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Mittwoch, 22. August 2018 32° 2

Interview

Kopf hoch, „Grinshaken“ rein, das hilft

Oberärztin Sigrun Feuerer von der Goldbergklinik weiß, dass viele Schmerzpatienten nix zu lachen haben. Dennoch täte das gut.
von Beate Weigert

Kelheim.Das Schmerztherapie-Team der Goldberg-Klinik hält seinen Patienten auch Haderer-Cartoons unter die Nase. Auf einem stehen die Menschen Schlange, um sich an einer Station einen „Lachbügel“ in den Mund zu stecken und mit einem künstlichen Lächeln auf den Lippen von dannen zu ziehen. Die MZ sprach mit Oberärztin Sigrun Feuerer über die Hintergründe.

Frau Feuerer, welche Rolle spielt in der Schmerztherapie die positive Einstellung des Patienten?

Sie ist Grundvoraussetzung. Wenn Patienten kommen, müssen sie auch den Willen haben, dass etwas voran geht. Sie brauchen einen gewissen Zweckoptimismus. Natürlich gibt es viele Schmerzpatienten, denen ist der Optimismus abhandengekommen. Auch sie haben einen Platz bei uns. Aber es wird ein wenig schwieriger. Für uns stellt sich immer auch die Frage, wie geht man um mit verschiedenen Typen. Den Optimisten, den Pessimisten.

Kann man positives Denken lernen?

Meine persönliche Erfahrung: man muss für sich die Entscheidung treffen, den Willen zum Glück haben. Es gibt Möglichkeiten etwas zu verbessern, aber muss auch daran glauben.

Und Bilder vom Hadererschen Grinshaken sind da hilfreich?

Es ist oft so, dass es nix zum Lachen gibt. Und wenn ich in der Pose beharre, es gibt nichts zu lachen, in der Mimik wie im Kopf dann kann nichts vorwärtsgehen. In übersteigerter Weise zeichnet der Karikaturist nach, was wir versuchen, unseren Patienten beizubringen.

Was genau?

Es gibt mittlerweile in der Forschung Hinweise, dass auch die Muskulatur die Psyche beeinflusst. In unserem Schmerzunterricht geht es deshalb viel um die innere und äußere Haltung im Leben und um die dadurch bedingte Verschlimmerung bzw. Verbesserung von Schmerzen. Wer immer die Schultern und den Kopf hängen lässt und die Mundwinkel, wer sich also sprichwörtlich hängen lässt, tut seiner Psyche nichts Gutes. Es gibt dann immer Rückkopplungen. Mittlerweile werden auch Depressionen mit Botox behandelt.

Botox gegen Depressionen? Kein Witz?

Nein. Das Wegspritzen von Sorgenfalten bringt Erfolge in der Behandlung. Dies ist auch für uns ein wichtiger Hinweis, dass vor allem die Muskulatur im Gesicht, Einfluss auf die Psyche hat. Und wenn das Lächeln erst einmal nur mechanisch erzeugt wird, so wie im Haderer Cartoon. Es ist da und beeinflusst unsere Psyche. Haltung ist ein doppeldeutiges Wort. Sie meint etwas Körperliches und etwas Psychisches. Wir versuchen unseren Patienten zu helfen, indem wir ihnen eine „gute Haltung“, einen aufrechten Gang beibringen. Das ist erst einmal ein mechanischer Ansatz, der aber nicht nur Auswirkungen auf den Körper, sondern auch auf die Seele hat. Und auch mit Gesprächen versuchen wir Einfluss zu nehmen. Das eine ist nicht weniger wichtig als das andere.

Wer sich immer nur hängen lässt, bekommt also einen Rüffel von Ihnen?

Wir spiegeln wieder, was wir sehen. Wir sagen den Patienten, was wir beobachten. Jeder darf sein, wie er will. Manches wirkt sich aber nicht positiv aus. Und oft ist es das erste Mal, dass das zur Sprache kommt. Vielen ist das nicht bewusst. Dieses Bewusstsein zu bekommen, das ist es, was wir den Leuten eigentlich beibringen. Es ist eine ganz wichtige Geschichte mit den Leute über ihre Haltung zur Welt zu sprechen. Wir alle laufen oft zu gebückt von der „Last des Lebens“ herum und meistens merken wir das gar nicht mehr! In 25 Jahren als Ärztin habe ich auf verschiedenen Intensivstationen und zuletzt in einem Zentrum für Querschnittsgelähmte so viele Menschen kennengelernt, die allen Grund hatten, niedergedrückt zu sein und es aber nicht waren. Diese „Resilienz“ – die psychische Widerstandsfähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie vielleicht sogar als Anlass für Entwicklungen zu nutzen, wird in der Kindheit grundgelegt. Unser Hirn ist aber plastisch und entwicklungsfähig bis ins hohe Lebensalter und das sollten wir nutzen. Ich glaube daran, dass wir an unserer Widerstandsfähigkeit arbeiten können. (re)

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