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Hintergrund

Ein Zünder voller List und Tücke

Die M 123-Serie der Amerikaner ist bei Sprengmeistern gefürchtet.
Von Fritz Winter, MZ

Ein 250-Kilo-Blindgänger ist am Dienstag in der Nähe der Münchner Freiheit mit Sandsäcken bedeckt. Foto: dpa

MÜNCHEN. In den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges wurde von den Alliierten kein Mittel ausgelassen, um bei den Luftangriffen auf deutsche Städte eine möglichst große Zerstörungskraft zu erzielen und die darauffolgenden Rettungsmaßnahmen effizient zu behindern. Deshalb wurden neben Spreng- und Brandbomben auch Bomben mit Langzeitzündern eingesetzt, die oft erst Stunden nach dem eigentlichen Angriff detonierten und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten.

In München-Schwabing steckte, so schilderte es am Dienstagnachmittag Diethard Posorski vom Sprengkommando München gegenüber der MZ, eine amerikanische Fliegerbombe vom Typ GP 500 lbs mit dem Heck voraus senkrecht im Boden. Posorski, der der erste Experte vor Ort war, erkannte schnell, dass der Sprengkörper mit dem chemischen Langzeitzünder der amerikanischen Baureihe M 123 ausgerüstet war, der die 120 Kilogramm Sprengstoff in der 250-Kilo-Bombe eigentlich spätestens nach 174 Stunden hätte zur Explosion bringen sollen. „Die Entschärfung solch einer Bombe ist immer ein großes Risiko“, so Posorski.

Eine hohe Zahl an Blindgängern

Vor allem bei Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs war die Blindgängerrate besonders hoch. Aufgrund der Sicherheitsanforderungen mussten sie so konstruiert sein, dass sie nicht schon beim Beladen der Flugzeuge, beim Anflug auf das Ziel oder sogar bei einer Bruchlandung detonierten. Der Mechanismus der Langzeitzünder beruhte auf chemischer Basis. Nach dem Ausklinken der Bombe begann ein kleiner Propeller, die Auslösespindel in den Zünder zu schrauben. Dabei wurde eine mit dem Lösungsmittel Aceton gefüllte Glasampulle zerbrochen. Dieses Aceton rinnt dann zu einem Ring aus Zelluloid und beginnt ihn aufzuweichen. Binnen vier und 144 Stunden wird er so weich, dass die Auslösekugeln seitlich ausweichen können und der von einer Feder gespannte Schlagbolzen auf das Zündhütchen trifft.

Eine „Falle“ für die Entschärfer

Die Entschärfung des chemischen Zünders ist schwierig, erklärt Stefan Kuczmik von der Munitionsbergungsgesellschaft Semmler aus Abensberg. „Von außen ist der Zustand der Aceton-Ampulle nicht zu erkennen.“ Gleichzeitig haben die Amerikaner eine Falle für die Entschärfer eingebaut: Wenn man versucht, den Zünder aus der Bombe zu schrauben, dreht sich nur der obere Teil. Nach einigen Umdrehungen entsteht ein Spalt, die Ausbausperrkugeln können seitlich ausweichen, die Ausbausperrfeder schlägt auf das Zündhütchen und es kommt zur Explosion. „Eine Harakiri-Methode“, sagt Kuczmik, der dafür plädiert, Bomben mit derartigen Zündern kontrolliert zur Explosion zu bringen, statt den Versuch zu machen, sie zu entschärfen.

Bei Unfällen mit ähnlichen Zündern sind in Österreich und Deutschland schon mehrere Entschärfer ums Leben gekommen. Mehrere Bomben explodierten durch Alterung des Zünders ohne Fremdeinwirkung. Im Großraum Regensburg, so Stefan Kuczmik, habe man bislang noch keine Bomben mit solch gefährlichen Systemen gefunden.

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