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Japan braucht Ehrlichkeit

Die Zahl der Krebsfälle steigt. Wie weitreichend die Folgen des Reaktorunglücks sind, ist noch nicht abzusehen.
Von Dr. Alex Rosen

Dr. Alex Rosen ist Kinderarzt in Berlin und stellvertretender Vorsitzender der IPPNW.
Dr. Alex Rosen ist Kinderarzt in Berlin und stellvertretender Vorsitzender der IPPNW.

Vier Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima zeichnen sich die ersten gesundheitlichen Folgen für die japanische Bevölkerung ab. Aufgrund der radioaktiven Verseuchung sind bis zu 16 000 zusätzliche Krebserkrankungen und bis zu 9000 zusätzliche Krebstodesfälle zu erwarten. Das geht aus den Zahlen des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) hervor, der die kollektive Strahlendosen der japanischen Bevölkerung berechnet hat. Die Ärzteorganisation IPPNW geht davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen weitaus höher liegen dürften, da die im UNSCEAR-Bericht aufgeführten Freisetzungsmengen an Radioaktivität ausschließlich auf Angaben der japanischen Atomenergiebehörde beruhen und deutlich höhere Angaben unabhängiger Institute nicht berücksichtigt wurden. Zudem gibt es ernsthafte Bedenken bezüglich der Berechnung der internen Strahlendosen und keine verlässlichen Dosisberechnungen für die Aufräumarbeiter im AKW selbst.

Einen kleinen Teil der zu erwartenden Krebserkrankungen stellen Schilddrüsenkrebsfälle dar. Im Rahmen der ersten Runde von Schilddrüsenuntersuchungen stellte die Fukushima Medical University in Gewebeproben von insgesamt 109 Kindern Schilddrüsenkrebs fest. 87 dieser Kinder mussten mittlerweile operiert werden, da der Krebs zu groß geworden oder bereits Metastasen gestreut hatte. Diese unerwartet hohe Fallzahl schoben die Behörden bislang auf den sogenannten „Screeningeffekt“ – also die Beobachtung, dass durch Reihenuntersuchungen Krankheitsfälle gefunden werden, die klinisch erst zu einem späteren Zeitpunkt aufgefallen wären. Seit Dezember 2014 liegen allerdings die ersten Zahlen der Nachuntersuchungen vor. Bei 57,8 Prozent der Kinder wurden Knoten oder Zysten in der Schilddrüse gefunden. Im Erst-Screening lag diese Rate noch bei 48,5 Prozent. Das bedeutet, dass mehr als 12 000 Kinder, bei denen im ersten Screening noch keine Anomalien gefunden wurden, nun neue Zysten oder Knoten haben. Elf dieser Kinder wurden bereits per Feinnadelbiopsie untersucht, bei acht von ihnen ergab die Diagnostik einen akuten Krebsverdacht. Diese Krebsfälle, die sich im Laufe der letzten Jahren entwickelt haben müssen, lassen sich nicht mehr mit einem Screeningeffekt erklären.

Diese Zahlen aus Fukushima sind beunruhigend. Zwar ist es noch zu früh, die langfristigen gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe abschätzen zu können, doch basierend auf den Erfahrungen aus Tschernobyl rechnen wir mit einer weiter steigenden Zahl von Schilddrüsenkrebserkrankungen über die kommenden Jahre. Auch stellt Schilddrüsenkrebs nur einen kleinen Teil der gesundheitlichen Folgen der radioaktiven Kontamination für die Bevölkerung dar. Die IPPNW erwartet aufgrund früherer Erfahrungen mit Atomunglücken zudem erhöhte Raten an Leukämien, Lymphomen, soliden Tumoren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hormonellen, neurologischen und psychiatrischen Störungen.

Die Menschen in Japan, die von radioaktivem Niederschlag durch die Atomkatastrophe von Fukushima betroffen sind, brauchen keine falschen Versprechen mehr. Sie brauchen ehrliche Antworten auf ihre berechtigten Fragen. Wie alle Menschen haben auch sie das Recht auf Gesundheit und das Leben in einer gesunden Umwelt. Dieses jedoch wird ihnen verwehrt.

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