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Gefahr

Resistenzen machen Medizinern Sorgen

Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern und ein verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika sollen helfen, das Problem in den Griff zu bekommen.
Von Louisa Knobloch, MZ

Prof. Dr. André Gessner ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene am Regensburger Uniklinikum. Foto: UKR

Regensburg. Es war eine gravierende Fehleinschätzung: Im Februar 1966 schrieb das „Time Magazine“, nahezu alle Experten seien sich einig, dass bis zum Jahr 2000 alle von Viren und Bakterien verursachten Erkrankungen ausgerottet sein würden. Im Jahr 2013 ist man davon weit entfernt: „Es gibt schon Keime auf diesem Planeten, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft“, sagt Prof. Dr. André Gessner, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Uniklinikum Regensburg.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Antibiotikaresistenzen eines der drei größten Gesundheitsprobleme weltweit. Sorgen machen den Medizinern vor allem die sogenannten gramnegativen Bakterien, die sich im Aufbau ihrer Zellwände von der zweiten großen Gruppe, den grampositiven Bakterien unterscheiden. Diese Bakterien bilden Enzyme wie ESBL, wodurch sie gegen die meisten Antibiotika resistent sind.

„Insgesamt stehen steigende Resistenzen einer sinkenden Zahl an Neuzulassungen von Wirkstoffen gegenüber“, sagt Gessner. Nur noch wenige Pharmakonzerne forschen an neuen Antibiotika. Die Amerikanische Gesellschaft für Infektionskrankheiten (IDSA) hat daher 2010 die 10x20-Initiative gestartet: Bis zum Jahr 2020 sollten zehn neue Substanzklassen entwickelt werden. „Dieses Ziel wird jedoch verfehlt werden“, ist Gessner überzeugt. Derzeit seien erst neun Substanzen überhaupt in klinischen Studien der Phasen zwei und drei.

Problematisch sei vor allem der oft ungezielte Einsatz von Antibiotika in der Medizin und in der Tierzucht. „Dadurch selektionieren wir die resistenten Bakterien heraus“, so Gessner. Bei Atemwegsinfekten würden etwa oft Antibiotika verschrieben. „Dabei werden diese in rund 90 Prozent der Fälle von Viren verursacht, nicht von Bakterien.“

Gessner und seine Kollegen setzen daher auf drei Säulen, um die steigenden Resistenzen zu bekämpfen. „Zum einen müssen wir die Antibiotika-Anwendung verbessern“, so der Mediziner. Man müsse immer genau überlegen, wann man ein Antibiotikum gebe, welchen Wirkstoff man wähle und wie lange die Behandlung dauern solle. „Es muss nicht immer ein Breitbandantibiotikum sein“, sagt Gessner. Die Faustformel laute: So schmal wie möglich, so breit wie nötig. Den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika bezeichnet man im englischen Sprachraum als Antibiotic Stewardship (ABS). Gessner und mehrere seiner Kollegen am Uniklinikum haben sich zu ABS-Experten ausbilden lassen.

Die zweite Säule ist die Hygiene, gerade im Krankenhaus. „Die Keime sollen sich nicht ausbreiten.“ Richtiges Händewaschen vor und nach dem Kontakt mit jedem Patienten kann da schon helfen. „Da haben wir noch Ausbaupotenzial“, betont Gessner.

Die dritte Säule ist schließlich die Entwicklung neuer Therapien, die jedoch langwierig ist. Eine Kombination dieser drei Maßnahmen sei erfolgversprechend, sagt Gessner. Doch auch gegen neue Antibiotika werden sich wieder Resistenzen entwickeln: „Der Wettlauf hört nie auf.“

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