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Stadtgeschichte

Zum Abturnen in den Langhaussaal

Die Anfänge des Sports in Cham –– Vortrag am 11. März 2013 um 19.30 im Langhaussaal: Von der Gründung des Turnvereins 1863 bis ins Jahr 2013
Von Timo Bullemer

Der Chamer Stadtarchivar Timo Bullemer hat zum 150jährigen Jubiläum eine umfangreiceh Dokumentation angelegt. Daraus entstanden ist auch ein Vortrag, mit dem er auf das Jubiläum einstimmt. Foto: E. Fischer

Titelbild: Schwerathleten

Ich möchte das 150 jährige Vereinsjubiläum des ASV Cham dafür nutzen, um Ihnen etwas von den Anfängen des Sports in Cham zu berichten. Dazu gehört natürlich die Gründung des Turnvereins. Dieser Verein war der Vorgänger des heutigen ASV. Was einst mit dem Turnen begann, erweiterte sich im Laufe der Jahre zu einer Vielzahl von Sportmöglichkeiten. Während dieser Wettkampf zunächst reine Männersache war, eroberten sich nach und nach auch die Frauen ihren Platz auf dem Spielfeld.

Anzeige von 1903: Abturnen im Langhaussaal

Wie kam es also dazu, dass man zum „Abturnen“ in das Rathaus ging? Begonnen hat alles im Jahr 1867. Damals erhielt der Turnverein erstmals die Erlaubnis, den Langhaussaal während der kalten Jahreszeit zu nutzen. Damit konnten die Mitglieder des Turnvereins auch im Winter ihre Übungen fortsetzen. Diese Verwendung des Saales als Sporthalle blieb mit Unterbrechungen bis zur Fertigstellung der heutigen Stadthalle bestehen.

Das sogenannte „Abturnen beschloss jedes Jahr die Freiluftsaison. Das Gegenstück dazu war das „Anturnen“ im Frühjahr.

Diplom des Turnvereins von 1913

Bis etwa um 1800 betrieb die große Mehrheit der Bevölkerung kaum Sport. Ausnahmen hiervon bildeten Adelige oder Schüler höherer Bildungsanstalten. Solche Übungen wurden von vielen sogar belächelt. Zum eigentlichen Begründer der deutschen Turnbewegung wurde Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852). Er konzipierte ein in vieler Hinsicht neuartiges System der Leibesübungen und verwendete dafür die Bezeichnung „Turnen“. Um dieses Turnen allen Gesellschaftsschichten und Altersstufen zugänglich zu machen, sollte es auf öffentlichen Plätzen betrieben werden. Im Jahr 1811 richtete er den ersten Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin ein.

Die Ideen Jahns fielen in die Zeit der Kriege gegen Napoleon. Das erklärt auch, warum es ihm nicht allein um bloße körperliche Betätigung ging, sondern auch um eine politische Bewegung, die für einen gesamtdeutschen Nationalstaat eintrat. Die verschiedenen Übungen dienten zur Wehrertüchtigung vor allem der männlichen Jugend.

Ein weiterer Schritt hin zur Gründung des Chamer Turnvereins war das erste deutsche Turnfest 1860 in Coburg. Danach setzte eine regelrechte Welle von Vereinsgründungen ein. Allein zwischen 1860 und 1862 entstanden über 1000 deutsche Turnvereine. Schließlich erreichte diese Bewegung auch Cham.

Schreiben vom 14. Juli 1863

Bereits Ende Juni 1863 hatte das Bezirksamt, das heutige Landratsamt, die Gründung eines Turnvereins in Cham genehmigt. Daraufhin trafen sich interessierte Bürger am 11. Juli 1863 zur ersten Sitzung, bei der die Wahl der Vorstandschaft erfolgte und die Vereinsstatuten genehmigt wurden.

Der Seifensieder Michael Hoppenthal Wer übernahm das Amt des Vorstands.

Satzung vom Dezember 1863

Es scheint allerdings so zu sein, dass man sich über die Ziele des neuen Turnvereins nicht ganz einig war. Denn bereits fünf Monate später, im Dezember 1863, setzte man wieder eine Vorstandswahl an. Diesmal wurde der Kaufmann Anton Böheim gewählt. Auch die Vereinssatzung erhielt eine ganz neue Ausrichtung

. , Foto: Feuerwehrübung auf dem Chamer Marktplatz 1929

Der Zweck des Vereins (§ 1) war jetzt die „Ausbildung des Körpers durch Abhalten regelmäßiger Turnübungen“. In der Satzung vom Juli 1863 (§ 1) sollte das Turnen dazu dienen, „Bildung und Bestand eines Steiger-Corps“ zu gewährleisten. Unter Steiger-Corps verstand man die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr, die während eines Einsatzes auf Leitern oder Gebäude stiegen.

Das Foto von 1929 zeigt eine Übung der Feuerwehr auf dem Marktplatz vor dem Rathaus und der Pfarrkirche. Sie können sich vorstellen, dass die Männer dort oben auf den Leitern nicht nur schwindelfrei, sondern auch körperlich fit sein mussten. Nur dann waren sie in der Lage, im Notfall effektiv zu löschen und Menschenleben zu retten.

Foto: Albrecht Freiherr von Reitzenstein

Entscheidend für die weitere Entwicklung des Turnvereins war die Wahl des Revierförsters Albrecht Freiherr von Reitzenstein zum neuen Vorstand am 31. August 1864. Reitzenstein wurde im Oktober des gleichen Jahres auch Vorstand und Kommandant der neu gegründeten. Freiwilligen Feuerwehr. Alle aktiven Turner traten geschlossen der noch jungen Chamer Wehr bei.

So eine enge Verbindung zwischen Turnverein und Freiwilliger Feuerwehr ist keine Chamer Besonderheit. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich z. B. auch in Bad Kötzting (1862/63). In manchen Städten (z. B. Leipzig, Kaufbeuren) gab es regelrechte Turner-Feuerwehren.

Turnfest am 24. Juli 1864

Die gemeinsamen Leibesübungen waren für die Mitglieder bei weitem nicht alles. Sie schätzten auch die Geselligkeit, wie zum Beispiel bei Turnfesten und Bällen. Hier sehen wir die Anzeige für das erste Turnfest am 24. Juli 1864. Die Veranstaltung fand am hiesigen Turnplatze statt. Der befand sich damals im Sommerkeller des Gastwirts Franz Vogl. Heute steht an gleicher Stelle das Parkhaus „Auf der Schanze“.

Anzeige: März 1866 Turnunterricht für Knaben ab dem 8. Lebensjahr

Großen Wert legte man im Turnverein auf die körperliche Ertüchtigung der männlichen Kinder und Jugendlichen. Ab 1866 wurde Turnunterricht für Knaben ab dem 8. Lebensjahr angeboten.

Sinn und Zweck des Turnens waren nicht nur die Stärkung der Gesundheit und die körperliche Entspannung, sondern vor allem die Erziehung des Knaben zu einem disziplinierten und wehrfähigen Staatsbürger. Gemeinschaftliches Üben auf Kommando und straffes Haltungsturnen waren deshalb von besonderer Bedeutung.

Anzeige vom Juli 1880 - Wiederbelebung des Turnvereins

In den nächsten Jahren zeigten sich immer mehr die Nachteile der engen Verbindung mit der Freiwilligen Feuerwehr. Die Mitgliederzahlen und ganz allgemein die Beteiligung am Vereinsleben gingen 1867 und 1868 deutlich zurück. Ein Jahr später mussten die restlichen Turner die eigenen Aktivitäten endgültig einstellen.

Es vergingen elf Jahre, bis sich wieder genügend Interessenten fanden, die eine Wiederbelebung des Turnvereins in die Wege leiteten. Am 12. Juli 1880 traf man sich zur offiziellen Neugründung des Vereins.

Briefkopf des Turnvereins um 1900 - „Turnerkreuz“, Gruß

Die nächsten Jahre brachten einen steten Aufschwung der Turnerbewegung in Cham. Das neue Selbstbewusst spiegelt sich auch im Briefkopf aus der Zeit um 1900 wieder. In der Mitte eines Eichenlaubkranzes das „Turnerkreuz“, das offizielle Symbol der deutschen Turner. Es entsteht durch die Anordnung von vier großgeschriebenen F. Sie stehen für den Wahlspruch der Turner: „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei.“ Darunter „Gut Heil!“ - der damals übliche Gruß der Turner und Feuerwehrmänner. Solche Grußformel kennen wir heute nur noch bei Jägern („Waidmanns Heil!“) oder Anglern („Petri Heil!“). Sie waren aber vor 1900 noch viel weiter verbreitet. Radfahrer begrüßten sich mit „All Heil!“, Ringer/Gewichtheber mit „Kraft Heil!“.

Turnfahrt nach Falkenstein August 1890

Im Sommer waren Turnfahrten in die nähere und weitere Umgebung feste Programmpunkte im Vereinsleben. Dabei handelte es sich ursprünglich um Fußmärsche, die mit turnerischen Übungen verbunden waren. Sie entwickelten sich aber immer mehr zu geselligen Wanderungen oder Ausflügen.

Foto: Wanderung zur Burgruine Runding Anfang 1920er Jahre

Von diesen Ausflügen existieren aus späteren Jahren auch Fotografien. Hier sehen wir einige Mitglieder des Turnvereins während ihrer Wanderung zur Burgruine Runding. Die Aufnahme dürfte Anfang der 1920er Jahre entstanden sein.

Anzeige: Einzeln-Distance-Marsch im Juli 1894

Die Mitglieder des Turnvereins konnten aber auch straff marschieren. Dies bewiesen die Teilnehmer beim „Einzel-Distance-Marsch“ im Juli 1894, Der Schnellste legte die 17,5 km lange Strecke von Furth i. Wald nach Cham bei „afrikanischer Hitze“ mit durchschnittlich 8 km pro Stunde zurück. Für den Abend war dann noch ein Sommerball angesetzt. Für so ein Tagesprogramm brauchte man schon eine gute Kondition.

Von England aus verbreitete sich um die Jahrhundertwende eine völlig neue Art der Leibesübungen. Die Engländer bezeichneten diese als „Sport“. Wichtige Merkmale des Sports waren das Streben nach Höchstleistungen und das Austragen von Wettkämpfen nach vorgegebenen Regeln.

Foto: Radfahren - neue Vereine und Sportarten

Durchaus sportlich gaben sich auch die Mitglieder der Radfahrvereine. Der erste dieser Art in Cham wurde im November 1887 gegründet. Es war zu einer Zeit, als sich das sogenannte „Sicherheitsrad“ immer mehr durchsetzte. Dieser Fahrradtyp mit zwei gleichgroßen Rädern und Kettenantrieb bewährt sich bis heute und verdrängte damals den Vorgänger, das wesentlich schwieriger zu fahrende Hochrad. Anfangs spielten für die Mitglieder sportliche Wettbewerbe eine große Rolle. Ab 1896 kann man immer wieder von Radrennen lesen. Eine beliebte Strecke war die Straße zwischen Janahof und Thierlstein.

Foto: Fahrradfahrer in den 1920er Jahren

In den Jahren 1920er Jahren war das Fahrrad kein exklusives Sportgerät mehr, sondern ein gewohntes Verkehrsmittel. Die Preise für einen einfachen Drahtesel waren so weit gesunken, dass sich auch weniger betuchte Menschen eines leisten konnten. Die Interessen der Mitglieder hatten sich ebenfalls verändert. Geselligkeit und gemütliche Ausflüge mit dem Rad hatten den sportlichen Wettbewerb abgelöst. Mit der Zahl der Fahrräder stieg schließlich die Zahl der Vereine. Solche Klubs lassen sich zum Beispiel in Untertraubenbach (1909) und Katzbach (1912) nachweisen. In den 1920er Jahren kamen noch Radfahrvereine in Chameregg, Janahof, Vilzing hinzu.

Foto: Mitglieder des Chamer Athleten-Clubs 1898

„Die Herzen warm - kräftig die Arm“ steht als Motto in den Statuten des 1898 gegründeten Chamer Athleten-Clubs. In diesem Jahr weckte der aus dem Militärdienst ausgeschiedene Feldwebel Max Momm bei einigen jungen Chamern das Interesse für den Kraftsport. Damit waren Disziplinen wie Ringen und Gewichtheben, aber auch ausgefallene Formen der Kraftakrobatik gemeint. Wir sehen den Initiator und ersten Vereinsvorstand in der Mitte seiner Schützlinge sitzen. Chams starke Männer erregten Aufsehen und so mancher glaubte, sie herausfordern zu können. Im Jahr 1899 wettete einer mit dem damals 18-jährigen Kaufmann Josef Daschner. Deshalb trug der Herausgeforderte einen Mehl-sack von 100 kg Gewicht von der Fleischtorbrücke bis zum Janahofer Wirtshaus (heute: JET-Tankstelle beim Kreisel). Er bewältigte die ganze Strecke, ohne seine schwere Last zwischendurch abzusetzen. Zwei Jahre später setzte ein Fuhrwerksbesitzer sein schönstes Pferd als Wetteinsatz ein. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass ein Mitglied des Athleten-Clubs einen Stein von über 200 kg Gewicht mit dem Mittelfinger 40 Zentimeter vom Boden anheben konnte. Am Ende hatte er noch Glück, dass er auf inständiges Bitten sein Pferd vom Wettgewinner wieder zurückbekam.

Foto: Zwei Chamer Schwerathleten 1880er Jahre

Nicht jeder, der damals in Cham Kraftsport betrieb, war auch beim Athleten-Club. Die Aufnahme dieser beiden Schwerathleten entstand vermutlich sogar in den 1880er Jahren. Andreas Schoyerer (links) war ein führendes Mitglied im Turnverein und wurde sogar zum Vorstand gewählt.

Auffallend bei diesem Foto wie auch bei der Vorgängeraufnahme ist die züchtige Bekleidung der Sportler. Die kräftigen Oberarme stellte man zur Schau, aber mehr nackte Haut zu zeigen, war noch nicht statthaft.

Foto: Mitglieder des Wintersportvereins beim Rodeln

Im Dezember 1906 hatten sie sich zu einem eigenen Verein in Cham zusammengeschlossen. Schon in den 1880er Jahren gab es einen Vorläufer. Das war der Chamer Eisclub. Diese Vereinigung veranstaltete bei geeigneter Wittenrag Eisfeste auf dem zugefrorenen Regen und sorgte dafür, dass die Mitglieder ungestört dem Schlittschuhlaufen und Eisstockschießen nachgehen konnten. Der Eisclub schloss sich später dem Wintersportverein an. Zu damaliger Zeit war das Schlittenfahren die angesagte Sportart im Winter. Am Silberberg bei Katzbach besaß der Verein eine eigene Rodelbahn.

Anzeige: Rodel-Garnituren, Kaufhaus Frey 1912

Wie populär das Rodeln einstmals war, lässt auch diese Werbeanzeige des Kaufhauses Frey von 1912 erahnen. Hätte es keinen Bedarf gegeben, dann wären sicherlich keine speziellen „Rodel-Garnituren“ angeboten worden. Die künftige Wintersportart Nummer eins ist ebenfalls schon präsent, das Skifahren. Die hier abgebildete Dame verwendet bereits zwei Skistöcke, was schon sehr modern war.

Foto: Chamer Skifahrer am Cherkov um 1912

Anfangs arbeiteten die Skifahrer noch mit einem großen Skistock. So wie dieses drei Chamer Wintersportler, als sie um 1912 am Cherkov unterwegs waren. In Cham waren das Tiergartengelände oberhalb des Krankenhauses oder die Hänge bei den Steinbrüchen in Cham-West und Katzberg die bevorzugten Skipisten jener Zeit. Im Jahr 1914 wurde dort das erste Skirennen vor etwa 400 Zuschauern veranstaltet. Den zweiten Platz belegte damals übrigens eine Fahrerin. Im Gegensatz zu anderen Sportarten waren Frauen auf der Skipiste schon zugelassen.

Anzeige: Fahrt zum Arber und Brennes 1912

Weil man sich aber auf den Schnee in Cham nicht immer verlassen konnte, bot der Wintersportverein bereits 1912 einen mehrtägigen Ski-Ausflüg an. In diesem Fall eine Fahrt zum Arber und Brennes.

Sportplätze - Foto: alter Schauerkeller 1957 - Plan Bleiche 1835

Sportplätze im heutigen Sinn gab es im 19. Jahrhundert in Cham noch nicht. Die Turner mussten sich Alternativen suchen. In der warmen Jahreszeit wichen sie auf die Sommerkeller aus. Diese Biergärten boten einige Vorteile. Die Grundstücke wurden nicht landwirtschaftlich genutzt, die hohen Bäume sorgten bei Hitze für Schatten und nach dem Turnen war ein kühles Bier nicht weit. Einer dieser Sommerkeller wurde ursprünglich von dem Wirt Peter Muggenthaler angelegt. Die ältere Generation kennt ihn vielleicht noch unter seinem späteren Namen „alter Schauerkeller“. Heute erinnern in Cham-West noch ein paar große alte Bäume oberhalb der Waldschmidtstraße an die frühere Nutzung.

Als die Mitgliederzahl weiter anstieg, wurden die Biergärten zu klein. In dieser Situation kam der damalige Stadtrat den Turnern zu Hilfe. Er stellte ihnen 1897 ein Areal auf der sogenannten Bleiche kostenlos zur Verfügung.

Foto: Turnzöglinge mit Betreuer auf der Bleiche um 1900

Dieses Foto führt uns in jene Zeit um 1900 zurück, als die Bleiche noch der Sportplatz war. Die Turnzöglinge mit .(/,‘ ihrem Betreuer hatten für einen Fotografen Aufstellung genommen. Wenn man sich die Jugendlichen etwas genauer ansieht, dann erkennt man wieder die typischen Kennzeichen auf ihrer Kleidung; das Turnerkreuz auf dem weißen Dress und die Grußformel „Gut Heil!“ auf dem vermutlich roten Gürtel. Die Farben der Turnerschaft waren nämlich Rot und Weiß, was auch heute noch den Vereinsfarben des ASV Cham entspricht.

Plan: Grundriss des Langhaussaales - gestrichelte Linie

Wie schon erwähnt, konnten die Turner im Winter den Langhaussaal nutzen. Dazu wurde später der Saal mit einer hölzernen Trennwand in zwei Räume unterteilt. Einen davon nutzte der Turnverein. Allerdings so recht zufrieden war man nicht. Es gab damals noch keine elektrische Beleuchtung in diesem Saalabschnitt. Petroleumlampen sorgten nur für ein dürftiges Licht und wenn man sie stärker aufdrehte, dann klagten die Turner über die, wie es heißt, „schädlichen Dünste“. Auch die Stadtverwaltung war nicht immer zufrieden mit dem Verhalten ihrer Saalnutzer. So beschwert man sich im Jahr 1906: „………haben sich namentlich in den letzten Wochen erhebliche Missstände ausgebildet, indem von Seite jüngerer Mitglieder des Turnvereins der Turnsaal zu allen möglichen Tageszeiten, sogar während des sonntägigen Vormittagsgottesdienstes zum Tummelplatz gemacht worden ist, wodurch außer vielem Lärm usw. auch eine Belästigung der Ladenpächter verursacht wurde ...“ Es fehlte damals in Cham eine geeignete Turnhalle und außerdem ein größer Saal für Veranstaltungen.

Plan zum Umbau des Langhaussaales 1905

Zunächst dachte man an einen Umbau des Langhaussaales. Ein neuer Dachstuhl und eine Empore für Orchester waren angedacht. Eine zufrieden stellende Lösung war das aber auch nicht.

Pläne: Lageplan und Seitenansicht Turn- und Festhalle 1908

Ein eigenes Gebäude sollte es nun sein. Man wollte für eine Kommune von der Größe Chams eine repräsentative Halle für Sportveranstaltungen, Feste und Theateraufführungen errichten. Gedacht war an einen Standort in der Unteren Regenstraße im Bereich der Grabenmühle. Die Kosten dafür bereiteten jedoch einiges Kopfzerbrechen.

Als dann die Hoteliers Gress und Wittmann eigene Veranstaltungssäle bauten, beschloss man das Projekt aufzugeben. Dem Turnverein stellte man in Aussicht, einen geeigneten Raum im Gebäude der Stadtwerke einzurichten. Daraus wurde aber nichts und der Verein musste noch einige Jahre mit dem Provisorium im Langhaussaal leben.

Foto: Schülerinnen der Mädchen-Mittelschule beim Turnen im Hof 1913

Turnen und Sport waren in der Anfangszeit reine Männersache. Der von Jahn propagierte wehrhafte Charakter und die Gebote der Schicklichkeit ließen so eine Betätigung für das weibliche Geschlecht unmöglich erscheinen. Zunächst waren es die Schulen, die auch Turnen für Mädchen anboten. Es galt noch viele Vorurteile zu überwinden. So konnte man 1898 in der örtlichen Zeitung folgende Meinung über das Mädchenturnen lesen: „Wenn es als nötig erscheint, den deutschen Jungfrauen Turnunterricht zu erteilen, so möge man sie, um sie zu deutschen Hausfrauen zu kräftigen: 1. an den Waschkübel stellen, um die Armmuskeln zu kräftigen. 2. ihnen ein Plätteisen in die Hand gebe, um die Hanteln zu ersetzen. [...] Diese Gymnastik ist von wunderbarer Wirkung.

Wenn die Jungfrauen später Hausfrauen werden, bezaubern sie den Herrn Gemahl vollständig mit ihren turnerischen Fertigkeiten.“

Solche Ansichten waren damals noch weit verbreitet.

Foto: Damenriege in Randsbergerhofstraße 1923

Während des Ersten Weltkriegs hatte man alle Aktivitäten eingestellt. Als der Turnverein im Jahr 1919 wieder seine Arbeit aufnahm, durften nun auch Frauen als Mitglieder beitreten. Im Juni 1923 wurde erstmals eine Damenriege gebildet, die unter Leitung des damaligen Vorstandes Hans Beer stand. Auch in anderen Turnvereinen (Furth i. W. 1920, Waldmünchen 1921) wurden die Frauen Anfang der 1920er Jahren sportlich aktiv. Die beliebteste Kleidung dieser Riegen war damals der Matrosenanzug.

Foto: Turnerinnen mit Vorturner Lommer Ende der 1920er Jahre

- Dieses Foto wurde einige Jahre später aufgenommen. Die Mode hatte sich geändert und die jungen Frauen durften jetzt auch ihre Beine zeigen. Wir sehen die kleine Gruppe hier zusammen mit ihrem Vorturner Franz Lommer. Beim weiblichen Geschlecht stellte man vor allem die gesundheitlichen Werte des Turnens in den Mittelpunkt.

Im Jahr 1923 gründete der Turnverein nicht nur eine Damenriege, sondern auch eine Schwimmabteilung.

Foto: Städtische Badeanstalt um 1910

Bereits 1867 stellte der Turnverein den Antrag, eine Schwimmschule in Cham zu errichten. Es dauerte dann allerdings noch fast 15 Jahre, bis dieser Wunsch in Erfüllung ging. Sie war der Vorläufer der Städtischen Badeanstalt, wie wir sie auf diesem Foto sehen. Die Anlage befand sich direkt am Regenufer unterhalb der Mädchen-Volksschule, dem heutigen Sonderpädagogischen Förderzentrum. Es herrschte strenge Geschlechtertrennung. Zu-. sätzlich verhinderten Bretterwände und aufgespannte Leinwand neugierige Blicke.

Foto: Fluss-Schwimmbad am Regen Ende 1920er Jahre

Als die ersten Mitglieder der neuen Schwimmabteilung ins Wasser gingen, bestand bereits das Fluss-Schwimmbad am Regen. Es war 1920 eröffnet worden und lag auf dem Grundstück des heutigen Freizeitbades. Um aber überregional mithalten zu können, fehlten den Aktiven über viele Jahre geeignete Trainingsmöglichkeiten. Der Regen konnte eben kein richtiges Schwimmbecken ersetzen.

Foto: erste Jugendfußballer vor dem 1. Weltkrieg

„Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt“, heißt es in einem Schlager.

Bis Fußball zur beliebtesten Sportart in Deutschland wurde, war es aber noch ein langer und steiniger Weg. Das gilt ebenfalls für Cham. In konservativen Turnerkreisen wurde Fußball vor 1900 als „Fußlümmelei“ abgetan. Weil dieser Sport ursprünglich aus Großbritannien kam, bezeichneten ihn andere abfällig als „englische Krankheit“. So war es noch eine kleine Schar, die sich im Jahr 1910 zum Sportklub „Cha-mbia“ zusammenschloss. Als Spielfeld diente ein Gelände zwischen der Färberlohe (östlich Stadtwerke) und Altenstamm.

Anzeige: Propaganda-Spiel „Adler“ Cham 1914

Lange schein dieser Verein nicht bestanden zu haben, denn 1913 wurde als Nachfolger der Fußballklub „Adler“ gegründet. Man war in keiner offiziellen Liga aktiv, sondern organisierte Freundschaftsspiele gegen Teams aus Amberg, Weiden oder Regensburg. Diese Begegnungen dienten auch dazu, Werbung, oder wie es hier heißt „Propaganda“, für den Fußball zu machen. Es waren damals noch recht bescheidene Verhältnisse. Bei einem Match gegen Weiden musste der Schiedsrichter das Spiel vorzeitig abbrechen. Schuld soll die „hitzige“ Spielart der Weidener gewesen sein, durch die der Lederball Schaden nahm. Ein Ersatzball war nicht vorhanden. Es war auch nicht immer leicht, eine komplette Mannschaft auf die Beine zu stellen. Bei einem Auswärtsspiel in Schwandorf trat das Chamer Team einmal nur zu acht an und musste schließlich eine 30:0 Schlappe hinnehmen.

Foto: Mannschaftsfoto Cham gegen Schwandorf 1920

Ganz anders war die Situation nach dem Ende des 1. Weltkriegs. Der Fußball hatte erheblich an Popularität gewonnen und bereits im Jahr 1919 gründete sich im Turnverein Cham eine eigene Fußballabteilung. Gespielt wurde auf der Bleiche und der Höchstetter-Wiese beim heutigen Autohaus Zehder & Franz. 1920 schloss man sich dem DFB an und ein Jahr später schaffte man den Aufstieg in die A-Klasse.

Skifahren und Chamer Hütte 1920er Jahre

Der heute schon erwähnte Wintersportverein schloss sich 1920 als relativ eigenständige Abteilung der Chamer Sektion des Bayerischen Wald-Vereins an. Das Skifahren hatte es den Mitgliedern jetzt besonders angetan. Leider gab es in der Umgebung von Cham nicht immer ausreichend Schnee. Die Lösung des Problems brachte der Kauf einer ehemaligen Holzarbeiterhütte am Nordosthang des Kleinen Arbers. Schon im Oktober 1924 fanden sich die Skifahrer aus Cham zu einer Eröffnungsfeier ein. Die neue Bleibe wurde auf den Namen „Chamer Hütte“ getauft. Auf diesem Foto sind Teilnehmer eines Wettrennens der Skiabteilung im März 1929 abgebildet. Das Skifahren gehört zu den Aktivitäten, die nach dem 1. Weltkrieg einen besonderen Aufschwung erlebten.

Anzeige: Anlage eines Tennis-Platzes Dezember 1920

Für andere Sportarten war die Zeit noch nicht reif. Im Dezember 1920 konnte man diese Anzeige in der Lokalzeitung lesen, mit der Freunde des Tennissports zu einer Besprechung eingeladen wurden. Es sollte um die Anlage eines Tennisplatzes gehen. Das Vorhaben scheint nicht den erhofften Erfolg gehabt zu haben. Tennis im Verein wird in Cham erst seit 1953 gespielt.

Foto: Fußballspieler auf dem Sportplatz

Um 1900 hatte der Verein etwa 75 Mitglieder. Nach 1919 waren es bereits 250. Unter diesen Umständen war der

alte Turnplatz auf der Bleiche völlig unzureichend. Nach langem Suchen fand man als geeigneten Standort die sogenannte „Schmidwirts-Wiese“. Ein großes Areal zwischen der heutigen Jahn- und der Further Straße. Im Jahr 1921 war es dann soweit, dass die ersten Spiele und Wettkämpfe auf dem Trainingsgelände durchgeführt werden konnten.

Der Turnverein musste sich von nun auch um den Platz kümmern.

Anzeige: 10 Milliarden Mark Belohnung

Deswegen setzte er zwei Jahre später 10 Milliarden Mark Belohnung aus. Damit wollte man die Täter ausfindig machen, die das Eingangstor des Sportplatzes zertrümmert und fortgeschleppt hatten. Mir ist nicht bekannt, ob das Geld seinen Zweck erfüllte. Um ehrlich zu sein, so hoch war die Belohnung dann auch wieder nicht. Zu dieser Zeit im Jahr 1923 steuerte die Hyperinflation auf ihren Höhepunkt zu und die Mark verlor jeden Tag mehr an Wert. Trotz der galoppierenden Inflation und der wirtschaftlichen Schwierigkeiten beschloss der Turnverein in diesem Jahr, das Thema Turnhallenbau endlich in die Tat umzusetzen.

Foto: Richtfest beim Bau der Turnhalle 1924

Nachdem andere Zusagen nicht in Erfüllung gegangen waren, wie z. B. Räumlichkeiten in den Stadtwerken, gründete man 1923 einen Bauausschuss. Die Mitglieder des Turnvereins und andere Gruppen der Stadt setzten sich mit viel Engagement und Eigenleistung für dieses Vorhaben ein. Im Juni 1924 wurde Richtfest gefeiert und im April 1925 konnte man die feierliche Einweihung der neuen Turnhalle begehen.

Ansichtskarte: Städtische Turn- und Festhalle

Damit waren aber die Arbeiten noch nicht abgeschlossen. Was noch fehlte war der Innenausbau der Halle. Damit kamen weitere Ausgaben auf den Turnverein zu, die dessen Möglichkeiten endgültig überstiegen. In dieser finanziellen Notlage übernahm die Stadt das Gebäude und beendete in den nächsten Jahren die Baumaßnahme. Im Gegenzug sicherte sich der Turnverein vertraglich umfangreiche Nutzungsrechte. Ein Erlebnis für jeden Turner der damaligen Zeit war die Teilnahme an einem Turnfest.

Teilnahme am 13. deutschen Turnfest in München 1923

So eine Veranstaltung fand 1923 in München statt. Unter den Mitwirkenden befanden sich auch einige Chamer. Diese Feste waren nicht in erster Linie Wettkämpfe, sondern mehr Werbung für die Ideen der Turnbewegung. Große Übungen und Umzüge mit hunderten von Teilnehmern beeindruckten die Zuschauer.

Mit dabei war auch der Chamer Langstreckenläufer Max Fundeis. Er gehörte in den 1920er Jahren zu den besten Läufern Bayerns, wenn nicht Deutschlands, über die 5000-Meter-Distanz. Seit dem Bau des Sportplatzes konnten in Cham auch Leichtathletik-Disziplinen trainiert werden.

Statuten Sportklub „Olympia“ Cham 1920

In den 1920er Jahren nahm die Zahl der Sportvereine in Cham und Umgebung deutlich zu. Einer der größeren war der Sportklub „Olympia“ Cham, der sogar über eine eigene Übungshalle verfügte. Der Verein wurde 1920 mit dem Ziel gegründet „kräftige, gesunde Menschen heranzubilden und gesellige Unterhaltung zu pflegen“. Die Mitglieder spielten Fußball und betrieben Leichtathletik. Besonders erfolgreich waren die Ringer und Gewichtheber. Letztere schlossen sich im Jahr 1925 dem Turnverein an.

Foto: Sportler und Funktionäre der DJK Cham

Heutzutage kennen Sie vielleicht die Aktivitäten der DJK Altenmarkt oder DJK Vilzing. Weniger bekannt dürfte es aber sein, dass bereits im Jahr 1924 eine DJK Cham gegründet wurde. Dieser katholische Sportverein setzte sich anfangs aus Gesellen der Kolpingfamilie zusammen. Weil es sich um einen kirchlichen Verein handelte, wurde er 1935 von den Nationalsozialisten verboten.

Anzeigen: 1912-1929 Sportvereine in den Vororten

Bisher berichtete ich Ihnen nur von Sportvereinen, die in der Stadt Cham aktiv waren. In den kleinen Umlandgemeinden fehlten lange Zeit die notwendigen Voraussetzungen dafür. Wer von früh bis spät in der Landwirtschaft hart arbeiten musste, verspürte kaum den Drang, sich zusätzlich körperlich zu bewegen. Vielfach fehlten einfach die Zeit oder das nötige Geld für eine Sportausrüstung.

Die griechische Antike muss damals sehr beliebt gewesen sein, sodass Herkules in Katzberg, Achilles in Windischbergerdorf und Olympia in Chammünster zu neuen Ehren kamen. Die ursprünglichen Athletenvereine wurde später oft noch um Sport- und Fußballabteilungen erweitert. Anzeigen für Bälle, Tanzkränzchen und Feste zeigen, wie wichtig die Geselligkeit für die Mitglieder war.

Anzeige: Fasching 1911

Geselligkeit, gemeinsame Unternehmungen und natürlich Tanzveranstaltungen wurden auch beim Turnverein besonders gepflegt. Im Vergleich zu heute waren die Möglichkeiten viel geringer, sich zu amüsieren und zu feiern. Umso höher war der Stellenwert der Faschingzeit.

Anzeige: Fasching 1911 - eine Dame frei

Die Turner waren bekannt für ihre Faschingsbälle, nicht nur wegen der interessanten Gestaltung der Eintrittspreis( eine Dame hatte freien Eintritt, jede weitere kostete nur 50 Pfennig.

Foto: Faschingsaufführung des Turnvereins in den 1920er Jahren

Teil der Veranstaltungen waren immer turnerische Aufführungen. Diese konnten ganz unterschiedlicher Art sein. In den 1920er Jahren waren nach wie vor Matrosen und Marine ein beliebtes Thema.

Eintrittskarte: Faschings-Kehraus 1960

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen sich über viele Jahre die Handballer des ASV Cham dem Faschingsthema an. Die „Narrballia“ beherrschte lange mit „Hofmarschall“ und Abteilungsleiter Ossi Schiedermeier die närrische Zeit in Cham.

Foto: (Feld-)Handballspiel in den 1930er Jahren

Die Handballer bestehen offiziell seit 1928 als Abteilung des Turnvereins. Die Jugendlichen, die auf die Oberrealschule mit Gymnasium gingen, das heutige Fraunhofer-Gymnasium, hatten das Spiel bereits im Unterricht kenner gelernt. Deswegen stellten die höheren Schulen lange Zeit die meisten Akteure auf dem Platz. Mannschafts- und Spielfeldgröße entsprachen der beim Fußball.

Foto: Mannschaft des Fußballclubs Cham 1928/29

Die Fußballer und die Turner gingen im Cham der 1920er und 1930er Jahre mal getrennte, dann wieder gemeinsa. me Wege. 1924 wurde der Fußball-Club sogar als eigenständiger Verein ins Vereinsregister eingetragen. Später schloss man sich wieder als sehr eigenständige Abteilung unter Beibehaltung des Namens dem Turnverein an. Dieses Foto wurde im Dezember 1929 am Sportplatz aufgenommen. Die Mannschaft war in diesem Jahr Meister ihrer Klasse geworden und hatte in einem schweren Aufstiegsspiel in Furth i. Wald mit 2:1 gewonnen.

Foto: Mannschaft des Fußballclubs Cham 1928/29 - Pfeil: Sturm

Diese Begegnung blieb dem Bäckermeister und großen Fußballer Fritz Sturm zeitlebens in Erinnerung. Nicht nur, weil er beide Tore für Cham erzielt hatte, sondern auch, weil es nach dem Schlusspfiff zu Ausschreitungen gekommen war. Schon während der regulären 90 Minuten war die Stimmung extrem aufgeheizt. Als aber die Niederlage feststand, gingen Further Anhänger auf die Chamer Spieler los. Fritz Sturm und ein weiterer Teamkollege brachten sich in Sicherheit, indem sie im Dezember durch den eiskalten Chamb schwammen. Andere Mitspieler hatten weniger Glück und wurden verprügelt. Die Polizei brachte die Mannschaft schließlich zum Bahnhof, um zumindest eine sichere Rückfahrt zu gewährleisten. Man sieht, dass Gewalt in Fußballstadien auch früher schon vorkam, wenn sie auch eher die Ausnahme blieb.

Foto: Aufführung des Schäfflertanzes 1931

Dass Fußballer nicht nur gut am Ball sind und Turner nicht nur ihre Übungen beherrschen, zeigten sie bei verschiedenen Gelegenheiten. Zum Beispiel bei der Aufführung des Schäfflertanzes 1931 auf dem Marktplatz. Solche Vorführungen wurden auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs noch mehrfach wiederholt.

Foto: Mitglieder des Turnvereins vor der Turn- u. Festhalle 1933

Das Jahr 1933 brachte auch ftir den Turnverein Einschnitte. Politische Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Nationalsozialismus beeinflussten das öffentliche Leben und die Tätigkeit der Chamer Vereine schon in den vorangegangenen Jahren. 1932 wurde ein „Allgemeiner Freier Turn- und Sportverein“ als Konkurrenzorganisation gegründet. Im Verlauf des Jahres 1933 erfolgte dann beim Turnverein, wie bei vielen anderen Vereinen auch, die sogenannte Gleichschaltung. Aus dem 1. Vorstand wurde jetzt der „Führer“ und der 2. Vorstand erhielt die Bezeichnung „Ersatzführer“. Aber Namen waren nur das äußere Kennzeichen der Veränderungen. Die jüdischen Mitglieder konnten nun nicht mehr im Turnverein aktiv sein.

Foto: Aktive u. Funktionäre der Kraftsportabteilung

Aus politischen Gründen stellte die Kraftsportabteilung 1933 den Sportbetrieb ein. Sie war jahrelang (1928-1933) ein Aushängeschild des Turnvereins gewesen. Manche ihrer Ringer zählten zu den technisch besten in Bayern.

Fotos: Liselotte Muggenthaler/Segerer und Fritz Zängl

In den nächsten Jahren legte das Regime großen Wert auf die Förderung des Sports. Von den vielen talentierten und erfolgreichen Mitgliedern des Turnvereins möchte ich zumindest zwei aus dieser Zeit nennen. Damals machten die Chamer Frauen in der Sparte Leichtathletik von sich reden. 1940 und 1941 wurden sie Reichssieger in ihrer Ortsklasse bei der Deutschen Kriegs-Vereinsmeisterschaft. Für besondere Leistungen sorgte damals Lieselotte Muggenthaler (heute: Segerer), wofür sie die Deutsche Leistungsnadel erhielt. Im Wintersport war der Katzbacher Fritz Zängl als Langlaufspezialist bekannt. Er gehörte zur Deutschen Militärpatrouille, die bei den Weltmeisterschaften 1940 in Zakopane den Titel im Patrouillenlauf errang. Im Verlauf des Krieges musste der Sportbetrieb immer mehr eingestellt werden. 1944 beschränkte sich das Vereinsleben nur noch auf die Frauenabteilung und das Kinderturnen.

Neuaufbau der Vereine - Gründung des ASV Cham

Bereits im Herbst 1945 begannen in der Sparte Fußball erste Aktivitäten. In diesem Bereich kam es am 1. April 1946 mit der Zulassung des Fußballclubs Cham zur Wiedergründung. Der Verein wurde später von Fritz Sturm als Vorstand geleitet. Weitere Abteilungen (Handball, Boxen, Leichtathletik, Tischtennis, Skilauf) folgten dem Beispiel der Fußballer und kehrten unter schwierigen Bedingungen zum Spiel- und Trainingsbetrieb zurück. Um den so unterschiedlichen Sportarten besser gerecht zu werden, beschloss man die Namensänderung in „Allgemeiner Sportverein Cham“.

Foto: Einweihung des Sportplatzes - Fußball-Einmarsch 1948

Ein erster Höhepunkt in der noch jungen Geschichte des ASV war die offizielle Einweihung des wiederhergestellten Sportplatzes mit einem umfangreichen Festprogramm. Besuchermagnet war das Freundschaftsspiel des ASV Cham gegen 1860 München (links).

Foto: Einweihung des Sportplatzes - Fußballspiel 1948

der Nachkriegszeit hatten die schweren Fahrzeuge der US-Armee das Gelände weitgehend ruiniert. Nachdem der Platz zuerst nur notdürftig ausgebessert worden war, befand er sich jetzt in einem guten Zustand. Die Partie endete übrigens mit einer 2 zu 7 Niederlage für die Heimmannschaft.

Foto: Einweihung des Sportplatzes - Damen-Handballspiel 1948

Seit 1946 konnte man in Cham wieder Handball sehen. Deswegen gehörten verschiedene Handballmatches auch zum Festprogramm der Platzeinweihung. Als dieses Foto entstand, war gerade die Damenmannschaft aktiv. Beim ASV gingen Frauen diesem Sport seit 1947 nach.

Foto: vermutlich Versehrten-Sportfest in Cham 1954

Der Zweite Weltkrieg hinterließ auch viele Kriegsbeschädigte, die trotz ihrer körperlichen Einschränkungen Sport treiben wollten. Im Jahr 1952 nahm der ASV Cham als erster Sportverein Bayerns eine Versehrtensportgruppe auf. Diese Sparte besteht nach wie vor unter der neuen Bezeichnung Behinderten-, Versehrten- und Rehasportabteilung. Die Aufnahme wurde vermutlich beim Bayerischen Landes-Versehrten-Sportfest 1954 in Cham gemacht. Es war damals die erste Veranstaltung dieser Art im Grenzland.

Foto: Leichtathleten des ASV 1954

Von der Sanierung des Sportplatzes profitierten natürlich auch die Leichtathleten, die endlich wieder brauchbare Trainingsmöglichkeiten erhielten. Im Jahr 1949 schloss sich diese Sparte dem ASV an. Bekannte Sportler der 1950er Jahre waren u. a. Sigrid Herbst-Hofmaier, Siegmund Köstner oder Heinz Hofmaier um nur drei zu nennen, die auch auf diesem Foto abgebildet sind.

Foto: Grenzlandsportfest 1963 in Cham

Im Jahre 1948 wurde das erste Grenzlandsportfest in Cham unter der Leitung von Fritz Hutter veranstaltet. Zum

100-jährigen Vereinsjubiläum fand wieder so eine große Leichtathletik-Veranstaltung statt. Wir sehen gerade Rudi Schmid bei seinem Sieg im 100-Meter-Lauf Auch heuer zum 150-jährigen Jubiläum wird es wieder ein Grenzlandsportfest in Cham geben.

Fotos: Skifahren im Tiergartengelände und Skifasching

Die Skifahrer, die lange Jahre zum Bayerischen Wald-Verein gehörten, gründeten 1941 eine eigene Skiabteilung und schlossen sich dem Turnverein an. Die Auswirkungen des Krieges verhinderten aber weitere Vereinstätigkeiten. 1946/47 war es zunächst ein mühsamer Start für die jetzige ASV-Abteilung. Die Chamer Stadtmeisterschaften und viele weitere Aktivitäten machten die Skifahrer bekannt.

Foto: Ringer Oberpf. Kreismeister 1952

Nach Jahren des Stillstands ging 1946 auch bei den Ringern das Training weiter. Zwei Jahre später wurden die Schwerathleten als Abteilung dem ASV angegliedert. Für ein erstes Ausrufezeichen sorgte die Ringermannschaft, als sie 1952 die Oberpfälzer Kreismeisterschaft gewann. Das siegreiche Team ließ sich vor der Turn- und Festhalle fotografieren. Den größten Erfolg erreichten die Ringer aber 1955 durch den Aufstieg in die Bayerische Oberliga. Finanzielle Gründe zwangen dann aber zu einem freiwilligen Abstieg. Allerdings waren die Chamer Athleten auch in den 1960er Jahren wieder sehr erfolgreich. Mit großen Erfolgen konnten in den 1950er Jahren auch die Fußballer glänzen.

Foto: Mannschaftsfoto mit Funktionären - Kreismeister 1948/49

Nachdem sie bald nach dem Kriegsende den Spielbetrieb aufgenommen hatten, begann ein erstaunlicher Aufschwung. Unter dem Abteilungsleiter Hermann Steiniger sen. gewannen die Spieler die Kreismeisterschaft in der Saison 1948/49. Nun stand das Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die Landesliga gegen den FC Penzberg an.

Telegramm: Sieg im Entscheidungsspiel am 15.08.1949

Hunderte von Schlachtenbummlern aus Cham und Umgebung begleiteten die ASV-Elf in Sonderzügen, Omnibussen und Lastwagen nach Landshut, wo das Spiel auf neutralem Boden stattfand. Erst in der Verlängerung wurde die Partie mit 1:0 gewonnen. Danach schickte der Abteilungsleiter Steiniger dieses Telegramm an den Chamer Bürgermeister. Als die Mannschaft um Mitternacht mit dem Zug zurückkam, wurde sie mit Musik empfangen. Viele Fans hatten sich versammelt und standen vom Bahnhof bis zum Postamt Spalier, um ihre erfolgreichen Fußballer zu feiern.

Stadionzeitung aus Straubing 26.02.1950

Diese Begeisterung hielt auch in den nächsten Jahren an. Die Fußballer des ASV waren zumindest bei der männlichen Bevölkerung das Hauptgesprächsthema. Wer sich für Fußball interessierte, fieberte mit der Mannschaft mit und konnte es kaum erwarten, die Ergebnisse der Auswärtsspiele zu erfahren. In der Saison 1949/50 erreichte der ASV Cham den 5. Platz in der Bayerischen Landesliga und schaffte damit den Aufstieg in die neugegründete II. Liga Süd. Zuschauermagneten waren damals auch die Derbys gegen Straubing.

Foto: Mannschaft und Verantwortliche am 29.10.1950

Als den Höhepunkt der Vereinsgeschichte kann man sicherlich die Spiele der Fußballer in der II. Liga Süd (1950/51 bis 1961/62) bezeichnen. Die erfolgreiche Vertragsspieler-Mannschaft machte damals den ASV und damit auch die Stadt Cham in ganz Deutschland bekannt. Der kleine Fußball-David erspielte sich rasch den Respekt der Konkurrenz. So konnte man z. B. in der Süddeutschen Zeitung lesen: „Im kleinen Bayerwald-Städtchen Cham existiert eine Elf der Namenlosen, die ohne eine große Kanone zur Sensation der Zweiten Liga Süd wurde. Echter Sportgeist ist das große Geheimnis für den Erfolg, den diese Mannschaft erringen konnte.“

Foto: Strafstoßtor von Sepp Weindl zum 1:0 gegen Waldhof Mannheim

Die größte Überraschung vollbrachten die Fußballer wohl in ihrer ersten Zweitligasaison, als sie sich an die Tabellenspitze setzten. Gegen Ende der Spielzeit fehlte dann aber das nötige Glück. Ansonsten wäre beinahe der Aufstieg in die höchste Spielklasse (Oberliga) gelungen. Der wohl bekannteste Akteur war zu dieser Zeit der groß gewachsene Sepp Weindl. Man zählte ihn zu den stärksten Spielern auf seiner Position in der Bundesrepublik. Sogar im Notizbuch des damaligen Nationaltrainers Sepp Herberger soll sein Name gestanden haben.

Foto: Spielszene und Schlagzeile - Sieg über FC Bayern München

Fast 10 000 km musste die Elf insgesamt zu den Auswärtsspielen zurücklegen. In den Punktspielen hatte es der

ASV mit Clubs zu tun, die noch heute bekannt sind, wie z. B. 1860 München, Stuttgarter Kickers oder Jahn Regensburg. Bis zu 20 000 Zuschauer lockte der ASV in Auswärtsspielen an und zu den Heimpartien kamen immer hin bis zu 7 000 Fans.

In Cham erinnert man sich heute noch gerne mit etwas Wehmut an diese Zweitliga-Zeiten, in denen zum Beispiel der heute so große FC Bayern München mit 2:1 geschlagen wurde.

Fotos: Freundschaftsspiel mit Brücke-Schauspielern 1959

Zu den Zuschauern bei Spielen des ASV Cham gehörten auch Prominente. Während der Dreharbeiten zum Film „Die Brücke“ besuchten Darsteller und Filmcrew ein Freundschaftsspiel des ASV Cham gegen Jahn Regensburg. Zu dem Spiel, das in der Volksfestwoche stattfand, waren immerhin 2000 Zuschauer gekommen. Der Regisseur Bernhard Wicki durfte den „Anstoß“ ausführen.

Spendenaufruf von 1960: 2. Liga muss erhalten bleiben

Die Zugehörigkeit zur 2. Liga hatte aber auch ihre Schattenseiten. Das Mitspielen im Konzert der Großen bedeutete für einen Verein aus der Kleinstadt enorme finanzielle Belastungen. Die Gehälter der Spieler, die Aufwendungen für die langen Fahrten zu den Auswärtsspielen und vieles mehr. Die anderen Vereine verfügten über größere Stadien und deutlich mehr Zuschauereinnahmen. Im Gegensatz zur Konkurrenz waren für notwendige Verstärkungen bei der Chamer Mannschaft nicht genügend Mittel vorhanden.

In den drei Spielzeiten zwischen 1958 und 1961 konnte der ASV jeweils nur knapp den Abstieg verhindern. Im Jahr 1960 ging dieser Spendenaufruf an die Bevölkerung. Der finanzielle und spielerische Kraftakt gelang nochmals.

Programm-Ausschnitte erstes Frühlingsfest 1962

Allerdings folgte nach der Saison 1961/62 der Abstieg aus der 2. Liga. Dieser sportliche Rückschlag hatte zumindest eine gute Seite, denn der Schuldenstand ließ sich fast völlig abbauen. Zur Sanierung trug wesentlich das erste Chamer Frühlingsfest bei, das der ASV auf dem Volksfestplatz durchführen konnte.

Costa-Entwurf zum 150-jährigen ASV-Jubiläum

Ich konnte Ihnen heute sicherlich nur einen kleinen Ausschnitt aus der Sportgeschichte Chams vorstellen. Wesentlich mehr über die vielfältigen Aktivitäten des ASV und seiner Abteilungen gibt es demnächst in einer Ausstellung zu sehen. Sie wird vom 22. Juni bis 4. August 2013 im Cordonhaus gezeigt.

Foto: Hochspringer Heinz Hofmaier 1950er Jahre

Den Vortrag gibt es nochmals am Dienstag, den 19. März, um 19.30 Uhr zu hören. Ganz zum Schluss noch ein kleiner Appell aus dem Jahr 1901 vielleicht auch selbst mal wieder etwas mehr Sport zu betreiben. Dort hieß es: „Wohl wissen viele [...] die Wohlthaten des Turnens zu schätzen; dieselben aber auch für das weitere Leben zu bethätigen, dazu fehlt oftmals die Willenskraft. Und gerade Jene, welche durch schriftliche Arbeiten fast das ganze Jahr an die Zimmer gefesselt sind, in sitzender Stellung den Unterleib und Brustkorb zusammengepresst, ohne jede Anregung zur Muskelarbeit, gerade Jene sollten sich freuen, wenn Gelegenheit gegeben ist, den Leib zu stählen und die inneren Organe widerstandsfähig zu machen.“

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