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Interview mit Michael Osterheider

Michael Osterheider koordiniert die großangelegte Studie „mikado“ zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Die Ergebnisse sollen Ansätze zu konkreten Maßnahmen liefern.

Forensiker Prof. Michael Osterheider ist Koordinator eines Forschungsprojekts zur Ermittlung von genauen Daten über sexuellen Kindesmissbrauch in Deutschland. Foto: dpa

Regensburg. Seit drei Jahren koordiniert Prof. Michael Osterheider aus Regensburg eine großangelegte Studie zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Im kommenden Jahr sollen die Ergebnisse der vom Bundesfamilienministerium geförderten Studie vorliegen und helfen, Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt zu schützen. Das bayerische Kultusministerium hat eine Umfrage in Schulklassen des Jahrgangs 8 und 9 jedoch gestoppt. Die Fragen könnten die Intimsphäre und das Selbstbestimmungsrecht der Kinder verletzen. Dabei müssten die Kinder auch nach grenzverletzenden sexuellen Erfahrungen befragt werden, sagte Osterheider im Interview der Nachrichtenagentur dpa: „Falsche Scham hilft da nicht weiter.“

Frage: Warum ist Ihnen die Umfrage in den Schulen so wichtig?

Osterheider: Internationale Studien belegen, dass Kinder, vor allem diejenigen, die schon traumatisiert sind, sich in der Schule sicher fühlen. Die Eltern könnten ja zum Beispiel Täter sein, da macht eine Befragung zu Hause wenig Sinn. Inzest ist noch ein Dunkelfeld, da wissen wir nicht viel drüber. Gerade das Dunkelfeld muss aber erhellt werden, und dafür dient eigentlich die Schülerbefragung. Diese Sachen sind natürlich nicht schön. Und wir müssen mehr darüber wissen. Deshalb sind in diesem Fragebogen auch Fragen wie: „Sind dir schon mal Gegenstände eingeführt worden?“ Weil es das leider gibt. Wir müssen Kinder nach grenzverletzenden sexuellen Erfahrungen befragen, falsche Scham hilft da nicht weiter.

Können Sie ihre Schulumfrage denn in anderen Bundesländern durchführen?

Auf Intervention des (bayerischen) Kultusministeriums haben auch andere Bundesländer wie zum Beispiel Sachsen gesagt, wir nehmen da auch nicht teil. Es ist also versucht worden, unsere ganze Studie zu diskreditieren. Das einzige Bundesland, bei dem wir eine Zusage haben, ist Nordrhein-Westfalen. Seit dem Regierungswechsel zu Rot-Grün greift das Kultusministerium dort nicht mehr so stark in die Entscheidungen der einzelnen Schulen ein. Die Schulleiter können dort selber entscheiden, ob sie die Studie durchführen wollen oder nicht. Was insofern sinnvoll ist, weil die Schulleiter an der Entwicklung ihrer Schüler näher dran sind als Ministeriumsmitarbeiter.

Haben Sie noch andere Methoden, um den Umfang von sexuellem Missbrauch zu messen?

Wir haben parallel auch Panel-Befragungen durchgeführt, weil uns schon klar war: Das mit den Schülerbefragungen wird eventuell problematisch. Wir haben diese Umfragen bei Infratest dimap in Auftrag gegeben und deutschlandweit durchführen lassen. Das funktioniert so: Die Umfrageinstitute suchen Leute, die bereit sind bei der Umfrage mitzumachen. Über Ausschreibungen in der „Bravo“ zum Beispiel. Die Interessierten bekommen dann den Umfragebogen zugeschickt. Damit haben wir jetzt auch Angaben über bayerische Schüler. Die Daten geben Auskunft darüber: Wie hoch sind die Opferzahlen? Wie und wo findet Missbrauch von Jugendlichen hauptsächlich statt? Aber dass die Schulumfrage jetzt wegfällt, schmälert unsere Datenbasis nicht schwerwiegend.

Warum ist eine umfassende Missbrauchsstudie gerade jetzt notwendig? Gibt es da noch keine Daten dazu?

Bisher gibt es nur eine Studie aus den 90er Jahren zum Ausmaß sexuellen Missbrauchs. Deren Methodik ist aber lückenhaft, außerdem fehlt eine Schülerbefragung. Das Phänomen Internet kommt darin noch gar nicht vor. Wir forschen ja auch zum Thema, was passiert in Chatrooms. Und da müssen wir leider feststellen, dass die Mädchen, die in Chatrooms unterwegs sind, immer jünger werden. Viele werden dort Opfer von sexueller Gewalt. Wir nennen das Problem „sexual grooming“. Hier ein konkretes Beispiel aus meiner Erfahrung als Gutachter für Sexualstraftäter bei Strafprozessen: Ein Kaufmann aus Niederbayern, 43 Jahre, verheiratet, zwei Kinder. Er hat immer wieder Kinderpornografie konsumiert. Dann ist er aber auch in einen Chat gegangen und hat sich unter Robbie, 17 Jahre alt, Tennislehrer angemeldet. Er hat da Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren kontaktiert, sich mit ihnen getroffen und sexuelle Handlungen mit ihnen durchgeführt. (dpa)

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