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Nur gefilterte Informationen

Ärzte müssen sich fortbilden. Aber die meisten Veranstaltungen sponsert die Pharmaindustrie. Das muss sich ändern.
von Dr. Walter Woidich

Dr. Walter Woidich ist Allgemeinarzt und Mitglied von MEZIS e. V., Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte.
Dr. Walter Woidich ist Allgemeinarzt und Mitglied von MEZIS e. V., Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte.

In Deutschland gilt seit Januar 2004 eine Fortbildungspflicht für Kassenärzte. In einem Fünfjahreszeitraum muss eine bestimmte Anzahl von Veranstaltungen absolviert werden, die dann von den jeweiligen Landesärztekammern mit Fortbildungspunkten, sogenannten CME-Punkten, zertifiziert werden.

Das klingt vernünftig, hat aber einen großen Haken. 80% der Fortbildungsveranstaltungen werden von der Pharmaindustrie gesponsert oder sogar von ihr selbst veranstaltet und sind daher umsonst. Bei Preisen von ansonsten mehreren hundert Euro pro Veranstaltung wählen erwartungsgemäß viele Kollegen und Kolleginnen die Billigvariante. Dementsprechend wenig „pharmafreie“ Fortbildung wird angeboten – sodass es für die Kollegen in Deutschland nicht einfach ist, an ungefilterte Informationen zu kommen. Noch schwieriger ist es bei Themen, die ohne Medikamente auskommen wie Prävention, Lebensstil, Ernährung.

Medizinisches Wissen wird so im Fokus der Anwendung von Medikamenten am Patienten vermittelt. Man muss nicht lange nachdenken, um zu erkennen, dass diese Art der Zwangsfortbildung ein großes Geschenk für die Pharmalobby war und die Möglichkeit Werbeveranstaltungen als Fortbildungen zu tarnen ein herausragendes Beispiel für erfolgreiche Lobbyarbeit ist.

Diese massive Steuerung der medizinischen Entwicklung und die Beeinflussung der Meinungsbildner durch die Industrie finden in Deutschland auf allen Ebenen statt.

Was müsste sich ändern? Wenn industriegesponserte Fortbildungen nicht mit den wichtigen Fortbildungspunkten geadelt sondern als das klassifiziert würden, was sie sind, nämlich reine Werbeveranstaltungen, würde sich das Fortbildungsspektrum hin zu unabhängiger Fortbildung, zu nicht medikamentösen Therapien sowie zu ungefilterter Information hin verschieben. In Norwegen ist das schon so!

In der Zwischenzeit können Kolleginnen und Kollegen schon einiges im Kleinen bewegen: Keine industriefinanzierten Fortbildungen besuchen, keinerlei Geschenke oder Einladungen annehmen (das geht vom Kugelschreiber bis hin zu „Fortbildungsreisen“), keine Pharmareferentenvertreter in den Praxen empfangen und sich um unabhängige Informationsquellen (die es gibt) bemühen. Leider ist das Problembewusstsein nur bei wenigen Kolleginnen und Kollegen vorhanden. Viele meinen, sich trotz gefilterter Information eine objektive Meinung bilden zu können und sehen die Relevanz des Problems nicht. Während sich selbst nur 5 Prozent der Ärzte für bestechlich halten, glauben 21 Prozent, dass ihre Kolleginnen und Kollegen bestechlich seien.

De facto ist es derzeit so, dass die Pharmafirmen teure Innovationen vermarkten können, auch wenn diese zu den herkömmlichen Therapien keine Vorteile oder sogar Nachteile bieten. Diese Scheininnovationen bieten keinen therapeutischen Vorteil, sind aber oft um das zehnfache oder mehr teurer als die herkömmliche Therapie. Die Bezahlung erfolgt durch die Versicherten und letztlich durch die Steuerzahler – also durch uns alle, zum Wohle des Profits der Industrie und zum Schaden der Patienten.

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