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Vogelschützer sichern Spatz & Co. Stadtreviere

Werden Gebäude gedämmt, ist das gut für Umwelt und Heizkosten. Doch Vögel, die in Ritzen und anderen Hohlräumen brüten, haben das Nachsehen. In mühevoller Kleinarbeit wollen Naturschützer gegensteuern - aber das findet nicht jeder gut.
Von Anja Sokolow, dpa

Ein Spatz an der Hauswand der Grundschule am Stadtpark Steglitz in Berlin. Wenn Gebäude gedämmt werden, ist das gut für Umwelt und Heizkosten, doch Vögel haben oft das Nachsehen. Foto: Jörg Carstensen
Ein Spatz an der Hauswand der Grundschule am Stadtpark Steglitz in Berlin. Wenn Gebäude gedämmt werden, ist das gut für Umwelt und Heizkosten, doch Vögel haben oft das Nachsehen. Foto: Jörg Carstensen

Berlin.Ein Sonntagmorgen in Berlin-Steglitz: Naturschützer stehen vor einer Schule und beobachten Spatzen und Mauersegler. „Die Bedingungen sind ideal. Unterm Dach gibt es Nistkästen für Mauersegler.

Und hinter den ungenutzten Rolläden können Spatzen und Meisen brüten“, erläutert Andrea Schulz von der „Arbeitsgruppe Gebäudebrüter“ des Naturschutzbundes (Nabu).

An anderen Häusern der Stadt stehe es mitunter deutlich schlechter um die Artgenossen. Energetische Sanierungen oder auch Neubauten ohne Rücksicht auf den Vogelschutz machten typischen Gebäudebrütern das Leben schwer. Offene Fugen, schmale Ritzen und Hohlräume würden häufig mit Dämmmaterial verschlossen - ohne an Ersatz-Nistkästen zu denken. Und mitunter passiere es auch, dass Vögel bei den Bauarbeiten einfach eingemauert werden oder Nester mit Küken im Müll landen, ergänzt die Gründerin der Arbeitsgruppe, Christina Baradari.

Schulz, Baradari und anderer Ehrenamtliche kämpfen seit Jahren dafür, dass Vögel Sanierungen überleben und auch hinterher noch Nistplätze finden. Sie kartieren deshalb die Nistplätze an zu sanierenden Gebäuden und sammeln die Informationen in einer Datenbank, die Umweltbehörden zugänglich ist. Diese wiederum fordern die Bauherren auf, Gutachter einzuschalten. Wenn diese Niststätten bestätigen, müssen Ersatzquartiere geschaffen werden.

An diesem Sonntagmorgen hat Andrea Schulz neue Mitglieder der Arbeitsgruppe eingeladen, um zu erklären, was sie beim Kartieren alles beachten müssen. Darunter Rentnerinnen, eine Krankenschwester und ein Wissenschaftsredakteur. Schulz erläutert, dass der genaue Nistort mit Angabe der Etage wichtig ist, wann welche Vogelart etwa brütet, und wie oft im Jahr und zu welcher Tageszeit das Beobachten jeweils am günstigsten ist. Für die kommenden Wochen hat sich die Gruppe Schulgebäude vorgenommen, die vor der Sanierung stehen.

„Wir haben in der Datenbank bereits mehr als 2000 Gebäude oder Gebäudetrakte“, sagt Baradari. „Ganz oft wird der Naturschutzbehörde erst durch unsere Vorarbeit das Vorkommen von Niststätten bekannt, und es wird veranlasst, dass ein Gutachter hinzugezogen wird.“

Der Vorsitzende des Nabu Berlin, Rainer Altenkamp, schätzt, dass in der Hauptstadt pro Jahr etwa 10 000 Gebäude saniert werden. „Von denen werden sicher nur einige Hundert artenschutztechnisch betreut. Bei dem Rest wird eine große Zahl von Niststätten wegfallen.“ Ohne die Vorschriften für Bauherren sähe es noch schlechter aus. „In den Jahren 2013 bis 2016 wurden rund 9100 Niststätten zur Beseitigung freigegeben und durch andere Nistmöglichkeiten ersetzt“, berichtet Derk Ehlert von der Umweltverwaltung.

Welch Folgen der Bau- und Sanierungsboom haben kann, zeigt Hamburg. In der Hansestadt seien Spatzen nur noch an bestimmten Schwerpunkten zu finden, in einigen Stadtteilen so gut wie gar nicht mehr, sagt der dortige Nabu-Vogelschutzreferent Marco Sommerfeld. Die Vögel bräuchten neben Nistplätzen auch Verstecke in Gebüschen und offene Bodenflächen, etwa für Sandbäder - in Hamburg immer seltener zu finden. „In Berlin ist das Tschilpen der Spatzen noch deutlich häufiger zu hören“, so Sommerfeld.

Auch in München wird es enger für diese Arten. „Durch die massive Bau- und Sanierungstätigkeit sind die Bestände in den letzten 25 Jahren langsam, aber kontinuierlich zurückgegangen“, berichtet Sylvia Weber vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern. „Am schlimmsten steht es um Mauersegler, Mehlschwalbe und Haussperling“, so die Projektleiterin für Artenschutz an Gebäuden. Auch in München kartieren Vogelschützer Niststätten, um die Bestände zu sichern.

Insgesamt sind deutschlandweit seit Anfang der 1990er Jahre die Bestände verschiedener Gebäudebrüter zum Teil stark rückläufig. „Beim Mauersegler und der Mehlschwalbe ist die Population jeweils im Schnitt um etwa 30 Prozent zurückgegangen“, sagt Christoph Sudfeldt, Geschäftsführer des Dachverband Deutscher Avifaunisten. Auch Rauchschwalben seien seltener. Ihr Bestand sank demnach um etwa 20 Prozent. Bei Haussperlingen - Spatzen - sei die Entwicklung nach einem Rückgang Anfang der 1990er insgesamt relativ stabil.

„In den ersten Nachkriegsjahrzehnten war Deutschland allerdings auch ein Eldorado für Gebäudebrüter mit entsprechend großen Populationen“, so Sudfeldt mit Blick auf viele alte Gebäude, die ideale Lebensbedingungen boten. Jetzt pegele sich der Bestand bei vielen Arten auf einem niedrigeren Niveau ein.

Der Sanierungsboom habe zwar Folgen für die Vögel, sei energetisch aber sinnvoll. Alternativen in Form von Nistkästen zu schaffen sei unproblematisch. „Man kann viel für den Artenschutz tun. Im Vergleich zu den Gesamtbaukosten sind es oft nur wenige Euro“, so Sudfeldt.

Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes sieht das anders. „Der Schutz von Tieren liegt uns allen sehr am Herzen und dennoch sind die Vorschriften zum Schutz der Gebäudebrüter eine weitere Kostenbelastung“, sagt Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa. „Während die Auflagen steigen, werden die gleichzeitig steigenden Immobilienpreise und Mieten beklagt. Dass das eine teilweise auch mit dem anderen zu tun hat, wird dabei gerne vergessen.“ Von der Arbeit der Berliner Vogelschützer halte der Verband nichts. „Für die Einhaltung von Bauvorschriften sind Behörden zuständig und nicht Umweltschutzorganisationen“, so Pakleppa.

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