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Organspende-Skandal

„Dr. O.“ ruiniert Karriere seines Mentors


Von Louisa Knobloch und Wolfgang Ziegler, MZ

Prof. Hans J. Schlitt und Dr. O. waren ein Herz und eine Seele – seit langer Zeit. Schon in den 1990er Jahren hatten sich die beiden an der Medizinischen Hochschule Hannover kennengelernt. Der am Donnerstag suspendierte Regensburger Chef-Chirurg (51), ein Schüler des renommierten Transplantationsmediziners Rudolf Pichelmayr, war dort damals Oberarzt, der zuletzt in Göttingen tätige Mediziner (45) einer der Assistenzärzte. Schon 1999 arbeiteten die beiden eng zusammen, als sie erstmals in Deutschland bei einer Leberlebendspende eine sogenannte Split-Leber-Transplantation durchführten, bei der mit einem Organ zwei Patienten versorgt werden können.

Eine solche Pionierarbeit verbindet. Als Schlitt 2003 den Lehrstuhl für Chirurgie an der Universität Regensburg einnahm und fortan gleichzeitig die Stelle des Direktors der Klinik und Poliklinik für Chirurgie am Universitätsklinikum besetzte, dauerte es nicht lange, bis er seinen Kollegen an die Donau holte. Auch den weiteren Berufsweg gingen die Mediziner gemeinsam – ein Weg, der sie zuletzt nach Jordanien führte. Im Auftrag der Staatsregierung sollte Dr. O. dort im Jordan-Hospital in Amman ein Lebertransplantationsprogramm aufbauen, selbst Transplantationen vornehmen und Ärzte anleiten. Und eben dorthin ging 2005 ein Organ aus der Eurotransplant-Zone, das eigentlich für einen Patienten auf der deutschen Warteliste vorgesehen war. Nach der Transplantation einer 43-jährigen Frau war es in Amman zu Komplikationen gekommen, die Patientin in akuter Lebensgefahr gewesen.

23 Verdachtsfälle in Regensburg

Ob dafür oder auch für die Bevorzugung von Transplantationspatienten im Uni-Klinikum Geld geflossen ist, ob es sich um Urkundenfälschung handelt oder ob sich die Manipulationen überhaupt im strafrechtlichen Bereich bewegen, untersucht seit Donnerstag die Regensburger Staatsanwaltschaft, nachdem sich das Universitätskrankenhaus tags zuvor per Fax selbst angezeigt hatte. Nach dem Organskandal in Göttingen hatte man auch in Regensburg sämtliche Transplantationen des in den Medien bisher nur als „Dr. O.“ bezeichneten O. überprüft und war dabei auf 23 Verdachtsfälle aus den Jahren 2004 bis 2006 gestoßen.

Die Anklagebehörde wollte dazu am Donnerstag noch keine konkreten Aussagen machen. „Wir stehen ganz am Anfang unserer Ermittlungen, ob strafrechtliche Relevanz gegeben ist, steht frühestens nächste Woche fest“, sagte Oberstaatsanwalt Dr. Wolfhand Meindl der MZ.

Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) hat am Donnerstag dennoch gehandelt. Er beurlaubte Prof. Schlitt mit sofortiger Wirkung wegen einer „möglichen Verletzung der Aufsichtspflicht“. Eine Vorverurteilung sei das jedoch nicht, betonte eine Ministeriumssprecherin. Auf die Frage, warum nicht der Leiter des Regensburger Transplantationszentrums, Prof. Dr. Bernhard Banas, beurlaubt worden sei, antwortete die Sprecherin, dass die Verantwortung für die Transplantationen bei der jeweiligen Klinik liege. Im Fall von Dr. O. ist das die Chirurgie und deren Leiter ist Prof. Schlitt. „Ein Direktor einer Klinik muss Kontrolle ausüben über die Oberärzte“, sagte dazu Prof. Dr. Günter Riegger, der Ärztliche Direktor des Regensburger Uniklinikums.

Unterdessen hat der Skandal erste Auswirkungen auf die Spendenbereitschaft in Deutschland. Wie der Medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Prof. Dr. Günter Kirste, bis 2004 selbst Transplantationschirurg an der Universitätsklinik Freiburg, der MZ sagte, seien ihm seit vergangenem Wochenende schon fünf Fälle bekanntgeworden, in denen Organspender ihre Bereitschaft widerrufen hätten. „Der Skandal ist eine Katastrophe für uns. Die Menschen draußen haben jetzt den Eindruck, dass das System korrupt ist“, sagte er, blickte aber schon wieder nach vorne. Jetzt müsse zunächst das Vertrauen wieder hergestellt werden, die Vorwürfe müssten schonungslos aufgeklärt werden.

Skandal erschüttert das Vertrauen

Auch Jutta Riemer, Vorsitzende der Patientenvereinigung „Lebertransplantierte Deutschland e.V.“ sieht die Gefahr, dass durch die Vorfälle weniger Menschen zu einer Organspende bereit sein könnten. „Das ist ein sehr sensibles Thema, mit dem sich die Menschen ohnehin nicht gerne beschäftigen, weil es um den eigenen Tod geht.“ Der Skandal könne das Vertrauen der Menschen in die Transplantationsmedizin erschüttern. „Dabei ist Organspende eine besonders hoch anzurechnende Geste, etwas das Menschen völlig altruistisch tun“, sagt Riemer. Sie selbst hat vor 15 Jahren eine Leber transplantiert bekommen. „Man muss dankbar sein, dass es Menschen gibt, die dazu bereit sind.“ Bei der Organspende gehe es um die „Verteilung von knappen Geschenken,“ so Riemer. „Da ist jeder besonders sensibel, da muss es gerecht zugehen.“ Trotz der Vorkommnisse gebe es jedoch viele Ärzte an den über 20 Lebertransplantationszentren, die sauber arbeiteten. „Die Schuldigen müssen bestraft werden“, fordert Riemer, „und nicht die Patienten auf der Warteliste.“

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