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PCO-Hightech überzeugt sogar die Nasa

Die Kameras des Kelheimer Unternehmens PCO nutzen Industrie und Wissenschaft weltweit. PCO erhält dafür den Innovationspreis der Wirtschaftszeitung.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

PCO-Chef Emil Ott und Frau Karin, die Personalchefin, bekamen vor kurzem den Preis „Innovation 40“ des „New Economy“-Magazins. Foto: PCO

Kelheim.Wissenschaftler und Techniker müssen Dinge exakt verstehen. Entscheidende Abläufe geschehen in winzigen Bruchteilen einer Sekunde. So ist es etwa, wenn ein Weltraumschrott-Teil mit 36 000 Stundenkilometern gegen das Schutzschild einer Raumfähre donnert. Eine klassische Kamera würde höchstens durch Zufall ein Bild einfangen, den Ablauf aber keineswegs. Hier sind Spezialisten gefragt. Einer der wenigen davon ist PCO. Für diese Anwendung haben die Kelheimer ein riesiges Kamerasystem parat, 80 Kilogramm schwer, 140 000 Euro teuer. Es schießt Bilder im Abstand von Nanosekunden – das ist die neunte Stelle hinter dem Komma.

Krones bestückt Abfüllanlagen mit PCO-Kameras

Spezialanwendungen sind das Terrain für PCO. Firmenchef Emil Ott hat das Unternehmen vor gut 25 Jahren gegründet. Das Ziel: „Unsere Kameras können Dinge, die andere nicht können“, erklärt Gerhard Holst, Leiter der Forschungsabteilung. Dabei geht es immer um zwei Merkmale: Geschwindigkeit und Bildqualität, je nach Anwendung mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die kleine „pco.pixelfly“ etwa, mit der der Getränkeabfüll-Riese Krones seine Maschinen bestückt, muss beides liefern, allerdings nicht auf höchstmöglichem Niveau. Sie hält fest, ob die Flaschen in der Abfüllstraße sauber und intakt sind.

Weitaus anspruchsvoller sind die Anforderungen an die Geschwindigkeit etwa in der Autoindustrie. Bis zu 3000 Bilder pro Sekunde schaffen die dafür geschaffenen PCO-Kameras und halten die Abfolge von Crashtests fest. Die Kelheimer haben Hersteller wie Mercedes und VW mit Hochgeschwindigkeitskameras beliefert. Doch nicht nur Tempo zählt in diesem Fall. Es geht auch um hohe Farbqualität, eine gute Synchronisation der Vielzahl der Kameras und eine hohe Datenrate. Auch in der Strömungsmesstechnik werden solche Kameras gebraucht. Dazu zählen Versuche im Windkanal. Die Luft- und Raumfahrttechnik nutzt PCO-Kameras, genauso ein Formel-1-Team. Selbst in den USA haben die Kelheimer überzeugt – bei der Nasa. PCO lieferte die Bilder vom Start eines Space-Shuttles. Dabei wird u. a. analysiert, ob abfallende Teile die Fähre beschädigt haben. Ein schöner Erfolg, allerdings bislang geschäftlich fruchtlos, denn: Es war der letzte Shuttle-Start.

Andere Parameter sind im Bereich Life Science gefragt: Sehr gute Rauschwerte, höchste Dynamik, Empfindlichkeit und Auflösung sind wichtig. Damit werden in der medizinischen Forschung zum Beispiel fluoreszierende Zellen in Gefäßen verfolgt. Der Medizinkonzern Roche installiert Kameras aus Niederbayern als Photodetektor in ein sehr beliebtes Analysegerät.

In einer Reihe mit Google & Co.

Bei diesen und anderen Anwendungen hat PCO stark davon profitiert, sich an der Entwicklung von sogenannten scientific CMOS Bildsensoren beteiligt zu haben. Das sind Bildsensoren, die Schnelligkeit und Qualität sehr gut vereinen. Diese Bauteile helfen etwa dabei, die Mikroskopietechnik voranzutreiben. PCO beteiligt sich an einem Forschungsprojekt, das zum Ziel hat, die technisch machbare optische Auflösung von einem Mikrometer auf 150 Nanometer zu erhöhen. Die Entwicklung mündete in eine neue Kamera-Familie mit sCMOS-Technologie. Dafür hat PCO vor kurzem den Preis „Innovation 40“ des „New Economy“-Magazins erhalten – andere Preisträger waren Google, Daimler, Procter & Gamble oder Microsoft.

PCO-Kameras bei „Serengeti“ im Einsatz

Der Öffentlichkeit bleiben Aufnahmen mit PCO-Kameras üblicherweise verborgen. Nicht so beim Kino-Film „Serengeti“. Zehn Minuten des Streifens bestehen aus Zeitlupensequenzen von Tieraufnahmen in brillanter optischer Qualität. Doch das Filmgeschäft ist laut Holst zu weit weg vom PCO-Kerngeschäft, der Aufwand wäre zu hoch, um dort Fuß zu fassen.

Mehr als 5000 Kameras hat Otts PCO im Jahr 2012 verkauft, zu Preisen zwischen 6000 und 140 000 Euro. Über die Hälfte davon blieb in Deutschland, elf Prozent gingen ins EU-Ausland, 22 Prozent nach Amerika und 13 Prozent nach Asien. Dort sieht PCO noch großes Potenzial und wird einen Vertriebsstandort in Singapur eröffnen. Derzeit 72 Mitarbeiter sind es in Kelheim, 14 weitere bei der US-Tochter PCO-Tech. Platinen, Glas und teilweise die Mechanik werden zugekauft, der entscheidende Rest, wie Kamera-Entwicklung und -design oder die anspruchsvolle Software, entstehen gänzlich in Niederbayern.

Dieser Artikel erschien in der Wirtschaftszeitung, Ausgabe August 2013.

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