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Kultur
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Neuerscheinung

Das schwarze Schaf bei Thurn und Taxis

Eine neue Biographie erzählt von der engen Beziehung Ludwigs II. mit Paul von Thurn und Taxis – und davon, wie sie zerbrach.
Von Ulrich Kelber, MZ

Eine Aufnahme zeigt Paul von Thurn und Taxis im Jahr 1863 in der Garnisonsstadt Würzburg

Regensburg.War Märchenkönig Ludwig II. homosexuell? Über diese Frage ist viel spekuliert worden. Als Beleg für diese These gilt vor allem das – durch viele schwärmerische Briefe belegte – innige Verhältnis, das der junge Monarch mit seinem „persönlichen Flügeladjutanten“ pflegte.

Jetzt ist ein Buch erschienen, das das wechselhafte Schicksal des Regensburger Adeligen nachzeichnet: „Fürst Paul von Thurn und Taxis – Ein eigensinniges Leben“ ist der Titel. Autoren sind Sylvia Alphéus, die Urenkelin Pauls, und Lothar Jegensdorf. Bei ihrer Ahnenforschung geben sie sich betont seriös, klammern alle Klatschgeschichten aus, die im 19. Jahrhundert reichlich kursierten, nachdem das „schwarze Schaf“ mit allen Standes-Konventionen gebrochen hatte.

Paul Maximilian Lamoral Prinz von Thurn und Taxis wurde am 27. Mai 1843 in Schloss Donaustauf geboren. Seine Mutter war Mathilde Sophie zu Oettingen, die Fürst Maximilian Karl nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet hatte. Insgesamt 17 Kinder gab es in der Familie. Paul sollte eine militärische Laufbahn einschlagen. 1861 richtete der „alleruntertänigst treugehorsamste“ Max Fürst von Thurn und Taxis ein Gesuch an König Maximilian II., „meinem Sohn Paul eine Lieutnants-Stelle in höchstdero 2. Artillerie Regiment allergnädigst zu verleihen“, wobei der Vater hervorhob, dass der Sohn „diesen Sommer mit den ersten Noten das Gymnasium absolvirt hat.“

Kurze Zeit diente Paul als Unterleutnant in Würzburg, wurde aber bereits 1863, als er gerade 20 Jahre alt war, als „Ordonanz-Offizier Seiner Majestät des Königs“ an den Münchner Hof berufen. Im September 1863 kam es zur Begegnung mit dem zwei Jahre jüngeren Kronprinzen Ludwig und dessen Bruder Otto. Gemeinsam verbrachten sie mehrere Ferienwochen in Berchtesgaden in der Königlichen Villa. Zwischen Paul und Ludwig scheint es bei diesem Aufenthalt „gefunkt“ zu haben. In einem Brief bekannte er, dass er „mit thränen feuchtem Aug“ geschieden sei und dass „meine Gedanken stets bei dir weilen.“ Die entscheidende Wendung trat im März 1864 ein, nach dem überraschenden Tod von König Maximilian II. Da wurde Paul von Thurn und Taxis zum engsten Vertrauten und ständigen Begleiter des jungen Nachfolgers.

„Sinnliche Liebe ist verflucht“

Bei allen Sperenzchen Ludwigs machte Paul von Thurn und Taxis mit. Inkognito gingen sie auf die Reise in die Schweiz, um die Schauplätze des Schiller-Dramas „Wilhelm Tell“ zu besuchen, wobei das Geheimnis um ihre Person allerdings schnell gelüftet wurde. Vor allem aber beteiligte sich Paul an dem Kult des Königs um Richard Wagner. Bei einer Festivität am Alpsee bei Hohenschwangau zum 20. Geburtstag Ludwigs trat Paul als Lohengrin auf und sang auf einem erleuchtenden Kahn in Schwanenform.

Als Richard Wagner München im Dezember 1865 nach einjährigem Aufenthalt verlassen musste – es hatte Proteste gegeben, weil Ludwig den finanziell klammen Komponisten allzu großzügig unterstützt hatte – , wurde es Pauls Aufgabe, die Kontakte zu Wagner weiter zu pflegen. Es gelang ihm sogar, eine heimliche Reise Ludwigs nach Tribschen am Vierwaldstätter See zu organisieren, wo Wagner nun mit Cosima von Bülow lebte. Ihre Liebschaft hielten die beiden vor dem königlichen „Goldesel“ aber sorgsam verborgen.

Paul von Thurn und Taxis ist zugute zu halten, dass er die Regierungsgeschäfte Ludwigs positiv zu beeinflussen vermochte. Das zeigte sich bei den Kriegsereignissen von 1866. Da hatte sich Ludwig, dem der Militarismus verhasst war, deprimiert auf Schloss Berg am Starnberger See zurückgezogen. Paul, der die kritische Stimmung in der Bevölkerung erkannt hatte, überredete den König dann doch zu öffentlicher Präsenz und zu einem Truppenbesuch in Bamberg. Überdies gelang es Paul, Ludwig von seinen Rücktrittsgedanken abzubringen, die dieser infolge des Kriegsausgangs hegte.

Aber 1866 war auch das Jahr des Zerwürfnisses. Erste Unstimmigkeiten hatte es im Frühjahr gegeben. Nach der Versöhnung schwelgte Paul im Überschwang der Gefühle und schrieb an den „innigst geliebten erhabenen Freund“: „Ich werde nur glücklich sein, das Leben für mich werthvoll sein, wenn ich weiß, dass ich für dich leben darf, dir treu bin und bleiben kann.“ In weiteren Briefen hieß es: „O Ludwig, Ludwig ich liebe dich bis zum Wahnsinn“ oder „O könntest du, mein Theuerster dich freuen, dich überzeugen, wie ich ganz nur dir gehöre, nur für dich lebe.“

Paul hatte eine Frau kennengelernt

Im Oktober 1866 kam es zum endgültigen Bruch: Die Zeitungen berichteten, Paul von Thurn und Taxis sei „in Ungnade gefallen.“ Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Andeutungen gibt es in einem Brief Ludwigs an Cosima von Bülow. Darin klagte der König, dass sich Paul „in den verflossenen Monaten nicht gut benommen“ und dass er sich „überhoben“ habe. Es sei betrübend, „ihn bestrafen zu müssen.“ Das Wort „überhoben“ könnte bedeuten, dass sich Paul zu viele Rechte angemaßt habe. Das „nicht gut benommen“ der Eifersucht Ludwigs geschuldet sein, denn Paul hatte eine Frau kennengelernt, die Schauspielerin Elise Kreuzer.

Dass Paul tief verzweifelt war, ist aus einem Brief herauszulesen, in dem er bettelte: „Ich wollte dich nicht kränken. Vergib, sei mir wieder gut, sonst fürchte das Ärgste, so halte ich es nicht aus.“ War es also mehr als Freundschaft? Auch Ludwigs Tagebücher, in denen er immer wieder Keuschheitsgelübde ablegte, lassen keine eindeutigen Schlüsse zu. In Einträgen, die allerdings erst nach 1869 erfolgt sind, heißt es: „Jeder Anfechtung aufs Tapferste widerstehen“ oder „Auch das Küssen ist zu vermeiden“ und „Nur psychische Liebe ist gestattet, die sinnliche dagegen verflucht.“

Paul von Thurn und Taxis 1864 in der Paradeuniform des Flügeladjutanten, ein Foto aus dem Atelier des Hoffotografen Joseph Albert.

Homosexuelle mussten damals in Bayern übrigens keine Strafe fürchten. Die am „Code pénal“ Napoleons orientierte Gesetzgebung war hier recht liberal. Erst einige Jahre nach der Reichsgründung 1870 kam es zu dem unseligen Paragraphen 175, der dann auch in Bayern Geltung hatte.

Wie ging es mit Paul von Thurn und Taxis weiter? Nach Darstellung der Autoren hatte die Liebesbeziehung zwischen ihm und der am „Aktien-Volkstheater“ (heute Gärtnerplatztheater) engagierten Schauspielerin und Sängerin Elise Kreuzer im April 1866 begonnen. Das war nichts Ungewöhnliches: Viele Adelige suchten sich Liebschaften am Theater. Auch Ludwigs Bruder Otto zeigte in der Zeit vor seiner psychischen Erkrankung angeblich großes Interesse an Ballett-Tänzerinnen. Zum Skandal wurde Pauls Affäre erst, als er ankündigte, die inzwischen schwangere Elise zu heiraten.

Klatsch wie bei Baby Schimmerlos

Bei den Münchner Zeitungen scheint es schon damals Vorläufer von Klatschreporter „Baby Schimmerlos“ gegeben zu haben. So war zu lesen: „In höheren Kreisen erregt es nicht geringes Aufsehen, dass der frühere Flügeladjutant, Fürst von Taxis, mit einer Schauspielerin unseres Volkstheaters vor einigen Tagen abgereist ist und die Absicht hat, sich mit dieser Dame im Auslande trauen zu lassen.“

Paul hatte um seine Entlassung aus der Armee nachgesucht und hielt sich seit Mitte Januar 1867 mit Elise in Bern auf. Am 30. Januar wurde dort der Sohn Heinrich geboren. Mit der Heirat dauerte es noch bis zum Juni 1868. Und dafür musste Paul einen hohen Preis zahlen, denn zu groß war der Widerstand seiner Familie.

Paul musste seinen bisherigen Namen ablegen und nannte sich mit königlicher Genehmigung hinfort Paul von Fels, wohl eine ironische Anspielung auf seine Standhaftigkeit. Er wurde quasi enterbt, vom Haus Thurn und Taxis wurde ihm lediglich eine lebenslange Rente von jährlich 6000 Gulden zugestanden. Fürstlich leben konnte er davon nicht mehr – und tatsächlich plagten ihn dann immer wieder Geldsorgen. Im Fall seines Todes sollten Witwe und Sohn jährlich noch 3000 Gulden erhalten, die Zahlungen an den Sohn nach dessen 21. Geburtstag eingestellt werden.

Was aus dem Sohn wurde

  • Der Sohn Heinrich:

    Das Buch zeichnet auch den Lebensweg von Pauls Sohn Heinrich nach: Er kam nach dem Tod des Vaters ins Internat, absolvierte das Gymnasium und studierte in München Land- und Forstwirtschaft. Mit 30 Jahren heiratete er eine Schauspielerin – Maria von Scarpatetti. Zu dieser Zeit verfügte er über so viel Geld, dass er Schloss Teisbach bei Dingolfing kaufen konnte. Doch er übernahm sich bei der Renovierung, so dass es zur Zwangsversteigerung kam. Er arbeitete dann bei der „Magdeburger Hagelversicherungs-Gesellschaft“.

  • Die Mutter Elise:

    In Magdeburg lebte Heinrichs Mutter Elise, die nach Pauls Tod den Theaterintendanten Arno Cabisius geheiratet hatte. Die Ehe von Heinrich von Fels blieb kinderlos. 1930 adoptierte er eine 19-Jährige, die nun den Namen Elise Emma von Fels trug. Elise Emma heiratete ein Jahr später Emil Rüdebusch, der in der Nähe von Oldenburg das „Gut Huntlosen“ besaß. Ihr Adoptivvater und dessen betagte Mutter verbrachten ihren Lebensabend auf „Gut Huntlosen“. Elise von Fels-Cabisius starb 1936, Heinrich von Fels 1955. (mkj)

Es folgte ein rastloses Theaterleben. Auch Paul versuchte sich anscheinend mehrfach mit Bühnenauftritten, blieb damit allerdings erfolglos. Elise von Fels machte dagegen Karriere, hatte Engagements an den Theatern von Aachen, Rostock, Lübeck und Freiburg. Während ihrer Jahre in Freiburg (1874 bis 1878) litt Paul zunehmend unter einer Tuberkuloseerkrankung. Ab Juli 1878 hielt er sich in Sanatorien auf, zunächst in Stuttgart-Cannstatt, dann im französischen Cannes. In Gewissheit um seine Situation erwarb er Anfang 1879 auf dem Cimetière Communal von Cannes eine Grabstätte, wo er am 10. März 1879 beigesetzt wurde.

Böser Klatsch begleitete die Beziehung von Paul und Elise. Auch König Ludwig II. schlug in diese Kerbe. Im Januar 1867 berichtete er in einem Brief an Cosima von Bülow vom „tief gesunkenen“ Ex-Freund: „Er ging neulich des Nachts, wie ich höre, mit einer hässlichen, ganz gemeinen Schauspielerin des Actientheaters durch.“

Die Schauspielerin und Sängerin Elise Kreuzer 1866 – dem Jahr in dem ihre Beziehung zu Paul von Thurn und Taxis begann.

Kein gutes Haar ließen die Intriganten an Elise. Mit dem Gerücht, dass sie Jüdin sei, wurden antisemitische Vorurteile bedient. Ein (etwas seltsamer und ungewöhnlicher) Wikipedia-Text kolportiert, was damals alles so gemunkelt wurde. Demnach habe Elise den betrunkenen Paul nur ausgenutzt, dieser sei gar nicht Vater des Kindes. Um Elise als besonders kapriziös zu denunzieren, hieß es, dass sie von ihrem Mann verlangt habe, dass er bei all ihren Theaterauftritten einen Blumenstrauß auf die Bühne werfen solle. Wüste Spekulationen gab es nach Pauls Erkrankung: Bei einer Reise nach Lugano, wo der Schwindsüchtige auf Linderung hoffte, habe Elise in dem Hotel einen preußischen Offizier kennengelernt und sei mit diesem „durchgebrannt“. Eine der Wikipedia-Quellen scheinen die „Reminiscences“ des anglikanischen Pfarrers und Autors (William) Sabine Baring-Gould gewesen sein (in dem Alphéus-Buch wird der Mann fälschlich zur Reiseschriftstellerin gemacht). Was Wahrheit, „Fake News“ oder verdrehtes Hörensagen war, ist heute schwer zu beurteilen. Es drängt sich die Vermutung auf, dass misogyne Vorurteile bei diesen Tratschereien eine Rolle spielten: Da musste die Frau einfach das gemeine Luder sein.

Das Buch „Fürst Paul von Thurn und Taxis“ der Autoren Sylvia Alphéus und Lothar Jegensdorf ist im Allitera Verlag München erschienen und kostet 29 Euro.

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