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Das Stonehenge der Oberpfalz

Seit Jahren erforscht der Lehrer Heinz Glashauser Granitblöcke. Schweinskopf und Riesentisch im Falkensteiner Vorwald waren einst religiöse Heilstätten.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Heinz Glashauser ist fasziniert von Granitblöcken wie dem SchweinskopfFoto: Gabi Schönberger

Falkenstein.In acht Metern Höhe über dem mit Laub bedeckten Waldboden scheint man auf dem kugeligen Stein schlammverkrustete Platten zu entdecken – wie wenn sich ein Schwein gerade genüsslich im Dreck gewälzt hätte. Tatsächlich heißt der Kristallgranitblock, der hier unterhalb der Kirche von Marienstein liegt, Schweinskopf. Ein angelegtes Ohr ist zu erahnen, der Felsüberhang bildet den Schweinerüssel. Wieder und wieder schaut Heinz Glashauser an dem Stein empor. „Heute sieht man es besonders deutlich“, sagt er. „Ganz klar: ein Schwein.“ Dass ihn das frappiert, ist das eigentlich Überraschende, denn Heinz Glashauser hat schon unzählige Male hier gestanden, hat den Schweinskopf, den nur wenige Dutzend Meter höher gelegenen Riesentisch und zahllose andere Steinzeugen im Falkensteiner Vorwald nicht nur vor der Kameralinse gehabt, sondern akribisch erforscht.

Man fühlt sich wie im Museum

„Man geht durch einen Wald und denkt, man ist in einem Museum für moderne Kunst – so schemenhaft sind die Steine“, sagt Heinz Glashauser. Ein ganzes Regal in seinem Wohnzimmer ist mit selbst erstellten Fotobüchern bestückt: Darin dokumentiert er seit mehr als 20 Jahren die eigentümlichen Granitblöcke, die sich mal als Eule, mal als Hase oder Froschmaul entpuppen. Hier, bei Marienstein, sind der Schweinskopf und der Riesentisch Zeugnisse vorchristlicher Bräuche und lassen den Betrachter in eine Welt der Sagen abtauchen. Heinz Glashauser hat sämtliche Informationen zu jedem Stein sofort parat.

Einer Sage zufolge soll sich der Teufel über den Bau der Kirche auf dem Marienstein dermaßen erzürnt haben, dass er am Einweihungstag in Gestalt eines riesigen Schweines laut grunzend versuchte, die Gläubigen zu vertreiben. Die Gläubigen jedoch riefen Petrus um Hilfe an, welcher sogleich erschien und mit einem gewaltigen Schwerthieb das Schwein köpfte. Der Kopf erstarrte zu Stein und liegt seither unterhalb der Kirche. Geht man davon aus, dass die Kirche irgendwann im 15. Jahrhundert erbaut wurde, ist der Sagencharakter nicht von der Hand zu weisen: Die Granitblöcke stammen geologisch gesehen aus der spät-variszischen Zeit, sind also gut und gerne 400 Millionen Jahre alt. Schweinskopf und Riesentisch müssen also weitaus ältere Hintergründe haben.

Bei deren Erforschung stieg Heinz Glashauser tief hinab in vorchristliche Zeiten, in die keltische Mythologie und andere heidnische Kulturen wie die Megalith-Kultur, die am wohl spektakulärsten Beispiel im englischen Stonehenge zu Weltbekanntheit gelangte. „Das Schwein, insbesondere der Eber, hatte in vorchristlicher Zeit kultischen Charakter und galt als geheiligtes Tier“, erklärt Heinz Glashauser. Ebenso verweist für ihn der Riesentisch auf eine Zeit lange vor dem Christentum. Der Riesentisch liegt auf zwei kleineren Felsblöcken, so dass unter ihm ein Durchschlupf entsteht. Glashausers Recherchen haben ergeben, dass der Durchschlupf-Brauch weltweit gebräuchlich ist. „Man schlüpft durch einen engen Spalt und berührt dabei den Stein und die Erde, um so Krankheiten abzustreifen“, sagt er. Tatsächlich berichtete ein früherer Mesner von Marienstein noch im Jahr 1937 davon, dass der Durchschlupf-Brauch am Riesentisch ausgeübt worden sei. Um die Krankheiten auch tatsächlich abstreifen zu können, bedurfte es nach dem Hindurchschlüpfen eines Opfers. Deshalb ist auf dem kleineren der untenliegenden Felsblöcke eine Schale herausgehauen. Hier hat man die Opfer, seien es Pflanzen oder Tiere, den Göttern dargebracht.

Mit einem solchen Schalenstein wurde Heinz Glashauser überhaupt erst auf das Thema aufmerksam: „Mir fiel auf: das ist nicht alles Natur, die Steine sind von Menschen bearbeitet. Das war für mich wie ein Eintritt in eine andere Welt.“ Seither wälzt er Bücher von Archäologen, verschlingt alles, was er über Steine kriegen konnte. Zauberhaft waren die Steine für ihn jedoch schon, als er als Bub im Bayerischen Wald auf Schwammerlsuche ging. Damals hatte es ihm der Wackelstein von Solla angetan. Der tonnenschwere Stein kann durch Antippen hin und her geschaukelt werden.

Kaum jemand kennt die Symbolik

Heute kennt kaum einer mehr die Symbolik hinter den Steinen. Niemand weiß mehr, dass der Riesentisch so genannt wird, weil sich die Menschen eben nicht vorstellen konnten, dass jemand anderes als Riesen so große Steine bearbeiten kann. Die vorchristlichen Bräuche, die an den uralten Granitblöcken hängen, wurden von der Kirche oft verteufelt – weshalb es die so genannten Teufelssteine gibt – oder aber umgedeutet.

Nachdem er sich eine Zeitlang mit den Granitblöcken rund um Falkenstein beschäftigt hatte, dachte Heinz Glashauser er hätte nun jeden Stein entdeckt. „Aber es kommen immer wieder neue dazu. Wenn man mal den Blick dafür hat, dann sieht man immer mehr“, sagt der Lehrer. Daran lässt er andere auch gerne teilhaben: Für das Umweltzentrum Wiesenfelden machte er Führungen. Und er stellte seine Fotografien aus. Dass nicht jeder Stein, der als vorchristliche Heilstätte interpretiert werden kann, unter Denkmalschutz steht, findet Glashauser nicht schlimm. Im Gegenteil: Je unbekannter die Steine sind, desto unbehelligter fristen sie ihr Dasein. Und wenn es ihn dann je nach Stimmung zu diesem oder jenem Stein hinzieht, ist er froh, dort meistens allein zu sein – hier, im Stonehenge der Oberpfalz.

Riesentisch und Schweinskopf

- Naturdenkmal seit 1938

- Kristallgranitblöcke durch Wollsackverwitterung entstanden

- Alter: ca. 400 Mio. Jahre

- Maße: Schweinskopf: Länge 8 Meter, Breite 7 Meter, Höhe 8 Meter; Riesentisch: Länge 8 Meter, Breite 5 Meter, Höhe 4 Meter

- Lage: 480 (Schweinskopf) bzw. 530 (Riesentisch) Meter ü. NN

- Eigentümer: Kirchenstiftung Marienstein

- Auf seiner Homepage hat Heinz Glashauer Fotografien und Hintergrundwissen zu den Granitblöcken veröffentlicht. www.glashauser-heinz.de/steinzeugen

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