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Rückblick

Südtirol 100 Jahre nach Teilung

Der Erste Weltkrieg machte aus Südtirol eine Provinz Italiens. Jahrzehntelang kämpften die deutschsprachige Bewohner gegen die Unterdrückung aus Rom.
Von Manuel Schwarz, dpa

„Los von Rom“ steht an einer Mauer in St. Leonhard in Passeier, Südtirol, Italien. Südtirol hat eine wechselvolle Geschichte und genießt heute eine weitreichende Autonomie. Zufrieden sind aber nicht alle. Foto: dpa

Berlin.Manchmal passen 100 Jahre wechselvoller Geschichte auf ein Verkehrsschild. Wer über den Brennerpass in Richtung Italien fährt, wird auf der Grenze begrüßt von: „Autonome Provinz Bozen - Provincia autonoma di Bolzano“. Davor prangt das blaue Zeichen mit der Aufschrift „Italia“, umrandet von den EU-Sternen. Südtirol ist eine italienische Provinz. Wer seinen Kopf nach rechts dreht, bemerkt einen Schriftzug im Felsen: „EinTirol“. Auch heute noch, in einem Europa der offenen Grenzen, fühlen sich einige Südtiroler nicht wohl. Sie fordern Selbstbestimmung - oder gar die Rückkehr zu Österreich.

Oben auf dem Brenner würde man im Jahr 2014 ohne die Schilder kaum bemerken, dass hier eine Grenze zwischen zwei Staaten verläuft. Die Häuser sehen hüben wie drüben alpenländisch gleich aus, die Landschaft sowieso, und selbst die Leute im dies- und jenseitigen Teil haben den gleichen Tiroler Dialekt. Doch Südtirol mit der Landeshauptstadt Bozen gehört seit knapp 100 Jahren zu Italien - ist Teil eines einstmals fremden und sogar verfeindeten Landes.

Das deutschsprachige Südtirol wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Verlierer Österreich-Ungarn abgetrennt und Italien als „Kriegsbeute“ und Teil eines Deals unter Siegermächten zugeschlagen. Es folgten Jahrzehnte des Kampfes der einheimischen Bevölkerung um Identität und Eigenständigkeit. Heute gilt Südtirol vielen als Musterbeispiel für Minderheitenschutz, in den allermeisten Bereichen des öffentlichen Lebens sind die Südtiroler autonom von Rom. Doch ein Jahrhundert Auseinandersetzungen mit Italien hat Spuren hinterlassen.

Für die Bewohner war es ein „einzigartiger Schock“

Rolf Steininger kennt die Geschichte. Der 71-Jährige ist Professor in Innsbruck und Bozen und einer der profiliertesten Kenner der Südtiroler Vergangenheit. Während des Semesters fährt der aus Nordrhein-Westfalen stammende Historiker ein- bis zweimal pro Woche nach Bozen. Dann überquert er auch den Brennerpass, der im Herbst 1919 im Vertrag von Saint-Germain als neue Grenze festgelegt wurde.

„Für die Bewohner war das ein einzigartiger Schock“, sagt Steininger. Die Situation war grotesk: Begeistert zogen viele Tiroler für die K.u.K.-Monarchie in den Krieg gegen Erzfeind Russland, ein schneller Sieg wurde erwartet. Aber die Entente gewann, es folgte die Teilung Tirols, der Süden war plötzlich italienisch. Dabei passierte der Provinz jahrelang eigentlich nicht viel: Das Leben ging weiter wie bisher, Italien scherte sich nicht um den nördlichen Winkel.

Erst die Machtübernahme der Faschisten in den 20er Jahren änderte alles. Angestachelt vom „Totengräber Südtirols“, dem Geschichts- und Sprachwissenschaftler Ettore Tolomei, begannen die Faschisten mit der Italianisierung der Provinz. „Wenn man einer Minderheit die Identität nehmen will, dann nimmt man ihr die Sprache“, erklärt Steininger. Höchstpersönlich hatte sich Tolomei schon 1916 drangemacht, Zehntausende geografische Namen umzudeuten und zu übersetzen.

Wie Mussolini die Pläne seines Gefolgsmanns umsetzte, zeigt die Zugfahrt nach Bozen. Inzwischen ist Sterzing erreicht, das seit den 20er Jahren an Vipiteno heißt. Vorbei geht es an den Ortschaften Mittewald, aus dem Mezzaselva wurde, Franzensfeste übersetzte Tolomei in Fortezza. In Brixen respektive Bressanone beginnt das Pustertal, aus dem einer der wichtigsten Politiker der jüngeren Südtiroler Geschichte kommt: Der frühere Landeshauptmann Luis Durnwalder.

Der ehemalige Südtiroler Regierungschef erinnert sich: „Mein Vater erzählte, einmal ging er von unserem Ort Pfalzen nach Bruneck, und weil er einen Tiroler Hut trug, bekam er sofort ein paar Watschn. Dann wurde er umgetauft, aus einen Johann hat man einen Giovanni gemacht. Das Dorf Pfalzen wurde zu Falzes, mein Elternhof hieß plötzlich nicht mehr Oberwalder, sondern Maso di Sopra.“

„Sie haben uns die Sprache genommen“

Durnwalder war bis Anfang 2014 der ranghöchste Politiker in Südtirol, insgesamt 25 Jahre lang Landeshauptmann. Die Autonomiegesetze hat er in Rom mit ausgehandelt, er ist stolz auf die Entwicklung des Landes. Wenn er von früher erzählt, merkt man aber, dass die Wunde tief ist. „Wir Südtiroler haben einen kulturellen Minderwertigkeitskomplex bekommen“, sagt er rückblickend auf die Zeit nach der Teilung Tirols. „Sie haben uns die Sprache genommen, unsere traditionelle Musik verboten, Vereine und Verbände aufgelöst. Sie wollten dem Baum die Wurzeln abhacken, in der Hoffnung, dann falle er von selber. Aber das ist ihnen nicht gelungen.“ Professor Steininger meint: „Die Teilung Tirols ist erst zur Katastrophe geworden durch die Faschisten.“

In der Not sind die Südtiroler zu erstaunlichem Gemeinschaftssinn fähig, schon seit jeher. 1809 schlug ein (Gesamt-)Tiroler Bauernheer angeführt vom Wirt Andreas Hofer in drei Schlachten bei Innsbruck napoleonische und bayerische Truppen in die Flucht. Im Ersten Weltkrieg hielten Tiroler Kaiserjäger in den Dolomiten eine Hunderte Kilometer lange Front, die Stellungen lagen meist oberhalb der Baumgrenze. Hunderttausende ließen in den eisigen Höhen ihr Leben, markante Frontverschiebungen gab es so gut wie keine.

Die Ausläufer der Dolomiten sieht man im Eisacktal, durch das die Bahn jetzt fährt. Den Weg hat 1938 auch Adolf Hitler genommen, als er Benito Mussolini einen Besuch abstattete. Die Südtiroler setzten große Hoffnungen in den Führer, doch dieser dachte gar nicht daran, sein Verhältnis zum „Duce“ durch die Südtirol-Frage zu belasten.

Stattdessen handelten die beiden die „Option“ aus. Den Südtirolern wurde die Wahl gelassen: Entweder im Land bleiben und italienisch werden, oder für eine Ausreise optieren und in ein anderes deutsches Gebiet umgesiedelt werden - eine Lose-lose-Situation. Die Frage spaltete Dörfer, Höfe, Familien. Mehr als 80 Prozent der Südtiroler entschieden sich auszuwandern, nur der Krieg stoppte letztlich den Exodus. Für viele waren die Folgen der Option noch verheerender als die Abtrennung von Österreich nach dem Ersten Weltkrieg.

Seit 1945 mehr Rechte erstritten

Erst von 1945 an gelang es den Südtirolern dank Fürsprache von Österreich, sich über Jahre hinweg immer mehr autonome Rechte zu erstreiten. Der Zug aus Innsbruck fährt in Bozen ein, oberhalb der Stadt ist das Schloss Sigmundskron zum Symbol für den Kampf gegen Rom und Trient geworden ist. Auf einer Großkundgebung 1957 skandierten dort mehr als 30 000 Demonstranten: „Los von Trient“, „Los von Rom“.

Heute sind die meisten Forderungen erfüllt. Längst dürfen die Südtiroler Traditionen wieder gepflegt werden, in den Schulen findet der Unterricht auf Deutsch statt, Italienisch ist erste Fremdsprache von Anfang an. Das einstige Bauernland hat sich zum florierenden Industriestandort gemausert, ist schuldenfrei und subventioniert teilweise die ärmeren Gebiete im Süden Italiens mit.

Doch genau das ist es, was einigen die Zornesröte ins Gesicht treibt. „Allein in den vergangenen eineinhalb Jahren hat Südtirol 1,5 Milliarden Euro in die Sanierung des Staatshaushalts gesteckt“, klagt Elmar Thaler. Er ist Landeskommandant der Südtiroler Schützen, die sich die Abspaltung Südtirols auf die Fahnen geschrieben haben. „Bei jeder Gelegenheit versucht Italien, Südtirol etwas zu nehmen.“

Professor Steininger schmunzelt ein wenig. „Tja, der Thaler“, sagt er. Selbstbestimmung? „Da würde ich meine Pension für ein ganzes Jahr verwetten, dass das nicht funktioniert“, scherzt der Historiker, der von „Luxusproblemen“ spricht, wenn er an die Programme der mehreren rechtskonservativen Oppositionsparteien denkt. Dann wird Steininger ernst: „Wenn es allen Minderheiten auf der Welt so gut gehen würde wie den Südtirolern, dann gäbe es wirklich viel weniger Konflikte.“

Auch Ex-Landeshauptmann Durnwalder bügelt die Kritik der italienkritischen Gruppen ab, die Rufe nach Selbstbestimmung nimmt er ganz offenbar wenig ernst. Er wertet die kleinen Scharmützel zwischen Parteien und Interessensgruppen sogar als gutes Zeichen. Früher hieß es nämlich: Alle gegen Trient und gegen Rom, es war immer ein großer gemeinsamer Feind da, Südtirol sah sich als großer Benachteiligter. Heute sei das nicht mehr so. „Südtirol ist ein bisschen normaler geworden“, meint der 72-Jährige. Und normal war in der Geschichte der Provinz in 100 Jahren selten etwas.

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