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Franziskus rüttelt die Kirche auf

Der Papst beginnt eine Revolution von oben. Der bescheidene Argentinier wendet sich gegen Kapitalismus und Kurie – und hin zu den Sündern.
von Christine Strasser, MZ

Mit Papst Franziskus hat die katholische Kirche einen Superstar.
Mit Papst Franziskus hat die katholische Kirche einen Superstar. Foto: dpa

Regensburg.Bereits der erste Moment sagte viel aus. Es war der 13. März. Weißer Rauch stieg auf. Um 20.22 Uhr trat Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, 76 Jahre alt, auf die Benediktionsloggia. Das Erste, das die Welt vom neuen Papst sah, war das, was fehlte: der rote Umhang mit dem Pelzbesatz. Franziskus, das neue Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken, trug eine weiße Soutane. Er winkte bescheiden vom Balkon. Mit „Gute Nacht“ verabschiedete er sich von den Gläubigen und bewies so neben Bescheidenheit auch noch Humor.

Aber dass der Neue auf dem Petri-Stuhl humorvoll ist, heißt nicht, dass er harmlos wäre. Franziskus vermied vom ersten Augenblick an das Huldvolle. Ganz bewusst brach er eine Regel. Und mit Regelverstößen machte er weiter. Franziskus steht nicht für eine Macht- und Prachtkirche, sondern für eine Kirche der Menschenfreundlichkeit, die sich einsetzt für Arme, Schwache und Benachteiligte. Dem verschwenderischen Limburger Bischof, Franz-Peter Tebartz-van Elst, verordnete der Papst eine Auszeit im Kloster Metten.

Mit Franziskus hat die katholische Kirche eine Führungspersönlichkeit, die einen Obama-Faktor entwickelt hat – mit vielen Hoffnungen, aber auch der Gefahr großer Enttäuschungen. Im Triumph reiste Franziskus durch Brasilien. Der Weltjugendtag versank beinahe im Schlamm und Regen. Die Kälte kroch den Gläubigen in die Knochen. Dass es in ihren Herzen trotzdem warm wurde, lag an dem volksnahen Pontifex. Er predigte in einer Favela. Er ließ Politiker warten, um erst einmal mit den Leuten auf der Straße zu reden.

Es ist ein bisschen ungerecht, Benedikt an Franziskus zu messen. Wohin der Papst aus Bayern auch ging, stets wurde sein Weg überschattet von dem Skandal der sexuellen Gewalt durch katholische Priester. Wobei Benedikt zugutezuhalten ist, dass er hier, beispielsweise bei direkten Gesprächen mit Opfern, Zeichen öffentlicher Demut fand, die sonst bei ihm eher selten zu erkennen waren. In der Theologie schrieb er vieles fest (Gutes wie Schlechtes). Da gibt es kaum Handlungsbedarf. Doch von bleibender Kraft ist das nicht. Benedikts Pontifikat hat etwas Tragisches. Er wollte das Amt nicht und bekam es doch. In Erinnerung bleiben wird wohl seine Regensburger Rede im Jahr 2006, denn das Thema des rechten Umgangs mit dem Islam wird die westliche Welt noch eine Weile beschäftigen. Historische Größe aber erreichte Benedikt nur mit seinem Abgang. Mit seinem Rücktritt schaffte er, was ihm mit seinen Reden nicht gelang: Er rührte die Menschen. Benedikt zeigte der Kirche, wie sie sich behaupten kann: durch Verzicht auf Macht. Im Vatikan begann eine Stunde null.

Wandel in Regensburg

In der Diözese Regensburg standen die Zeichen ebenso auf Neuanfang. Im Januar wurde Rudolf Voderholzer zum neuen Bischof geweiht. Sein Vorgänger Gerhard Ludwig Müller war – noch von Benedikt – zum Präfekten der Glaubenskongregation berufen worden. Müller gilt im Vatikan als hartnäckigster Gegner von Franziskus. Regelmäßig ruft der Papst acht Kardinäle aus allen Kontinenten zusammen – ohne Dolmetscher oder Sekretäre. Das Ganze hat den Charakter einer Verschwörung, bloß dass der Boss dabei ist. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Müller nicht von der Partie ist. Die Runde mit den Kardinälen ist aber nicht die revolutionärste Erfindung des neuen Papstes. Ständig arbeitet er mit einem Beraterkreis zusammen, der aus sieben Laien und einem Priester besteht. Das Gremium soll die Finanzen des Vatikan ordnen und nach der Vatileaks-Affäre die Glaubwürdigkeit wiederherstellen.

Das Kirchenvolk liebt Franziskus und er liebt es zurück. Seit er beschlossen hat, die Gläubigen zu befragen und das ausgerechnet zu Ehe, Familie und Sexualmoral, ist sein Reformeifer bis in den hintersten Winkel vorgedrungen. Noch nie hat ein lehramtliches Schreiben eines Papstes für so große Begeisterung gesorgt wie das mit dem Titel „Evangelii gaudium“ („Die Freude des Evangeliums“). Dabei weicht Franziskus von kaum einer Doktrin ab. Die Homoehe lehnt er ab. Er ist gegen jede Liberalisierung der Abtreibung. Das Priestertum der Frau steht für ihn nicht zur Debatte. Das Thema Zölibat kommt gar nicht vor.

Was Franziskus fordert, ist eine „Kirche der offenen Türen“ auch für Sünder. Er kritisiert den Kapitalismus: „Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem begehrlichen Herzen vorgeht.“ Der Papst wendet sich gegen eine Vergötterung des Geldes, gegen soziale Ungleichheit, die Gewalt gebiert. Franziskus besinnt sich auf den Kern des Christseins: die Nächstenliebe. Er predigt sie aber nicht mit franziskanischer Sanftmut, sondern er redet Klartext. Ein wenig erinnert das an den legendären Auftritt von Klaus Kinski, dessen Moralpredigt in der Frage gipfelte, was Jesus dazu gesagt hätte. Kinskis Antwort: Jesus hätte euch in die Fresse gehauen!

Franziskus macht klar, dass, wer Nächstenliebe sagt, auch Gerechtigkeit sagen muss. Über theologische Streitigkeiten geht der neue Papst lächelnd hinweg. Seinen Blick richtet er ganz ernst auf das, was getan werden muss.

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