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Sonntag, 17. Dezember 2017 9

Arbeitskreis

Afghanistan-Vortrag endet mit Eklat

Reinhard Erös berichtete bei der CSU über seine zweite Heimat Afghanistan und verließ später nach kurzer Debatte den Saal.

Streitbarer Streiter: Dr. Reinhard Erös berichtete ausführlich über seine zweite Heimat Afghanistan – darüber diskutieren wollte er aber nicht. Foto: kmo

Cham.„Ein echter Experte des Landes“, so kündigte der CSU-Arbeitskreisvorsitzende Franz-Xaver Mauerer Dr. Reinhard Erös am Donnerstagabend im Hotel Randsberger Hof an. „Afghanistan 2017: Fluchtursachen und ihre Bekämpfung. 30 Jahre Erfahrung aus dem Land am Hindukusch“, lautete das Thema des Experten vor dem Arbeitskreis Außen- und Sicherheitspolitik der Landkreis-CSU. Mauerer erklärte schon vorab, dass das Thema sehr komplex sei. Die Sicherheitslage sei schlecht, Korruption sowie Drogenexporte seien in dem Land am Blühen. Erös lege den Finger in die Wunde, sagte Mauerer – und dass Leute wie Erös dringend gebraucht würden. Nach seinem zweistündigen Vortrag verließ Dr. Erös allerdings den Saal.

Zuvor hatte er über sich und seine Hilfsprojekte gesprochen, berichtet, wie er ohne Militär und Begleitschutz durch Afghanistan reiste und mit den Paschtunen verhandelte. Der Kontakt sei freundlich und höflich gewesen. All seine Projekte würden nur von privaten Spenden finanziert, durch Vortrags- und Buchhonorare.

„Einen militärischen Einsatz in Afghanistan halte ich nicht für zielführend“, sagte Erös. Er habe in 35 Berufsjahren 15 Jahre in Krisen- und Katastrophengebieten gearbeitet. 2002 habe er den Dienst bei der Bundeswehr quittiert und dort, wo die Taliban zu Hause sind, angefangen, Schulen zu bauen. Insgesamt seien es nun 29 Schulen, in denen circa 60 000 Schüler von 1400 Lehrern unterrichtet würden.

Erös‘ beachtliches Lebenswerk

Eine Mutter-Kind-Klinik, zwei Waisenhäuser, zehn Computerzentren, eine Solarwerkstatt für Jungen, zwei Berufsschulen für Mädchen, eine Station für Frühgeborene: Erös sorgte für die Erstellung und den Druck von 60 000 Lehrbüchern für ost-afghanische Universitäten in der Landessprache Paschto. Zu den Projekten zählten auch die Katastrophenhilfe beim Erdbeben 2005 und 2010 bei der Jahrhundertflut in Nordpakistan, genauso die Installation von 2500 Solar-Kleinanlagen in Bergdörfern, der Bau von drei christlich-muslimischen Gemeinschaftsschulen für 6000 Kinder in West-Pakistan und 2014 die Errichtung der Deutsch-Afghanischen Friedensuniversität. Vor vier oder fünf Jahren sei das Thema Flüchtlinge noch nicht gegeben gewesen, sagte Erös.

„Die Taliban hätte es nie gegeben, wenn der Westen sie nicht massiv unterstützt hätte.“

Reinhard Erös

Der Referent hatte nach dem Abitur in Regensburg fünf Jahre bei der Armee als Truppenoffizier gedient, dann Medizin und Politische Wissenschaften studiert mit Schwerpunkt sowjetische Außen- und Sicherheitspolitik. Er ging 1980 zurück zur Armee und 1985 wieder heraus aus der Bundeswehr. Er war als Arzt als Leiter einer Hilfsorganisation tätig.

3000 Vorträge seit 2002

1990 kam er zurück nach Deutschland und auch wieder zurück zur Bundeswehr. Er war ein Jahr medizinischer Berater in New York. Dann wieder zurück in Deutschland, war er Kommandeur einer Lehrgruppe in der Akademie in München, dann drei Jahre in Hamburg an der Führungsakademie. Nach Hamburg ging es zurück nach Regensburg wo er Kommandoarzt war. 2002 quittierte Erös dann den Dienst. Er hielt den Afghanistaneinsatz von Anfang an „für falsch und nicht zielführend“. Seit 2002 habe er etwa 3000 Vorträge gehalten, sei in Hörfunk und Fernsehen.

Erös stellte das Land Afghanistan vor, seine Topographie und das Klima. Von 50 Grad minus bis 50 Grad plus gehe es dort. Afghanistan sei von der Vielfalt der Bevölkerung vergleichbar mit Europa. Eine Fülle von Staaten und Sprachen gebe es und unterschiedliche religiöse Vorstellungen. Der klassische afghanische Islam sei friedlich, dörflich strukturiert. Er sei es gewesen bis zum Einmarsch der Sowjets. Die Afghanen seien das kriegs- und fluchterfahrenste Volk der Welt, so Erös. Die Taliban hätte es nie gegeben, sagte Erös, wenn der Westen sie nicht massiv unterstützt hätte. 120 000 Afghanen seien als Flüchtlinge gekommen, so Erös, die die deutsche Sprache sprechen würden, weil sie in Kabul auf das deutsche Gymnasium gegangen seien. Sie tauchten in keiner Hartz-IV-Statistik auf. Wer mit Deutschkenntnissen komme, habe kein Problem.

„Der Krieg kann gewonnen werden, wenn man die Bevölkerung hinter sich hat.“

Reinhard Erös

Der Krieg könne gewonnen werden, wenn man die Bevölkerung hinter sich habe. Es sei der teuerste Krieg dort und bisher nicht erfolgreich. Er zitierte General Eikenberg, der im Mai 2015 gesagt hatte: „Unsere Erfolgsbilanz ist eine Katastrophe“.

Heute gebe es etliche neue Terrorgruppen. Eine Befriedung habe nicht geklappt, so Erös, mangels Kulturkompetenz. Afghanistan sei immer noch das gewalttätigste Land der Welt, das schlimmste Land für Kinder neben Syrien. Massive Sicherheitsdefizite gebe es dort, eine korruptionsdurchdrungene Staats- und Gesellschaftsordnung, eine ineffiziente Landwirtschaft, defizitäre Schulsysteme, keine Berufsausbildung und extreme Arbeitslosigkeit. Bauern bauten Opium an, weil das weniger Wasser verbrauche. Entwicklungshilfe fließe in die reichen Hände.

Wer flieht und warum

Geflohen werde, weil die Familien es so beschlossen hätten. Überproportional würden Hazara fliehen, weil sie eine Minderheit darstellten und Ärger mit den Taliban hätten. Die Leute seien zu 55 Prozent Analphabeten, 40 Prozent haben zumindest eine Grund- oder Hauptschule besucht. Unbegleitete Minderjährige dürften nicht abgeschoben werden und kosteten den deutschen Staat 5000 Euro pro Monat. Mit diesem Geld könne man 50 Familien in Afghanistan ernähren. Aktuell befänden sich rund 250 000 Afghanen in Deutschland.

Warum Deutschland das Fluchtziel sei? Die Medizin koste nichts, die Schulen nichts, es sei ein Sozialstaat und ein reiches Land mit freundlichen Menschen.

In der Diskussion nach dem Vortrag tauchte der kritische Einwand eines Zuhörers auf, der einen Aspekt des Referats herausgriff und fragte, ob Erös nicht zu verharmlosend über die Taliban spreche... Nach einigem Hin und Her wollte MdB Karl Holmeier vermitteln, dass Erös sich nach so einem Vortrag doch kritischen Fragen stellen müsse. Der aber wollte sich nach eigenen Angaben nicht mit jemandem auseinandersetzen, der lediglich „drei Tage“ in Afghanistan gewesen sei und nicht einmal die Sprache spreche, wie er sich ausdrückte. Sein Abgang hinterließ konsternierte Zuhörer. (kmo)

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