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Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Gesundheit

Wenn das Ohr niemals Ruhe gibt

Für manche Tinnitus-Patienten werden die Beschwerden fast unerträglich. In der Regensburger Uniklinik finden sie Hilfe.
Von Kerstin Hafner

Am Tinnituszentrum Regensburg arbeiten Ärzte aus mehreren Fachdisziplinen zusammen, um ihr Wissen zu teilen und Patienten maßgeschneidert zu behandeln. Foto: Stasique - stock.adobe.com

Regensburg.Der böhmische Komponist Bedrich Smetana beschrieb seinen chronischen Tinnitus als „das schrille Pfeifen eines As-Dur-Sextakkords in den höchsten Registern der Piccoloflöte“. Musikalisch setzte er dem nervenden Ton ein Denkmal, indem er ihn in ein Streichquartett integrierte, dem er konsequenterweise den Titel „Aus meinem Leben“ verlieh. Markus Schneider aus Demling weiß genau, wovon Smetana spricht. Seit seinem 22. Lebensjahr quält den 47-Jährigen ebenfalls ein hoher Dauerpfeifton. „Es begann mit einem wahrscheinlich stressbedingten Hörsturz. Ich wachte nachts auf und dachte, ein Düsenjet startet über meinem Bett.“ Der Hörsturz wurde behandelt, aber der Tinnitus blieb, zunächst nur einseitig, nach einem zweiten Hörsturz dann beidseitig.

„Der Gedanke, für immer mit diesem unerträglichen Geräusch leben zu müssen.“

Markus Schneider

„Es war zum Aus-der-Haut-fahren“, berichtet Schneider. „Zum einen der Gedanke, für immer mit diesem unerträglichen Geräusch leben zu müssen, zum anderen weil wir damals gerade ein Baby hatten und jeder schrille Schrei des Kindes mir körperliche Schmerzen bereitete. Ich konnte ja schon wegen des Tinnitus selbst kaum noch durchschlafen.“ Lange Zeit sagten ihm HNO-Ärzte, dass da nichts zu machen sei. Schneider las viel zum Thema, mied Aufregung und eine laute Umgebung, nahm Ginkgo-Präparate zur Verbesserung der Durchblutung des Innenohrs, ging zur Akupunktur und zum Heilpraktiker. Nichts half. Er bekam Konzentrationsprobleme, sogar Panikattacken. „Nur depressiv bin ich zum Glück nicht geworden wie so viele andere Tinnituspatienten. Heute weiß ich auch, warum das alles ins Leere lief: Weil Tinnitus nicht im Ohr erzeugt wird, sondern im Gehirn. Und von diesen Fehlsteuerungen im Kopf kommen auch die Begleiterscheinungen, unter denen man leidet.“

Dr. Winfried Schlee ist Diplompsychologe und Projektleiter des EU-Programms ESIT zur Ausbildung und Förderung von 15 Doktoranden, die im Bereich Tinnitus forschen. Foto: Hafner

Vor zehn Jahren wandte sich Schneider ans Tinnituszentrum Regensburg. Hier arbeiten Ärzte aus mehreren Fachdisziplinen zusammen, um ihr Wissen zu teilen und Patienten maßgeschneidert zu behandeln. In der wöchentlichen Tinnitussprechstunde kommen Patienten zunächst in die Abteilung HNO am Uniklinikum Regensburg und werden danach bei Bedarf auch in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum vorgestellt. „Am Abend setzen sich die beteiligten Ärzte zusammen und sprechen über die Patienten, um ein interdisziplinär abgestimmtes, individuelles Behandlungskonzept zu entwickeln“, erklärt Dr. Winfried Schlee, Diplompsychologe und Projektleiter des EU-Programms ESIT zur Ausbildung und Förderung von 15 Doktoranden, die im Bereich Tinnitus forschen.

In der Tinnitusforschung sind Regensburger
Ärzte weltweit an der Spitze zu finden

Im April fiel der Startschuss zu dem Programm, seither wurden die Doktoranden ausgewählt. Zwei von ihnen arbeiten in Regensburg, andere in Nottingham, Mailand, Stockholm oder Zürich. Jetzt im Oktober beginnt die Arbeit. Das Projekt wird von der EU vier Jahre lang mit 3,8 Millionen Euro gefördert. In Regensburg wird ESIT koordiniert. „Wir genießen einen guten Ruf in der Tinnitusforschung und sind heute weltweit unter den Top Five zu finden“, sagt Dr. Schlee. Und warum ist das so? Kurz nach der Jahrtausendwende war ein wohlhabender Tinnituspatient, der in Monaco lebt und nicht genannt werden will, unzufrieden mit der damaligen Forschungslandschaft im Bereich Tinnitus. Beeindruckt war er allerdings von der interdisziplinären Zusammenarbeit am Tinnituszentrum in Regensburg. Und deshalb gründete er eine internationale Forschungsinitiative. 2006 entstand aus der Förderung des Mäzens die Tinnitus Research Initiative (TRI), eine weltweite Forschungsinitiative mit Sitz in Regensburg.

„Aus TRI entstand später TINNET, ein von Dr. Schlee und mir initiiertes, EU-gefördertes Netzwerk, ebenfalls mit Sitz in Regensburg.“

Prof. Dr. Berthold Langguth, Leiter des Tinnituszentrums Regensburg

„Erst durch den Einsatz neurowissenschaftlicher Methoden fand man heraus, dass Tinnitus nicht im Ohr, sondern im Gehirn erzeugt wird. Davor war man auf dem Holzweg, durchtrennte sogar Hörnerven – mit dem Ergebnis, dass der Tinnitus trotzdem blieb“, verrät Dr. Schlee. Prof. Dr. Berthold Langguth, Leiter des Tinnituszentrums Regensburg und Chefarzt der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum, ergänzt: „Aus TRI entstand später TINNET, ein von Dr. Schlee und mir initiiertes, EU-gefördertes Netzwerk, ebenfalls mit Sitz in Regensburg. Hier arbeiten Vertreter aus 28 EU-Staaten zusammen. Aus TINNET heraus wurde der Antrag zu ESIT gestellt.“ Die Botschaft aller beteiligten Ärzte lautet: Man kann durchaus etwas gegen Tinnitus tun. Manchmal lässt sich das Geräusch mildern, manchmal die Wahrnehmung verändern.

Bei zunehmendem Hörverlust werden diverse
Nervenzellen im Gehirn überaktiv

„Es gibt Unterschiede, wie gut Tinnitus weggesteckt wird. Wer keine Probleme mit dem ständigen Pfeifen, Trillern oder Klingeln hat, muss auch nicht zum Arzt gehen. Tinnitus selbst ist harmlos“, sagt Langguth. Tritt Tinnitus allerdings plötzlich zum ersten Mal auf, sollte eine Abklärung binnen einiger Tage erfolgen, um auszuschließen, dass eventuell eine schwerwiegendere Erkrankung vorliegt, zum Beispiel am Hörnerv oder an den Hals- oder Kopfarterien. Unterschieden wird generell zwischen akutem und chronischem Tinnitus. „Die Zahl der Subformen der Krankheit ist noch unbekannt, wir forschen intensiv daran, diese Subtypen zu identifizieren, um die Behandlung darauf abstimmen zu können“, sagt Dr. Veronika Vielsmeier, HNO-Ärztin an der Uniklinik Regensburg.

Tinnitus-Patient Markus Schneider wird von Prof. Dr. Berthold Langguth behandelt. Foto: Hafner

Bei etwa ein bis drei Prozent der Betroffenen werden die Beschwerden derart massiv, dass sie therapeutische Maßnahmen benötigen. Der größte Risikofaktor für die Entstehung von Tinnitus ist – das weiß man heute – nicht Stress, sondern zunehmender Hörverlust. Stress kann bei der Entstehung aber ebenfalls eine Rolle spielen und auch einen bestehenden Tinnitus verstärken. Hörverlust ist in den meisten Fällen eine Folge von Schädigungen der Haarzellen, die im Innenohr Schall in Nervensignale umwandeln. Das Tückische: Ist eine Haarzelle geschädigt, kann sie sich nicht mehr erholen. Man bemerkt die Schädigung nicht sofort: Selbst wenn bereits 30 bis 40 Prozent der Haarzellen zerstört sind, kann das Hörvermögen noch nahezu normal sein. Akuter Tinnitus kann spontan und unbehandelt wieder verschwinden, bei chronischem Tinnitus passiert das äußerst selten. Menschen, die in lauter Umgebung arbeiten müssen, sind besonders gefährdet. Musiker und Soldaten leiden sehr häufig an Tinnitus. „In den USA zeigen Studien, dass Tinnitus bei Veteranen häufiger auftritt als posttraumatische Belastungsstörungen“, weiß Dr. Schlee. Die Krankheit verläuft variabel und ist oft auch stimmungsabhängig. Emotionen spielen eine große Rolle.

Prof. Dr. Berthold Langguth, Leiter des Tinnituszentrums Regensburg. Foto: Hafner

„Bei einem Hörverlust werden die Nervenzellen, die im Gehirn für die Hörwahrnehmung zuständig sind, überaktiv“, sagt Professor Langguth. „Ein Kollege hat es mal so formuliert: ‚Die Nervenzellen bekommen weniger Input vom Gehör, deswegen fangen sie an, sich miteinander zu unterhalten.‘ Daraus entsteht dann die Tinnituswahrnehmung und häufig richtet sich die Aufmerksamkeit sehr intensiv darauf. Eine erfolgversprechende Behandlung muss also immer darauf abzielen, die Gehirnareale, die für die Hörwahrnehmung und die Aufmerksamkeitssteuerung zuständig sind, wieder auf eine normale Aktivität herunterzufahren.“

„Die besten Tipps, um Tinnitus zu vermeiden, sind Gehörschutz und eine ausgeglichene Work-Life-Balance.“

Dr. Veronika Vielsmeier, HNO-Ärztin an der Uniklinik Regensburg

Manchmal sind auch Kiefergelenksbeschwerden oder Verspannungen im Nackenbereich Auslöser, deswegen sind in die Kooperation am Tinnituszentrum auch die Zahnheilkunde und Physiotherapeuten eingebunden. Manchmal helfen ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat (Hörprothese), manchmal Neuromodulation (Stimulation bestimmter Hirnareale durch externe Reize) oder auch eine Verhaltenstherapie. Dr. Vielsmeier rät: „Die besten Tipps, um Tinnitus zu vermeiden, sind Gehörschutz und eine ausgeglichene Work-Life-Balance.“ Für Menschen mit chronischem Tinnitus hat Markus Schneider noch eine Empfehlung: „Mir hilft seit einigen Jahren auch autogenes Training. Jedenfalls sollte man seine normale Routine beibehalten, sich nicht einigeln und sich so viel wie möglich ablenken.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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