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Kolumne

Propositio über die Wohltätigkeit

Durch steigende Mieten werden viele Studenten aus der Altstadt vertrieben, beklagt unser Autor. Auch er ist nun wohnungslos.

Steigende Mieten sind auch für viele Studenten ein Problem.
Steigende Mieten sind auch für viele Studenten ein Problem. Foto: Armin Weigel/dpa

Liebstes Tagebuch,

hier sitze ich nun und kann nicht anders als dir meine theologisches Notlage anzuvertrauen. Zu Beginn: Was mag wohl die beste Definition des Begriffs Wohltätigkeit sein? Ich möchte mich hier eigentlich weder in einer kultur- und religionsphilosophischen Analyse noch in einer Ethikdebatte verstricken, aber ich weiß, dass es irgendwas mit Nächstenliebe, Almosen, Hilfe für Bedürftige, also Ärmere, Uneigennützigkeit und alles, was in diese Richtung geht, zu tun hat. Caritas, Misericordia, Agape; ganz ehrlich, ich habe im Konfirmationsunterricht nie wirklich gut aufgepasst und bin auch heute kein gläubiger, guter Christenmensch, aber ich denke, ich habe grob eine Ahnung, was die Bedeutung dieses Wortes angeht. Zwar sind meine (mittlerweile ehemaligen) Mitbewohner und ich sicherlich nicht die Ärmsten der Armen, aber als von BAföG und Nebenjob lebende Studenten auch sicherlich nicht die Träger des deutschen Bruttonationaleinkommens.

Doch zunächst zurück zur Wohltätigkeit: In Regensburg gibt es eine sogenannte Wohltätigkeitsstiftung mit protestantischem Anstrich, die direkt der Stadt untersteht. Sie trägt das besagte Wort richtig provokant im Namen. Diese vermietet u. a. Wohnungen und unterhält ein Altenheim etc. Klingt doch ziemlich wohltätig, praktizierte christliche Nächstenliebe eben. Auch wenn mir das christliche Konzept von Nächstenliebe, zumindest was die Kirchen betrifft, schon immer suspekt war, profitierte ich doch irgendwie davon, dachte ich zumindest. Doch wie karitativ diese Stiftung wirklich ist, erfuhr ich während meines Jahres in der Wohnung am eigenen Leib. Mein Mitbewohner wohnte in dieser Wohnung seit etwa 25 Jahren, da er dort mit seiner Großmutter aufwuchs, welche vor einigen Jahren in die Türkei auswanderte. Um die Miete zu stemmen, nahmen er und seine Freundin Untermieter auf. Wohngemeinschaften waren in diesem Haus noch nie wirklich geduldet, deswegen lebten wir dort geheim in einer, da vor einigen Jahren die WG in der Wohnung über uns durch stete Mieterhöhung und systematische Mahnungen aufgelöst wurde. Rechtlich vielleicht von uns nicht ganz korrekt, aber man fühlte sich trotzdem ein bisschen rebellisch. Das musste das Hausbesetzer-Feeling linker Studenten in den 70ern und 80er sein. Nun ja, ein wenig zahmer und nicht so aufregend vielleicht, aber wem schadeten wir eigentlich dadurch, dass wir eben zu viert, statt nur zu zweit die Miete bezahlten?

Ach egal, jetzt zumindest. Studenten sind ja in der Altstadt der sogenannten Universitätsstadt sowieso eher weniger willkommen. Sie sind laut, haben weniger Kohle und stellen dumme Fragen. Die Oma meines Mitbewohners starb allerdings letztes Jahr, was eine immense Mietpreiserhöhung zur Folge hatte, da die Miete an den jetzigen Mietspiegel angepasst werden müsse, wenn mein Mitbewohner als Erbe die Mietnachfolge antreten wolle. Eine schöne Umgehung der Mietpreisgrenze. Die neue Miete wird dem Zustand der Wohnung auch nicht gerecht, wenn man bedenkt, dass der Schimmel nur durch unsere Pflege der Wohnung nicht schon die Bausubstanz angegriffen hat. Die Stiftung wird schon einen Grund findet, genug wohltätigen Erfindungsgeist besitzt sie ja: Kommt halt ein neuer Boden rein, wie eine Wohnung drüber damals und schon ist die Bude um ein paar hundert Euro im Monat aufgewertet. Da wir dem Risiko eines Rechtsstreites lieber aus dem Weg gingen, beschlossen wir, was Wohnungen angeht, getrennte Wege zu gehen. Dies hatte zur Folge, dass ich wohnungslos wurde, da die Wohnungssuche zu Beginn des neuen Semesters noch komplizierter wurde.

Fast schrieb ich obdachlos, doch an dieser Stelle sei meinen Mitstudierenden gedankt, bei denen ich meine Möbel und den restlichen Krempel unterstellen kann und Obdach finde. Einen Vorteil als Wohnungsloser gibt es jedoch, da ich nun den bürgerlichen und auch weltlichen Besitztümern entbunden bin, kann ich mich völlig frei auf meine wissbegierige Reise zur transzendenten Erkenntnis machen und vielleicht finde ich unterwegs doch noch zu Gott oder zumindest eine neue Wohnung, denn die Wege des Herrn sind unergründlich.

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