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Kolumne

Das glückliche Erwachen

ECTS-Punkte, Modulchaos – wie gut hatten es da die Studenten früher! Doch wie viel Achtundsechziger steckt in unserem Autor?

Eine Studentin protestiert gegen Bachelor-Studiengänge. Auch unser Autor träumt davon, frei von den Fesseln Bolognas zu studieren.
Eine Studentin protestiert gegen Bachelor-Studiengänge. Auch unser Autor träumt davon, frei von den Fesseln Bolognas zu studieren. Symbolfoto: Marius Becker/dpa

Liebes Tagebuch,

da ist er wieder, der Silberstreif am Horizont. Mit zusammengekniffenen Augen lässt er sich schon erkennen, als ermahnender Schimmer und hoffnunsbringender Stern. Der nahende Beginn des Wintersemesters 2015. Mit großen Erwartungen fiebere ich richtiggehend dem Termin in knapp drei Wochen entgegen. Nach unzähligen Tagen der Apathie und Untätigkeit, einem unruhigen Schlaf gleichend, welcher von wenigen Wachmomenten durchzogen wurde – eine Hausarbeit abliefern hier, ein Besuch beim Prüfungsamt dort – scheint das glückliche Erwachen nahe. Die Universität als edler Prinz, der mich aus meinem unfreiwilligen Dornröschenschlaf der Semesterferien wachküssen wird. Ein neues Semester, welches mich als zielstrebigen Studenten wieder ein Stück weiter zum nahenden Staatsexamen führen wird.

Zielstrebig. So rede ich es mir ein, während ich mir, den Schlaf aus den Augen reibend, einen Kaffee mache. Zielstrebig, ja das brauche ich jetzt. Quälend ist die Hoffnungslosigkeit meiner studentischen Existenz. Deprimierend die bisher erreichten Leistungen im Vergleich mit denen meiner deutlich erfolgreicheren Kommilitonen. Aber ich darf nicht verzweifeln! Mich nicht vom gesellschaftlichen Druck unterkriegen lassen. Das Studium muss wieder entschleunigt werden!

Welch schöner Gedanke, frei von den Fesseln Bolognas studieren, wie die Generationen vor uns. Alle Zeit der Welt zwischen ein paar gemütlich erreichten Scheinen gegen Altnazis, Krieg und Kapitalismus zu demonstrieren. Ohne den Kopf voller Modulchaos und ECTS-Punkten in der Kommune über Marx und Engels diskutieren. Wahrlich, das klingt wundervoll!

Ein Schluck heißer Kaffee bringt mich wieder in die triste Realität des Jahres 2015 zurück. Verklärte Achtundsechzigerromantik hilft mir auch nicht weiter. In meinem trägen, kraftlosen Leib steckt sowieso kein Revolutionär. Zudem ich mich lieber von der Last des Studiums erdrücken lasse, als am Ende noch von eifrigen Staatsbeamten in Grün geknüppelt zu werden. So werde ich mir im Verlauf des Morgens wieder meines Glückes bewusst, in der heutigen Zeit zu studieren. Immerhin habe ich mir nicht einreden lassen, in sechs Semestern den Bachelor erreichen zu müssen. Mich nicht vom Erfolgswahn mitreissen lassen. Verbringe mein Studium nicht unter steter Angst, bei einem verlorenen Semester später einmal keinen Job mehr zu bekommen. Ja, ich habe mir mein erstes Semester erst einmal zur Orientierung genommen. In meinem zweiten und dritten habe ich mich künstlerisch im Theater engagiert. Das vierte brauchte ich dann zur Erholung, nach den Dreien davor. Nach solch einer bewegten humboldtschen Herangehensweise an meine akademische Ausbildung ist es doch nicht tragisch, so wenige Leistungspunkte auf dem Konto verbucht zu haben.

Ach du meine Güte, oh Tagebuch! Keine Leistungspunkte! Welch Graus! Ich vergeige mein Studium! Panisch öffne ich meinen Laptop und fülle, nach dieser schrecklichen Realisation, meinen Stundenplan im Onlineportal mit unzähligen Vorlesungen, Seminaren und Übungen. Puh, dies sollte erst einmal genügen. Mein Blutdruck senkt sich langsam wieder. Gar eine innere Ruhe stellt sich ein. Wie schön, da ist er nun klar sichtbar, mein Hoffnungsschimmer. Im fünften Semester, da wird alles anders. Jawohl! Da wird keine Vorlesung geschwänzt, keine Prüfung geschoben oder gar unter den Tisch fallen. Jeden Tag wird gebüffelt!

So liebes Tagebuch. Ich werde mich nach diesem anstrengenden Vormittag voller Selbstzweifel, Semesterplanung und guter Vorsätze erst einmal zum wohlverdienten Mittagsschlaf betten. Aufregende Träume erwarten mich, von besseren studentischen Zeiten, von anregenden und hitzigen Diskussionen mit Rudi Dutschke und von brutalen Jubelpersern mit Holzbrettern und Eisenrohren. In mir steckt vielleicht doch ein Revoluzzer. Ein echter Achtundsechziger. Ja, dem Establishment, dem werde ich es zeigen! Vielleicht nutze ich das fünfte Semester doch lieber für politisches Engagement – ich habe ja noch alle Zeit der Welt...

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