanden eine Spinne gezeigt. Über den Schlauch wurde mit einem unangenehmen Luftstoß eine Angstreaktion vor dem neutralen Reiz erzeugt. Foto: Universität Regensburg

Regensburg.In dem Terrarium, das auf einem halbhohen Schrank im Büro von Dr. Youssef Shiban steht, krabbelt eine Vogelspinne. Während manche Menschen diese Tiere faszinierend finden, lösen sie in anderen Panik aus. Die Angst vor Spinnen ist wohl eine der häufigsten Tierphobien. Zur Behandlung solcher Ängste setzen Psychotherapeuten oft die sogenannte Expositionstherapie ein, bei der Patienten mit den für sie angstauslösenden Objekten oder Situationen konfrontiert werden. Ziel ist es, einen Lernprozess in Gang zu setzen, der dem Betroffenen verdeutlicht, dass die Situation harmlos ist.

Sich seinen Ängsten zu stellen, kostet jedoch Überwindung: Zwölf bis 15 Prozent der Angstpatienten brechen die Expositionstherapie Shiban zufolge ab oder verweigern sie ganz. Und bei 20 bis 30 Prozent der Patienten treten nach der Therapie Rückfälle auf. „Es gibt verschiedene Angstrückkehrmechanismen“, erklärt Shiban, der am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Regensburg zu Angsterkrankungen forscht. Denn die Angst wird oft nicht komplett gelöscht, sondern nur gehemmt – sozusagen von Nicht-Angst überdeckt. „Diese Nicht-Angst erlernen die Patienten im Kontext der Therapie“, sagt Shiban. Wenn die Betroffenen später aber an einem anderen Ort mit einer Spinne konfrontiert werden, handelt es sich um einen neuen Kontext – und die Angst kehrt möglicherweise zurück.

Virtuelle Realität hilft bei Therapie

Ein Forscherteam um Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Andreas Mühlberger und Dr. Youssef Shiban hat nun eine Methode entwickelt, mit der sich die Rückfallquote senken lässt. Die Häufigkeit des angstauslösenden Reizes wird dabei kontinuierlich reduziert, anstatt abrupt zu verschwinden. Experten sprechen hier von einer graduellen Extinktion. Die Ergebnisse der Wissenschaftler wurden in der Fachzeitschrift „Frontiers in Behavioral Neuroscience“ veröffentlicht.

An der Studie nahmen insgesamt 31 gesunde Probanden teil, die zufällig einer von zwei Untersuchungsgruppen zugeteilt wurden. Der Versuchsaufbau bestand aus drei Phasen: Akquisition, also Erlernen der Angst, Extinktion, dem Löschen der Angst, und schließlich einem Test auf Angstrückkehr. Einer Gruppe wurde als neutraler Reiz eine Spinne, der anderen ein Skorpion gezeigt. Allerdings keine echten Tiere, denn die Experimente fanden in virtueller Realität (VR) statt. Die Probanden tragen dabei eine spezielle VR-Brille.

Im Experiment wurden die Probanden in der virtuellen Realität mit einer Spinne konfrontiert.
Im Experiment wurden die Probanden in der virtuellen Realität mit einer Spinne konfrontiert. Foto: Universität Regensburg

„Virtuelle Realität wird zunehmend in der Therapie von Angststörungen eingesetzt“, sagt Shiban. Bei manchen Phobien wie etwa Flugangst erleichtere die Technik die Behandlung deutlich, da eine Flugsimulation in der virtuellen Realität wesentlich einfacher und kostengünstiger sei, als den Patienten samt Therapeuten tatsächlich in ein Flugzeug zu setzen. Aber auch in der Therapie von posttraumatischen Stressbelastungen – etwa bei Soldaten nach einem Kampfeinsatz – könne die virtuelle Realität gut eingesetzt werden.

In der Forschung bietet die Technik Shiban zufolge ebenfalls viele Vorteile: „Dadurch lassen sich Experimente beliebig oft wiederholen und die Daten sind immer vergleichbar.“ Wenn man dagegen zwei Probanden eine echte Spinne zeige und sich diese bei einem bewege und beim anderen nicht, erhalte man möglicherweise völlig unterschiedliche Ergebnisse.

Angst erlernen und wieder löschen

Dr. Youssef Shiban in seinem Büro. In dem Terrarium hält er eine Vogelspinne.
Dr. Youssef Shiban in seinem Büro. In dem Terrarium hält er eine Vogelspinne. Foto: Knobloch

In der aktuellen Studie wurde bei den Probanden eine Angstreaktion erzeugt, indem der Anblick von Spinne und Skorpion wiederholt mit einem unangenehmen Reiz, in diesem Fall einem kurzen, aber intensiven Luftstoß am Hals, kombiniert wurde. „Wir schaffen auf diese Weise eine Assoziation zwischen Objekt und Angst“, erklärt Shiban. Gemessen wurde das Ausmaß der Angst der Probanden anhand von physiologischen Kriterien wie Hautleitfähigkeit oder Schreckreaktion. In der anschließenden Extinktionsphase wurde die Angst wieder gelöscht. Bei einem Teil der Probanden wurde dazu – wie bei diesem Verfahren üblich – der ursprünglich neutrale Reiz mehrfach ohne den unangenehmen Luftstoß präsentiert. Bei der anderen Gruppe wurde der Luftstoß hingegen allmählich reduziert, bis er schließlich ganz ausblieb.

Zum Abschluss wurde einen Tag später bei beiden Gruppen anhand der Schreckreaktion die Angstrückkehr getestet. „Dabei haben wir gesehen, dass die graduelle Extinktion die Wahrscheinlichkeit, dass die Angst zurückkehrt, signifikant reduziert“, sagt Shiban. Die Methode könnte also dazu beitragen, den Erfolg der Expositionstherapie zu erhöhen, indem die Gefahr von Rückfällen reduziert wird.

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