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Kultur
Sonntag, 24. September 2017 20° 3

Kunstaktion

Die Stunde der Frauen auf der Walhalla

Vier Künstlerinnen wiesen 1994 auf den Frauenmangel hin. Ein CSU-Politiker verhalf ihnen unfreiwillig zu Publicity.
Von Katharina Kellner, MZ

  • Mit ihrer Lichtinstallation „Temple à l’Égalité“ im Unterbau der Walhalla erinnerten die vier Regensburger Künstlerinnen unter anderem an die Schneiderin Helene Grünberg, die 1906 in Nürnberg den ersten freigewerkschaftlichen Dienstbotenverein gegründet hatte. Foto: MZ-Archiv
  • Renate Christin (2017 in der Galerie Leerer Beutel) Foto: MZ-Archiv/ Kneitz
  • Maria Seidenschwann (2014 in der Kleinen Galerie) Foto: MZ-Archiv/Lex
  • Maria Maier (2016 mit ihrem „Naturkreislauf“) Foto: MZ-Archiv/ Scheiner
  • Astrid Schröder (2016 mit „Energiefeld“) Foto: MZ-Archiv/ altrofoto.de

Donaustauf.Ein Wochenende lang im Oktober 1994 hatten auf der Walhalla die Frauen den großen Auftritt. Das ist nicht viel im Verlauf von 175 Jahren, während derer dort oben fast nur männliche „Großkopferte“ den Ton angegeben haben. Die Aktion, mit der die vier Regensburger Künstlerinnen Renate Christin, Maria Maier, Astrid Schröder und Maria Seidenschwann die Öffentlichkeit auf den eklatanten Frauenmangel unter den Köpfen in der „Ruhmeshalle“ aufmerksam machten, ist in der Walhalla-Geschichte einmalig. Das Quartett hatte 1993 die „Gruppe Regensburger Künstlerinnen“ („GReK“) gegründet, nach eigener Aussage die erste Künstlerinnengruppe in Ostbayern. Heute sind sie – jede für sich – weit über Regensburg hinaus bekannte Künstlerinnen.

„Kein Stand nicht, auch das weibliche Geschlecht nicht, ist ausgeschlossen“, hatte König Ludwig I. vor der Eröffnung des Ruhmestempels 1842 verfügt. Doch 1994 waren nur neun Büsten und Gedenktafeln Frauen gewidmet – 178 Männern. Heute sind es immerhin zwölf Frauen in der Walhalla.

Wie aus dem „Vorhimmel“ ein fensterloser Keller wurde

Ihre Idee verwirklichte die „GReK“ mit einer Lichtinstallation: Sie projizierten wechselnde Frauennamen an die Wand der Walhalla – allerdings nicht oben in die Ruhmeshalle, sondern in die „Halle der Erwartung“, die sich unten im Treppenvorbau befindet. Architekt Leo von Klenze hatte diese „Halle der Erwartung“ als „Vorhimmel“ geplant in Abgrenzung zu der als „Himmel“ und Ort der Unsterblichkeit konzipierten Ruhmeshalle. Seine Intention: Büsten, die schon für die Ruhmeshalle bestimmt und fertig gestellt waren, sollten in der „Halle der Erwartung“ auf ihren feierlichen Einzug in die Ruhmeshalle warten. Doch mitten im Bau ordnete König Ludwig I. an, er wolle auf die Ausführung verzichten. Hintergrund war eine boshafte Bemerkung des österreichischen Staatskanzlers Metternich, Ludwig wolle in der „Halle der Erwartung“ nur seine eigene Büste aufstellen. So wurde aus dem „Vorhimmel“ nur ein öffentlich nicht zugänglicher fensterloser Keller.

Vergängliche Lichtpunkte im Keller

„Das Umfeld ist ebenso trist wie die Situation der weiblichen Walhalla-Anwärterinnen“, schrieb eine MZ-Kritikerin über das Projekt. Von 21. bis 23. Oktober 1994 erinnerten die Künstlerinnen an 19 Persönlichkeiten, die in eine von drei Kategorien passten: Frauen, die den Erfolg berühmter Männer ermöglichten wie die Näherin Elsie Lensing, die das Studium für den Dramatiker Friedrich Hebbel bezahlt hatte. Zweitens Frauen, die als Konkurrenz im Schatten berühmter Männer standen wie Lise Meitner in dem Otto Hahns: Zwar entdeckte sie mit ihm zusammen die Kernspaltung, durfte sich aber als Frau im Chemischen Institut Berlin nur im Keller aufhalten. Als weibliche Naturwissenschaftlerin, die auch Jüdin war, wurde sie diskriminiert und musste 1933 nach Schweden emigrieren, wie es in einer Dokumentation der „GReK“ heißt. Zur dritten Gruppe gehören Frauen, die Wichtiges für die Gesellschaft geleistet haben und trotzdem vergessen worden sind wie Toni Pfülf, die erste weibliche Abgeordnete aus Bayern in der Weimarer Nationalversammlung, eine frühe Gegnerin der NSDAP. „Temple à l’Égalité“ nannten die vier Künstlerinnen ihre Ausstellung – „Tempel der Gleichheit“. Die Kunstaktion war von Kultusminister Hans Zehetmair höchstpersönlich genehmigt worden.

Dass sie sich die Künstlerinnen den Walhalla-Männern quasi „von unten“ annäherten, kann durchaus symbolisch gesehen werden. Die Frauennamen bildeten vergängliche Lichtpunkte an Keller-Wänden unterhalb der marmorblitzenden Halle voll mit in Stein gemeißelten Büsten von (überwiegend) männlichen „Unsterblichen“. Augenfälliger kann man die Stellung von Männern und Frauen in der Geschichte kaum kontrastieren. Mit ihren Biographien stehen die ausgewählten Frauen aber auch für eine grundlegend andere Auffassung von „Heldentum“, als jene, die in der Ruhmeshalle zelebriert wird: Sie haben die Gesellschaft als Gewerkschafterinnen, Lehrerinnen oder als weibliche Pionierinnen in der Wissenschaft vorangebracht – aber eben „von unten“.

Der „letzte Männerhirsch“

Der Ansatz der „GReK“, die Genderfrage ausgerechnet in jenem deutschen Nationalsymbol zu stellen, das von manchen wegen seiner freien Plätze als das „einzige lebende“ angesehen wird, war 1994 ein starkes frauenpolitisches Statement – so stark, dass es einige Vertreter des männlichen Geschlechts mit der Angst zu tun bekamen. Der damalige CSU-Bundestagsabgeordnete Benno Zierer sprach von einer „feministischen Unterwanderung“ und wollte auch den Grund gefunden haben, warum sich in der Walhalla so wenige Frauen fanden: „Es herrscht halt ein Mangel an historischen Frauenpersönlichkeiten.“ Dass die Frauen in der Geschichte nichts zustande gebracht hätten, konnte man 1994 nicht mehr ungestraft sagen. „Machos Traum“ überschrieb Harald Raab seinen Kommentar in der „Woche“ und forderte: „Fortschrittlich wäre es, Benno Zierers Gipskopf als Symbol für den letzten Männerhirschen auf dem Dachfirst der Walhalla zu verewigen. Und alle Frauen, die ihn gewählt haben, sollten ihre Stimmen zurückziehen. Dann – aber nur dann – wäre einer wie er auch noch ein Stückchen lernfähig.“ Auch Münchner Abendzeitung und „Süddeutsche“ griffen das Thema auf – die SZ widmete der Walhalla ein „Streiflicht“. Die MZ folgerte später aus dem Rauschen im Blätterwald, das Zierer verursacht hatte, er habe „mit seinem überaus zitierfähigen Satz der GReK-Sache doch unfreiwillig Schützenhilfe geleistet“.

Lesen Sie dazu auch, warum die Walhalla seit ihrer Eröffnung bewundert und kritisiert wurde und was Einheimische in lauen Sommernächten mit hinauf nehmen.

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