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Interview

Das Zeitalter des Narzissmus

Im Interview erklärt Dr. Markus Wittmann, Facharzt für Psychiatrie, warum Selbstverwirklichung zu Lasten der Empathie geht.
Dr. Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum Klinik Wöllershof

Dr. Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum Klinik Wöllershof Foto: Juliane Zitzelsperger
Dr. Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum Klinik Wöllershof Foto: Juliane Zitzelsperger

Regensburg.Gefühlt hat man den Eindruck, dass die Menschen immer häufiger bei nichtigsten Anlässen in aggressives Verhalten verfallen. Gibt es womöglich gesellschaftliche oder technische Entwicklungen, die uns stärker unter Druck setzen und dadurch aggressiver machen? Oder sind wir womöglich den Anforderungen, die an uns gestellt werden, nicht mehr gewachsen?

Sicherlich täuscht der Eindruck nicht, dass es eine tendenziell zunehmend aggressive Grundstimmung in der Gesellschaft gibt. Auch ist es so, dass der Mensch heutzutage Anforderungen gegenübersteht, die es vor einigen Jahrzehnten noch nicht gab. Zunehmenden technischen Möglichkeiten haben sich auch zunehmende technische Anforderungen gegenübergestellt, die zu einer vermehrten Stressbelastung beitragen. Zudem kam es in den letzten Jahrzehnten auch zu Veränderungen bezüglich der sozialen Bindungen, die zwar vielfältiger geknüpft werden können, jedoch insgesamt an Stabilität nicht unbedingt dazugewonnen haben. Gefühlte Ungerechtigkeit und das Gefühl, den Anschluss zu verpassen oder den Anforderungen nicht zu genügen, können hier sicherlich auch beitragen, wenngleich dies nicht zwingend den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen muss.

Inwieweit hat unsere Erziehung Einfluss auf späteres aggressives Verhalten?

Die Erziehung nimmt insgesamt einen nicht unerheblichen Anteil an der Persönlichkeitsentwicklung ein, stellt aber nur einen Teil der gesamten Umwelteinflüsse dar, die die Persönlichkeitsentwicklung prägen können. Vor allem die emotionale Fürsorge und stabile und wertschätzende soziale Bindungserlebnisse in den ersten Lebensjahren und in der Kindheit können dazu beitragen, später im Erwachsenenalter stabile Verhaltensweisen herauszubilden, die dann weniger anfällig sind für ungünstige Einflüsse oder Stress. Es soll allerdings nicht übersehen werden, dass aggressives Verhalten durchaus ein Verhalten ist, dass zu den natürlichsten menschlichen Verhaltensweisen zu rechnen ist. Das Fehlen von aggressiven Verhaltensweisen oder gar die Unmöglichkeit, aufgestaute Aggressionen auch auszuleben, können in Verhaltensstörungen münden oder in verdrängte und dann sich aufstauende Aggressionen. Somit ist für die Erziehung nicht nur das Vermeiden von unkontrollierten Verhaltensweisen sondern auch das Erlernen der Kontrolle von Trieben und Instinkten entscheidend, die es gilt, in der jeweiligen Situation angemessen einzusetzen. So hat sich in wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass ein Erziehungsstil, der von zu wenig Regeln und Grenzen bestimmt ist, später zu emotionaler Instabilität führen kann. Umgekehrt kann ein Erziehungsstil, der übermäßig in die eigene Persönlichkeitsentwicklung eingreift natürlich genauso schädlich sein.

Was steckt hinter aggressivem Verhalten, wie es mittlerweile ja selbst Helfer wie Rettungskräfte oder die Polizei zu spüren bekommen? Werden die Menschen zu Egomanen, die keine Rücksicht mehr auf andere nehmen?

Der Mensch ist an sich ein soziales Wesen, der um Rücksichtnahme bemüht ist und der nach sozialer Anerkennung strebt.

Hinter aggressivem Verhalten, wie es beispielsweise auch Rettungskräfte, die Polizei, Lehrer in den Schulen oder auch Personal in Krankenhäusern zunehmend feststellt, steckt ein aggressives Verhalten, das unseren gesellschaftlichen Normen und Moralvorstellungen gänzlich widerspricht und gerade deshalb so großes Unverständnis hervorruft.

Diese Form der Rücksichtslosigkeit ist wahrscheinlich keine nur in der Individualentwicklung zu suchende Fehlentwicklung, sondern muss tatsächlich in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet werden. Der Begriff des „Zeitalters des Narzissmus“, den man gelegentlich in entsprechenden Abhandlungen verwendet sieht, deutet an, dass in unserer Zeit eine zunehmende Individualisierung von Lebenszielen, -entwürfen und -tätigkeiten ermöglicht wird, die dann zu einer übermäßigen Selbstbezogenheit führen und somit die Rücksichtslosigkeit und die Abnahme von Empathie fördern kann.

Die schier unendliche Zunahme von Möglichkeiten, den eigenen Lebensentwurf zu steuern und zu gestalten führt überdies zu einem vermehrten Erwartungsdruck die eigene Entfaltung betreffend und andererseits auch zu einer zunehmenden Unzufriedenheit, nur einen Bruchteil der vorhandenen Möglichkeiten während der Lebenszeitspanne umsetzen zu können. Dadurch ergibt sich auch eine gestiegene Erwartungshaltung von Seiten des sozialen und beruflichen Umfelds, möglichst vielen Rollen und Anforderungen gerecht zu werden. Schon alleine der sich in vielen Buchtiteln versteckende Imperativ dessen, was man bis an sein Lebensende bereist, gelesen, gehört, gegessen oder getrunken haben „muss“ verdeutlicht anschaulich die gefühlte Pflicht des Menschen, alle Möglichkeiten, die das Leben bietet, auszuschöpfen. Dies führt zu einer narzisstischen Leere, zu einer Kultur des „Unverzichts“ und des ungestillten und damit auch nicht mehr genussfähigen Hedonismus, der sich der Lust entzieht und zur Lebenspflicht ideologisiert wird.

Wie kann man Aggressionen kompensieren? Wann werden Aggressionen zu einer Krankheit oder sind Teil einer Krankheit? Wie werden diese Krankheiten medizinisch behandelt?

Die Kompensation von Aggressionen kann durch viele Dinge wie Entspannung, Sport oder das Pflegen guter sozialer Bindungen gelingen, der Spruch „Viel hilft viel“ gilt hier nicht, denn die Qual der Wahl nach der „perfekten“ Freizeitbeschäftigung kann ja sicherlich auch wiederum aggressiv machen.

Aggressionen können natürlich auch Teil einer Erkrankung sein, das „Symptom“ Aggression kann bei schweren Psychosen, Drogenintoxikationen und Demenzerkrankungen genauso auftreten wie nach Schlaganfällen oder Entzündungsprozessen im Gehirn. Aggression ist somit kein Symptom spezieller Erkrankungen, die Behandlung kann daher höchst unterschiedlich sein. Allerdings muss an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass nur bei den wenigsten psychisch Erkrankten Aggressionen auftreten, die das normale und gesellschaftlich noch tolerierte Maß deutlich übersteigen. Die Unterschiede zu den Nicht-Erkrankten sind hier zwar statistisch fassbar, aber in der Ausprägung nicht erheblich. Die aktuell festzustellenden Veränderungen in unserer Gesellschaft sind daher weniger in der Individualpsychologie als eher in der Massenpsychologie zu suchen und entziehen sich daher auch dem Feld der Psychiatrie und teilweise auch der Psychotherapie.

Machen Aggressionen Menschen zwangsläufig gewaltbereit?

Jeder Mensch ist in seinem „Normalzustand“ gewaltbereit, was evolutionsbiologisch neben anderen Instinkten, wie beispielsweise dem Fluchtinstinkt, schlicht dem Überleben diente. Das Problem jedoch ist, dass wir heutzutage mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert sind als mit denjenigen, die das menschliche Gehirn während seiner Entwicklung gelernt hat zu meistern. Somit könnte man die Hypothese bilden, dass Aggressionen auch fehlgeleitete Problemlösestrategien sein können, weil uns schlicht die Fähigkeiten fehlen, manche Situationen, die uns in einen emotionalen Konflikt bringen, intelligenter zu lösen. Als Beispiel könnte man sich einen Autofahrer vorstellen, der bei einem Unfall, anstatt zu warten, die Rettungskräfte bedroht und auf Durchfahrt beharrt, weil er ansonsten zu spät zur Arbeit kommt. Es muss nicht immer ein primär rücksichtsloser Charakter hinter einem derartigen sicherlich unentschuldbaren Fehlverhalten stecken, vielleicht ist es manchmal auch der missglückte Versuch des Gehirns, zwischen der Pflicht, z.B. auf die Rettungskräfte Rücksicht zu nehmen und der Pflicht, seiner Arbeit nachzugehen und die Familie zu ernähren, sinnvoll priorisierend in kurzer Zeit zu vermitteln.

Man sollte nicht vergessen: unser Gehirn arbeitet noch in etwa mit der gleichen „Hardware“ wie vor vielen tausend Jahren.

Gibt es „Hausmittel“, mit denen man Aggressionen vorbeugen kann?

Hausmittel im klassischen Sinne nicht, aber sicherlich wird es für jeden Einzelnen in unserer Zeit zunehmend wichtiger, sich vor zu vielen Einflüssen und Erwartungen zu schützen. Wenn man Entspannung, Nichtstun und den sogenannten „Müßiggang“ als Hausmittel bezeichnen möchte, wären dies meine Empfehlungen. Vielleicht wäre zumindest manchmal Müßiggang aller Laster Ende.

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