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MZ-Interview

„Die Ehelosigkeit von Priestern ist kein Dogma“

MZ-Korrespondent Reinhard Zweigler sprach mit dem Apostolischen Nuntius über die Aufgaben des neuen Papstes und Reformen in der katholischen Kirche.

Die Reformen in der Kirche sind für Jean-Claude Perisset, der während des Besuchs Benedikts XVI. in Regensburg verweilte, nicht allein Sache des Papstes, sondern aller Christen. Foto: MZ-Archiv/altrofoto.de

Papst Franziskus überraschte bei seinen ersten Auftritten mit schlichten Gewändern und Schuhen. Sind das Zeichen der neuen Bescheidenheit des Oberhirten?

Ich freue mich, dass Franziskus in seinen ersten Reden und Predigten deutlich gemacht hat, es geht nicht um ihn, nicht um seine Person, sondern es geht um Christus, es geht um die frohe Botschaft von der Liebe Gottes. Diese Linie seines Pontifikats ist keineswegs neu. Übrigens, wegen eines Wirbelsäulenleidens muss der Papst orthopädische Schuhe tragen.

Was dürfen Christen und Nichtchristen vom neuen Papst erwarten?

Die Christen können erwarten, dass der Papst sie als Nachfolger auf dem Stuhl Petri im Glauben an Gott ermutigt und inspiriert. Die Botschaft von der Liebe und der Gnade Gottes ist zugleich ein Angebot an alle Menschen, auch an die, die nicht glauben.

Was bedeutet die Wahl des Namens Franziskus nach dem Heiligen Franz von Assisi?

Nomen est Omen. Der Heilige Franziskus steht für die Liebe zu den Armen. Nicht nur zu den materiell, sondern auch zu den geistig armen Menschen. Und er steht zugleich für Frieden zwischen den Menschen, den Religionen und Völkern. Der Heilige Franziskus ist nicht wie ein Herrscher aufgetreten, sondern selbst wie ein Armer, wie ein Bettler.

Ist Papst Franziskus, der der mächtigen Katholischen Kirche vorsteht, ein Bettler für den christlichen Glauben?

Im Grunde genau das. Er ist ein Brückenbauer zum Glauben an Gott, ein Pontifex.

Was heißt das für die katholische Kirche?

Die Antwort hat Papst Benedikt in seiner Freiburger Rede gegeben, in der er zur Entweltlichung aufgerufen hat. Papst Franziskus knüpft an dieses Programm zur Entweltlichung an. Das bedeutet, die Kirche ist nicht ihrem eigenen Vorteil, sondern dem Dienst an der Gesellschaft verpflichtet. Dazu bedarf es auch der Neubesinnung über die zur Verfügung stehenden Mittel und ihren sinnvollsten Einsatz. Wir haben in der Nuntiatur einen Mercedes, aber es tut doch auch ein preiswerter Volkswagen.

Will die katholische Kirche etwa auf die Kirchensteuer verzichten, die in Deutschland vom Staat erhoben wird?

Nein, ohne Kirchensteuer müssten wir unsere Krankenhäuser, Schulen, Pflege- und Altenheime und viele andere Einrichtungen schließen. Es ist eine Tradition des Frühchristentums, dass wir ein Drittel der materiellen Güter der Kirche für Arme und Bedürftige verwenden, ein Drittel für kirchliche Angelegenheiten, ein Drittel für Entlohnung der Mitarbeiter. Das alles ist selbst mit der Kirchensteuer schwer genug.

Vom neuen Papst werden eine Reform der Kurie, ein besseres Einvernehmen zwischen Rom und den Diözesen in aller Welt, Fortschritte bei der Ökumene, bei der Rolle von Frauen in der Kirche und Maßnahmen gegen den Priestermangel erwartet. Kann er das überhaupt schaffen?

Nein, das sind Aufgaben der gesamten Kirche. Die Aufgabe des Oberhauptes der Katholischen Kirche ist es, Impulse zu geben, an die gemeinsamen Ziele zu erinnern, zu ermutigen. Die Erwartungen an Papst Franziskus sind riesengroß, aber es liegt in der Verantwortung jedes Christen, mitzutun. Ich war froh, dass bei der Amtseinführung des Papstes in Rom viele verantwortliche Politiker, auch die deutsche Bundeskanzlerin, sich dazu bekannt haben: Ja, wir brauchen Barmherzigkeit auch in der Politik.

Kann Barmherzigkeit die Welt verändern, Hunger stillen, Kriege beenden?

Jesus Christus hat ein Beispiel dafür gegeben, wie Barmherzigkeit, die aus dem Glauben an Gott entspringt, die Welt verändern kann. Die Mittel dazu haben, etwa mit unseren Hilfswerken, der Caritas, Misereor, dem Bonifatiuswerk, den Stiftungen, aber vor allem mit den Millionen Christen, die Barmherzigkeit leben.

Warum hält die katholische Kirche am Zölibat fest, von der in der Bibel keine Rede ist?

Viele Sachen stehen nicht in der Bibel und es gibt sie trotzdem, etwa die Pfarreien. Die Ehelosigkeit ist kein Dogma, sondern eine Tradition der römisch-katholischen Kirche. Der Papst wird diesen Grundsatz nicht allein, nicht ohne die Zustimmung der Bischöfe ändern können. Vielleicht wird man auf einer Synode darüber diskutieren. Man muss die Vor- und Nachteile des Zölibats auf der ganzen Welt untersuchen. Aber ich verweise auch auf Menschen in anderen Berufen, etwa Ärzte, Universitätsprofessoren, die nicht verheiratet sind und ganz in ihren Berufen aufgehen, für ihre Patienten und Schüler da sind.

Aber schreckt das Zölibat nicht junge Männer ab, Priester zu werden? Es herrscht dramatischer Priestermangel.

Es gibt zu wenige Priester, weil junge Menschen zu materialistisch denken. Nur wenige sind bereit, sich ganz Gott und dem Dienst am Mitmenschen zu verschreiben.

Wird es eine Lockerung der kirchlichen Regeln geben, damit auch Frauen zu Priestern geweiht werden können?

Ganz sicher nicht. Das gehört zum Dogma. Wer über Frauenpriester redet, der spricht ins Nichts.

In vielen Ländern sind Ehen gleichgeschlechtlicher Partner erlaubt. Was sagt die katholische Kirche dazu?

Ich verweise auf das erste Kapitel des Römerbriefes. Mehr ist dazu nicht zu sagen. (Dort wird die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern als widernatürlich und Verwirrung des Denkens verurteilt, Anm. d. Red.)

Warum wächst der Bedarf nach Glauben, nach Sinnstiftung im Leben, aber der Kirche kehren Hunderttausende den Rücken?

Die Säkularisierung der Welt ist ein großes Problem. Es gibt Menschen, für die ihr Glaube kein Grund mehr ist, in der Kirche zu bleiben.

Der Glaube ist Privatsache.

Ja, sicher. Aber der Glaube, der in der Gemeinschaft der Christen gelebt wird, das Empfangen der Sakramente, die gelebte Verantwortung füreinander in der Gemeinde ist eine große Gnade.

Wird mit dem Papst aus Lateinamerika das Gewicht der Kirche dorthin verlagert, wo es die meisten Katholiken gibt?

Das Gewicht der Kirche hängt nicht von der Zahl der Gläubigen ab, sondern von der Gnade Gottes. Das Gewicht der Kirche ist überall gleich, wo Christus anwesend ist, in Berlin so wie in Rom oder Buenos Aires.

2017 begehen die Protestanten den 500. Jahrestag des Beginns der Reformation, die vom katholischen Mönch Martin Luther ausging. Kann das Jubiläum zur Versöhnung der Konfessionen beitragen?

Ich wünsche mir, dass die Protestanten Luthers Grundidee beherzigen, der das Evangelium rein und ganz verwirklicht sehen wollte. Papst Benedikt XVI. hat in Erfurt gesagt, dass Luther ein Suchender Gottes war. Das Luthertum ist nicht mit Luther geboren, sondern erst später Ende des 16. Jahrhunderts begründet worden, weil man von der Teilung der Kirche profitieren wollte. Aber wir sind alle Christen. Deshalb glaube ich, die Rückkehr zur Grundidee Luthers bedeutet eine immerfortwährende Bekehrung der protestantischen Brüder und Schwestern zu Christus, wie für uns unsere ständige Bekehrung. Ecclesia semper reformanda. Christus ist derjenige, der uns bekehrt und erneuert.

Aber die Protestanten werden sich nicht von Rom bekehren lassen.

Nein, wir wollen sie nicht bekehren. Sie sollen sich selbst bekehren. So wie die Bekehrung eine ständige Aufgabe aller Christen ist.

Gibt es zwischen Katholischer und Evangelischer Kirche mehr Trennendes oder mehr Verbindendes?

In der christlichen Grundlehre gibt es mehr Verbindendes. Deshalb wurde vor rund 13 Jahren auch die gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigungslehre unterzeichnet. Aber in der Struktur der Kirchen gibt es mehr Trennendes, etwa beim Abendmahl oder bei der Vermittlung von Gottes Wort. Wir sagen, es bedarf der Vermittlung durch das Priesteramt. Christus sagte, wer die Apostel hört, der hört mich.

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