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Ketzer in Kutten proben in Zeitnot

„Der Name der Rose“ bei den Festspielen: Wie ein Kloster-Krimi entstehtVon Marianne Sperb, MZ

„Krank? – Das einzige, was Sie am Theater sein dürfen, ist tot. Und selbst das nimmt man Ihnen übel.“Wilfried Baasner über den Zeitdruck bei der Festspiel-Produktion

Im ehemaligen Hugendubel-Haus in der Regensburger Wahlenstraße geschehen merkwürdige Dinge. Neun Männer in Jeans und T-Shirt stehen auf einer mit gelbem Klebeband abgegrenzten Fläche, sprechen in etwas altmodischen Wendungen und beobachten einen jungen Blonden, der immer wieder ehrfürchtig vor einem Kirchenfürsten, gespielt von Christian Ballhaus, auf die Knie sinken muss: Proben für „Der Name der Rose“, das Herz-Stück der Schloss-Festspiele 2005.

Der Kloster-Krimi von Umberto Eco ist ein faszinierender Stoff. Als Buch war die Geschichte über Ketzer in Kutten ein Bestseller, als Film, der mit dem Roman nur noch Bruchteile gemein hatte, ein Blockbuster. Als Bühnenstück wird die „Rose“ aus dem Kino jetzt wieder einen Tick mehr zum Tiefgang des Originals zurück finden. Henry Arnold, Regisseur mit Salzburg-Erfahrung und berühmt geworden durch die TV-Trilogie „Heimat“, hat die getunte Bühnenfassung von Claus J. Frankl intelligent unterfüttert. Er bleibt konsequent am Handlungsfaden, behält aber über verbotener Liebe, Verbrechen, Folter und Verrat die philosophischen Fragen im Blick. Die Kirche schaut dabei nicht immer gut aus.

Die Inszenierung in der „Papst-Stadt“ Regensburg wird – auch – ein Stück über Kirchenmacht und Kirchenpolitik: „Mir geht es auch um die Frage, wie offen oder verschlossen ist die Gesellschaft, wie weit lässt Obrigkeit Freiheit zu, Freiheit im Sinn von Wissen“, umreißt Arnold. „Manches wird da sehr aktuell klingen“, schwant Wilfried Baasner („Die Guldenburgs“). Er ordnet sich selbst als Freigeist ein, O-Ton: „Ich bin gläubig. Aber ich brauche keinen Verein.“ Als William von Baskerville wird er auf der Bühne im Schlosshof sagen: „Auch ein heiliger Krieg ist ein Krieg“ – einer der Sätze, für die er glüht.

Nach eingekauften Festspiel-Produktionen wie dem „Jedermann“ stemmt Produktionsleiterin Julia Köppel erstmals eine von A bis Z komplett neue Inszenierung. In wahnwitzig kurzen drei Wochen muss ein kompliziert aufgebauter zweieinhalbstündiger Theaterabend, der sonst Monate reifen darf, rund werden — inklusive Licht, Ton, Pyrotechnik. Andreas Tügel aus München, Stuntman der Bavario-Studios, macht bei den Thurn und Taxis ordentlich Feuer am Dach. Beim Showdown, wenn die Klosterbibliothek in Flammen aufgeht, schießen bis zu fünf Meter hohe Stichflammen in den Himmel. Die Auflagen von Feuerwehr und Denkmalschutz sind streng. „Aber für so eine Mammutproduktion kann ich nicht mit ein paar mickrigen Flammen kommen“, sagt Tügel. Zunächst war angedacht, das Feuer über Video zu simulieren. Von der Idee kam man ab: „Wir wollen’s möglichst realistisch“, so Köppel. „Video wirkt zu artifiziell.“

Jede Stunde zählt. Fürs Probieren, fürs Tasten nach Interpretationen, bleibt kaum Zeit. Für einen Durchhänger mit Kopfweh erst recht nicht. „Kopfweh? Krank?“ Wilfried Baasner nimmt das Kinn nach unten und schickt einen eindringlichen Blick: „Das Einzige, was Sie am Theater sein dürfen, ist tot. Und selbst das nimmt man Ihnen übel.“ Regisseur Arnold bringt Erfahrung mit – in Schwäbisch-Hall inszenierte er 2003 eine ähnliche „Rose“ – und baut auf perfekte Rollenkenntnis seines Teams. 20 Solo-Darsteller, zwei Dutzend Statisten, 30 Wenzenbacher, die gregorianische Choräle singen, und ein Dutzend Menschen hinter den Kulissen schultern die Aufführungen.

Zeitdruck intensiviert. Hochkonzentriert probt die Gruppe, die vor einer Woche das erste Mal komplett zusammen kam. Improvisation ist Trumpf. Bis zur Premiere am 27. Juli wechselt der Stab mehrmals täglich quer durch die Altstadt, vormittags zum Schloss und nachmittags, wenn dort die Bühne für Oper, Jazz, Haydn oder Flamenco eingerichtet wird, zurück in die Wahlenstraße.

Salvatore, der bucklige Gehilfe aus der Klosterküche, springt unter Fürstin Glorias Fenstern um Adson von Melk herum, hechtet ihm ungefähr 17 Mal auf den Rücken, zieht dem Novizen das Ohr lang, macht ordinäre Gesten und sagt in dunklem, breitem Italo-Deutsch: „Salvatore weiß Beschaiiid!“ Er hat den schönen Kloster-Jüngling Nikolaus Benda, der in Privat-Kluft – orange Hose, Ringelshirt – noch aussieht wie ein Westküsten-Sunnyboy, beim verliebten Blick auf ein Mädchen erwischt. Regie-Assistentin Bettina Schönenberg springt bei der Probe ein und spielt die Verführerin. „Salvatore weiß Beschaiiid!“: Hubert Schedlbauer (Stadttheater) sprüht vor Spielfreude und kostet die Rolle als Salvatore genüsslich aus.

Der Novize blieb im Kino eher blass und kam als Naivling vom Dienst rüber. Nikolaus Benda, der viele Male den Film gesehen hat und gerade das Buch durchstudiert, setzt auf den unbefangenen Blick des Kloster-Neulings: „Ich glaube, der Zuschauer wird sich mit Adson identifizieren. Er sieht ja auch alles zum ersten Mal.“ Der behütete Adlige soll mit „frischem jungem Instinkt“ bestehen gegen seinen scharfsinnigen Meister. Wilfried Baasner lässt seinen William dafür den feinen Humor wieder finden, der ihm in der Verkörperung von Sean Connery abhanden gekommen war.

Die Darsteller haben sich für einen knappen Monat in Regensburg eingerichtet. Sie wohnen verstreut: Wilfried-William im Hotel, andere in möblierten Apartments, eine Gruppe in einem gemieteten Haus am Wöhrd, intern „Schmieranten-Heim“ genannt. Julia Köppel, Mutter der Compagnie, besorgte den Schauspielern über e-Bay eine Waschmaschine, für all die durchgeschwitzten Kostüme und Privat-Klamotten. „Für 150 Euro. Das war am billigsten und praktischsten.“ Die Odeon-Mitarbeiterin hat auch ein paar Räder aufgetrieben. Die Stars von auswärts bekommen so wenigstens einen flüchtigen Eindruck von Regensburg. Unisono schwärmen sie. Wilfried Baasner: „Ich bin baff, absolut bezaubert. Nicht nur wegen der Häuser: Ich habe in keinem Laden, in keinem Lokal auch nur einen unfreundlichen Menschen getroffen.“

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