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Samstag, 18. November 2017 5

Grauer Star

Ein Superlaser schenkt klare Sicht

Die Augenklinik Regensburg setzt einen der raren Femtosekundenlaser ein. Patienten schwärmen – und Kassen zieren sich.
Von Marianne Sperb, MZ

Augenklinik am 17.03.2017 in Regensburg, Praxis Priv.-Doz. Dr. Herrmann im Facharztzentrum am Krankenhaus Barmherzige Brüder. Fotos: Jens Niering

Regensburg.Claude Monet malt immer wieder die japanische Brücke, die im Garten von Giverny einen Seerosenteich überspannt: 1899 noch detailreich und in sattem Blau und Grün, 20 Jahre später in verschwommenen Formen und in Erdtönen. Der Grund ist nicht ein veränderter Blick, sondern ein krankes Auge. Der Künstler leidet am Grauen Star. Ab 1912 erkennt er Farben immer weniger, und immer häufiger muss er sich an den Beschriftungen der Farbtuben orientieren. 1923 hilft ihm eine Operation.

Die Symptome vom Grauen Star haben sich nicht geändert. Die Behandlung schon. In vorchristlicher Zeit versuchten Okulisten, das Sehvermögen mit dem „Starstich“ wieder herzustellen – eine Methode, die dürftige Ergebnisse erzielte und sich bis in die frühe Neuzeit hielt. Ab 1967 entwickelte sich der Eingriff mit Ultraschall zum medizinischen Standard. Die Linse wird mittels Ultraschall zertrümmert und abgesaugt, in den leeren Kapselsack wird eine Kunstlinse eingesetzt. Die Augenklinik Regensburg am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder ist weiter. Sie praktiziert die OP mit dem Femtosekundenlaser und damit state of the art. Die neue Technik bietet überragende Vorteile, wird selten angewandt und ist: sehr sehr teuer.

Am Tag nach der OP war die Sicht klar

Rund 3200 Euro (ohne multifokale Linsen) zahlt Johanna Huber-Haisch aus Roding für die Operation an beiden Augen – eine satte Summe. „Aber ich habe den Schritt nie, nie, nie bereut“, sagt sie mit Inbrunst. Die Oberpfälzerin, die am Grauen Star litt und sich Anfang 2017 in Regensburg behandeln ließ, entschied sich für den kostspieligen Eingriff auch wegen der geringen Nebenwirkungen. Ein Beispiel aus dem persönlichen Umfeld schreckte sie ab: „Eine Bekannte, die mit Ultraschall operiert wurde, hatte noch Wochen später Schmerzen. Ich spürte dagegen nur den Einstich der Betäubungsspritze ins Lid.“ Der Effekt war sofort da. „Halten Sie sich fest: Als die Augenklappe am Tag nach der OP abgenommen wurde, konnte ich alles klar sehen. Wahnsinn.“

Vor der OP war das Leben der Rodingerin in Nebel getaucht. „Ich hatte immer den Eindruck von dunstigem Wetter.“ Johanna Huber-Haisch konnte die Straßenschilder nicht mehr lesen. An Bäumen wuchsen grüne Wattewolken. Seit der OP erkennt sie die Dachziegelkanten am Haus vis-á-vis trennscharf, macht an Ästen einzelne Blätter statt grünem Gewölle aus und lebt wieder in einer Welt voller Vielfalt und Kontur.

„Heute rechnen wir eher in Mikrometern“

Die Operation am Grauen Star wird in aller Regel manuell und mit Ultraschall durchgeführt. „Das funktioniert ja auch gut“, gesteht Privatdozent Dr. Wolfgang Herrmann von der Augenklinik Regensburg zu. „Ein versierter Chirurg kann auf den Millimeter genau operieren.“ Aber: Nicht jeder Arzt arbeitet jeden Tag gleich gut, jede OP und jeder Fall sind individuell unterschiedlich. Bislang, sagt der Mediziner, war man stolz, millimetergenau zu operieren. „Heute rechnen wir eher in Mikrometern.“

Kunstlinsen entfalten ihren Effekt dann, wenn sie superpräzise sitzen. Die Präzision liefert die neue Lasertechnik. Sie übernimmt bei sensiblen Teilschritten. Dr. Herrmann macht die Anforderungen an die Präzision an einem Detail deutlich. „Der Aufhängeapparat der Linse ist nur zwei Zehntel eines Millimeters dünn.“

Femtosekundenlaser werden in der Augenheilkunde seit etwa 2010 eingesetzt. Der Laser zerteilt die Linse bei geschlossenem Auge, arbeitet dank extrem kurzer Lichtimpulse extrem präzise und mit einem deutlich geringerem Energieaufwand als bei der herkömmlichen Methode. „Ohne Trauma und ohne die thermische Schädigung von Nachbargewebe, sagt Professor Dr. Andreas Remky von der Augenklinik. Der Eingriff dauert, inklusive Vorbereitung, 30 Minuten, und wird in 99 Prozent der Fälle ambulant durchgeführt.

Die Kosten werden nur ein Ausnahmefällen erstattet

Wenn der Laser selbstständig OP-Schritte durchführt, könnte man vermuten, dass Patienten zögern, sich der Technik auszuliefern. „Das Gegenteil ist der Fall“, sagt Wolfgang Herrmann. Patienten fragen von sich aus: Operieren Sie mit Laser? Die Frage nach den Kosten ist dann meistens die zweite. Patienten müssen die Mehrkosten für den Eingriff aus eigener Tasche zahlen. Die gesetzlichen Kassen lehnen die Erstattung, bis auf Ausnahmefälle, bisher ab.

Nachfragen beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), beim obersten Beschlussgremium der gemeinsamen Ärzte-Selbstverwaltung (GBA), beim Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK), bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UD) ergeben: Bei der Kosten-Übernahme ziert man sich. Die Organisationen erklären sich für nicht zuständig, sie verweisen auf den fehlenden Eintrag im Fallpauschalen-Katalog, berufen sich auf Einzelfall-Entscheidungen oder verweisen auf angebliche potenzielle Nachteile der Laser-OP, etwa auf ein erhöhtes Infektionsrisiko.

Die Zahl der Eingriffe nimmt zu

Wolfgang Herrmann hält dagegen. Er verweist zum Beispiel auf eine Studie zu 7000 Operationen in einem medizinischen Zentrum in den USA. Danach, sagt der international tätige Gutachter, betrug die Quote von Verletzungen der Linsenkapsel bei manuellen Eingriffen 1,4 Prozent, bei Operationen mit Laser 0,7 Prozent. „Die Studie wurde mit erfahrenen Ärzten durchgeführt, die sehr viel am Auge operieren“, schiebt der Mediziner noch nach. „Und trotzdem ergab sich ein Unterschied von 50 Prozent.“

Hartmut Kryl aus Cham erhielt von seiner privaten Krankenversicherung erst mal eine Ablehnung für die Kostenübernahme; die Kasse hat inzwischen eingelenkt, „aber die Beihilfe, die 70 Prozent tragen soll, sträubt sich“. Gerichtsurteile aus jüngerer Zeit machen ihm Hoffnung.

Lesen Sie dazu auch einen Kommentar: „Eine Frage der Zeit“

Die Augenklinik hat in den Femtosekundenlaser kräftig investiert. „Eine siebenstellige Summe“, sagt Herrmann. Nur wenige Zentren weltweit verfügen über das Gerät, in Regensburg steht das einzige in Niederbayern / Oberpfalz. Das hat auch mit Herrmann selbst zu tun: Er hat sich über Laseranwendung am Auge habilitiert, die Technologie ist für ihn „eine Art Steckenpferd“, und die Augenklinik fungiert als Referenzzentrum des Herstellers.

PD Dr. Wolfgang Herrmann erläutert, wie der Femtosekundenlaser arbeitet. Foto:Jens Niering

Der Femtosekundenlaser wird seit Anfang 2016 an der Regensburger Klinik getestet. Der Anteil der mit Laser operierten Patienten nehme von Woche zu Woche zu. Jeder zehnte Grauer-Star-Patient entscheidet sich für neue Technik.

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