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MZ-Zukunftsserie: Wie werden wir feiern?

Durch die Nächte der Zukunft

Die Zukunft lässt viel Raum für Fantasie, gerade wenn es ums Feiern geht. Nina Köstler und Dominik Schleidgen wagen in einer fiktiven Lebensgeschichte einen Ausblick.
VON Nina Köstler und Dominik Schleidgen, MZ

Grafik: Anna Niedhart

Regensburg.Nico und Doro lieben es zu feiern. Auf einer Feier werden sie sich kennenlernen. Sie werden sich verlieben. Im Lauf der Zeit werden sie gemeinsam leben und getrennt sein. Sie werden durch die Wirklichkeit tanzen und im Cyberspace zusammen Prosecco trinken. Traditionelle Anlässe werden für sie an Bedeutung verlieren und kulturelle Grenzen verschwimmen. Und sie werden bis ins hohe Alter gemeinsam Partys besuchen.

Szenario 2015: Die geheimnisvolle SMS

Ungeduldig vibriert das Handy in Doros Tasche. Auf dem Display blinkt eine SMS: „Das Codewort heute lautet: Golden Eye! Rein kommt nur, wer diese SMS vorzeigen kann!!!“ Doro schnappt sich ihren Mantel. Das Stück bis zur alten Fabrikhalle kann sie laufen. Auf ihren hohen Pumps versucht sie, den Pfützen auszuweichen. In der Ferne wummert der Bass der Musik. Hinter den verdreckten Scheiben der Halle zucken grelle Lichtblitze. „Golden Eye?“ fragt eine Stimme neben ihr. Nico lächelt sie an. Er öffnet seine Jacke. Darunter trägt er einen schwarzen Smoking. „Das Motto für heute Abend lautet doch James Bond, oder?“ Doro streicht ihr Cocktailkleid glatt. „Ich hoffe doch...“, murmelt sie verlegen.

Schon 2010 zeichnete sich in der Feierkultur ein Trend ab: Speziell muss es sein – außergewöhnliche Orte, Mottos, die ungewöhnliche Garderobe vorschreiben, exklusive Clubs, die ihre Gäste nach bestimmten Maßstäben auswählen. Individualität ist gefragt. „Immer mehr Leute haben spezielle Interessen – und können sie auch ausleben. Als Gegengewicht zur Globalisierung wird diese Segmentierung die Kultur des Feierns verändern“, erklärt Zukunftsforscher Werner Mittelstaedt. Je stärker der Tag von Konventionen, Zwängen und Stress geprägt ist, desto mehr werden Freiräume zum Maßstab des Nachtlebens. Für findige Veranstalter wird die Vermarktung jener speziellen Interessen zum großen Geschäft.

Szenario 2020: Schwimmen mit dem Strom

Wo zum Teufel ist sie hin? Nico stellt sich auf die Zehenspitzen und reckt den Hals. Keine Spur von Doro. Nur fremde Köpfe, so weit das Auge reicht. Ein Meer aus Menschen, das sich zu der Musik bewegt, die von einer unsichtbaren Bühne irgendwo am Horizont über die Menge hinwegschwappt. Eine träge Masse aus wogenden Körpern, in der Doro abgetrieben ist. Es ist ein Samstag im Sommer. Wie jedes Wochenende treffen sich auf dem Platz in der Innenstadt tausende Menschen, um gemeinsam zu feiern.

Angefangen hat es in Deutschland mit dem „Sommermärchen 2006“, als sich abertausende Fußball-Fans auf öffentlichen Plätzen trafen, um auf großen Leinwänden die Spiele der Weltmeisterschaft zu schauen. „Public Viewing“ nannten sich diese Fußballfeste. „Bald werden sie ,Public Celebrating‘ heißen“, spekuliert Mittelstaedt, und sich von großen Ereignissen – Sportturnieren, Silvesterfeiern, Musikfestivals – lösen. Der Anlass tritt in den Hintergrund, die Gemeinsamkeit wird zum Dreh- und Angelpunkt der Partys.


Szenario 2025: Erweiterte Realität

Doro schlüpft in ihr Cocktailkleid und die hohen Pumps. „Irgendwie ist es ja albern“, denkt sie sich – trotzdem: Ausgehen ist Ausgehen, auch wenn sie nur vom Bad an ihren Schreibtisch geht. Sie klappt ihren Laptop auf, öffnet eine Webseite und tippt ein Password ein. Auf dem Bildschirm erscheint ein Raum. Sie setzt sich ihre Brille auf und der Raum gewinnt an Tiefe. Die tanzenden Personen darin bekommen Konturen und wirken auf einmal zum Greifen nah. Nico ist schon da und unterhält sich mit einer Elfendame. Seit er in Mexiko City lebt, trägt er immer diesen dämlichen Sombrero. Doro findet es furchtbar, dass sie nicht mit ihm gehen konnte. Aber sie konnte ihren Job zu Hause nicht aufgeben. Immerhin haben sie ja den Club im Web. Sie steuert ihr virtuelles Ich auf Nico zu. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Glas Prosecco. Heute feiern sie ihren Jahrestag. „Es wird digitale Formen des Feierns geben“, sagt Werner Mittelstaedt. Das Internet wird als Lebensraum begriffen. Außerdem werden virtuelle Schauplätze zur ultimativen Spielwiese der individualisierten Gesellschaft. Im Netz kann jeder sein, was er will: Elfe, Cyborg – Mexikaner mit Sombrero.

Szenario 2030: Oh du Fröhliche...

Vorsichtig hängt Doro die Weihnachtskugel an den Christbaum. Schon bald werden die Mayers aus der Wohnung im dritten Stock vor der Tür stehen. Doro ist froh, dass sie am Heiligabend vorbeischauen. An Festtagen wird ihr immer schmerzlich bewusst, dass ihre Eltern viele Flugstunden entfernt wohnen. Und an Tagen wie diesen fehlen sie ihr besonders. Die Weihnachtsgans im Ofen verströmt einen verführerischen Duft. Nico steckt den Kopf aus der Küche: „Fertig?“ Doro wirft einen prüfenden Blick auf den Baum. „Fertig!“, stellt sie zufrieden fest. „Aber was für ein Aufwand...“ Sie schüttelt den Kopf. Lange werden sie nicht unter dem prächtigen Baum feiern. Später gehen sie anstatt in die Kirche alle zusammen in ihre Stammkneipe – wie jeden Samstagabend.

Ein Trend setzt sich fort: In der Zukunft werden traditionelle religiöse Feste an Bedeutung verlieren. Und: „Diese Feste werden nicht mehr nach klassischen Regeln gefeiert“, sagt Zukunftsforscher Mittelstaedt. Nach der Bescherung unter dem Christbaum wird man ausgehen und feiern wie an jedem anderen Tag im Jahr. Hinzu kommt, dass aufgrund der Globalisierung die klassische Großfamilie der Vergangenheit angehört. Schon 2009 waren 40 Prozent der bayerischen Haushalte Single-Haushalte. „Familien werden dann kurzerhand zusammengelegt“, vermutet der Zukunftsforscher. „Zwei oder drei befreundete Familien werden Ostern und Weihnachten zusammen feiern.“

Szenario 2035: Es lebe die Tradition

Die Tuba ist so riesig, dass Lara sich mühelos in ihr verstecken könnte. Ihre Kinderaugen wachsen fast um das Doppelte an, als der Tubist den zünftigen Marsch bläst. Lara reißt sich von Doros und Hand los und klatscht vergnügt in die Hände. Felix fängt auf Nicos Arm an zu weinen. Die Musik macht ihm Angst. Nico schlendert mit ihm über den Dorfplatz zum Kirwa-Baum. „Siehst Du Felix“, sagt Nico und wippt das Baby im Arm. „Hätte sich Papi gestern Abend nicht gegen Mami durchgesetzt und Wache gestanden, hätten uns die Muggenthaler den Baum unter der Nase weggeklaut.“ Felix zeigt seine Bewunderung mit einem anerkennenden Bäuerchen.

Es gibt Feste, die sich nie ändern werden. „Stark ritualisierte Feiern, wie Karneval oder Volksfeste, werden immer gleich bleiben“, sagt Mittelstaedt. Als Antwort auf die Globalisierung wird der regionale Charakter einer Gesellschaft stärker betont – und entsprechende Feste regelrecht aufblühen.

Szenario 2040: Multikulti – Mix der Kulturen

Ungeduldig zieht Lara am Ärmel ihrer Mutter. „Mami, wir kommen zu spät!“, quiekt sie. Doro nimmt die Schlüssel von der Ablage im Flur und streicht ihrer Tochter lächelnd über den Kopf. Lara besucht inzwischen die dritte Klasse. Sie ist eines der wenigen Kinder, deren Eltern Deutsche sind. Ihre Freunde kommen aus der ganzen Welt, gesprochen wird Deutsch oder Englisch. Der jüdische Glaube gehört für die Kleine ebenso zum Alltag wie der Islam oder das Christentum. Auf den Tag heute hat sie sich schon seit Wochen gefreut. Die türkischen Eltern ihrer Freundin Ayla haben Lara und ihre Familie zum traditionellen Zuckerfest eingeladen.

Die Multikulti-Gesellschaft ist inzwischen eng zusammengewachsen und hat sich zu einer einzigen Kultur vermengt. „Die Akzeptanz fremder Kulturen wird steigen. Es wird der Punkt kommen, an dem die gesellschaftlichen Spannungen überwunden werden und die Menschen innerhalb einer Länderkultur miteinander feiern“, sagt Zukunftsforscher Mittelstaedt. Das islamische Zuckerfest wird dann ebenso als offizieller Festtag begangen, wie das jüdische Chanukka und die christliche Weihnachtsfeier.

Szenario 2055: Wunderbare Jahre

Gewissenhaft zurrt Nico seine Krawatte zurecht. Mit einem Kamm fährt er sich durch die leicht angegrauten Schläfen. Doro zieht sich die Lippen nach. „Wir sind ganz schön alt geworden.“ Verschmitzt zwinkert er seiner Frau im Spiegel zu. Dabei fühlt er sich kein bisschen alt. Seit die Kinder aus dem Haus sind, hat er wieder richtig Lust auszugehen, zu feiern, das Leben noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Beschwingt wippt er mit den Hüften. Früher haben er und Doro die Leute belächelt, die auf Ü30-Partys gegangen sind. Und heute? Heute gibt es sie an allen Ecken und Enden: U60-Partys. Genau da wollen die beiden heute Abend hin.

Die Gesellschaft wird immer älter, doch die Alten bleiben immer länger jung. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt 2055 bereits bei 95 Jahren. Dank modernster Medizin verfügen die Menschen mit Mitte 60 noch über die gesundheitliche Konstitution von 50-Jährigen. Gleichzeitig verändern sich die Ansprüche an das gesellschaftliche Leben – wer mit 88 noch genug Gleichgesinnte zum Discobesuch findet, kann und wird sich mit ihnen treffen. Auf einer individualisierten Feier für Tanzbären Ü60.

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