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Dialekt-Wörter
Samstag, 1. Oktober 2016 24° 4

MZ-Serie

Wos is des bloß für a Gschwerl?

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. In diesem Serienteil geht es um Bletzn und Gloifl.
Prof. Dr. Ludwig Zehetner

Ein Gschwerl – wie die schwirrenden Mücken Foto: dpa

Sched a Viertlstund, sched a Mass Bier

Das Wörtchen „sched“ ist mundartlich in ganz Bayern heute noch in Gebrauch. Man hört Sätze wie: „Brauchst sched über d’Strass geh. Des kost di sched a Mass Bier. Auf Pentling is’s sched a Viertlstund. Mia ham sched holwad vostanna, wos a gsagt hod.“ Dabei steht „sched“ anstelle von „nur, bloß, nicht mehr als“. Die Herleitung ist relativ einfach. Es handelt sich um eine extreme lautliche Vereinfachung von „schlecht“ in der Bedeutung: schlechthin, schlechterdings, schlicht. Es gibt auch die Variante „gschled“. Dass „-cht“ um den Reibelaut erleichtert erscheint, ist nichts Besonderes; es liegt vor in „ned“, nordbairisch „niad“ (nicht), im älteren Bairisch auch in „Nod, Gned, Liad“ (Nacht, Knecht, Licht). Eine weitere Erleichterung erfuhr das Wort durch die Verschleifung von „schl-“ zu „sch-“ – und schon sind wir bei „sched“. (Angefragt hat Agnes Fischer)

Der Fiada ist ein Fürtuch, ein Vorbindschurz.

Ein kurzer Schurz, den man vorbindet, um bei der Arbeit die Kleidung vor Verschmutzung zu schützen, heißt im Dialekt entweder „Fiafleg“ oder „Fiada“. Das sind die Ausspracheformen von „Fürfleck“ beziehungsweise „Fürtuch“. Letzteres kommt auch vor in der Bedeutung Umlegetuch, Schal. In der bairischen Literatur finden sich neben „Fürtuch“ die an die Lautung angenäherten Schreibungen „Fürter, Fürder, Fürta, Firder, Fiada“. Im alten Deutsch war „Fürtuch“ die geläufigste Bezeichnung für Schurz und wurde als „fartuch, fartuk“ ins Polnische beziehungsweise Russische entlehnt. Sollte man das Wort, da es einen vorgebundenen Schurz bezeichnet, in Anlehnung an „vor“ im Anlaut etwa mit „V“ schreiben? Keinesfalls. Eine Differenzierung zwischen „vor“ und „für“ trat erst seit dem 18. Jahrhundert auf; vorher wurde meist „für“ verwendet. In einem bekannten Kirchenlied mit dem Text von Angelus Silesius (Johannes Scheffler, 1668) heißt es: „Ich bin das Licht, ich leucht’ euch für / mit heil’gem Tugendleben“ (für steht für voran). Im Dialekt hält man es heute noch so, wenn man sagt: „Des kimmt ma gspàssi fia“ oder „Leg’s fia Diar aussi.“ Die mundartlichen Richtungsadverbien „fiari, fiara“ (nach vorn) sind aufzulösen als „fürhin, fürher“, und man schreibt sie ebenfalls mit „f“. (Die Frage kam von Anita Beutlhauser)

Gschwerl und Gloifl, Lalle und Doldi

Der Einsender liefert schöne Dialektausdrücke, mit denen ein unverschämter, dummer, lästiger Zeitgenosse abqualifiziert werden kann: „Lattirl, Lalle, Doldi, Gloifl“, eine Gruppe von solchen Menschen als „Gschwerl“. Nachdem diese Wörter bereits in früheren Beiträgen erläutert worden sind, sollen hier nur zwei herausgegriffen werden. Über die Etymologie von „Gschwerl“ (Gesindel, Bagage) herrscht keine Einigkeit. Es könnte zusammenhängen mit „schwirren, Schwarm“ (man denke an Insekten, die eine Lampe umschwirren) oder – viel wahrscheinlicher – mit dem Wortstamm, der in „Schwäher“ vorliegt, der alten Bezeichnung für „Schwiegervater“. Denkbar ist ein mittelhochdeutsches Wort „gesweher“ (angeheiratete Verwandtschaft), das mit der bairischen Endung „-l“ versehen wurde: „Geschweherl, Gschwerl“. In der MZ vom 6. Dezember 2007 erschien der erste Beitrag dieser Dialektserie, und der war dem Wort „Gloifl/ Gloiffe“ gewidmet. Daraus sei das Wesentlichste zitiert. Über die Bedeutung ist man sich einig: Als solcher bezeichnet wird ein ungehobelter, ungebildeter, unverschämter, grober, blöder Kerl. Weit verbreitet ist die Meinung, Gloifl lasse sich herleiten vom Namen des frühmittelalterlichen bayerischen Herzogsgeschlechts der Agilolfinger. Dieser Ansatz ist zwar originell, muss aber aus sachlichen wie sprachlichen Gründen verworfen werden. Altphilologen sind davon überzeugt, dass das Wort lateinischen Ursprungs ist (clava, steht für knorriger Stock, Keule). Andere wieder glauben, Gloifl sei eine Verunstaltung des biblischen Namens Kleophas. Während eine ebenfalls erwogene Jiddisch-These viel für sich hat – eine Anzahl von Dialekt-Wörtern geht eindeutig auf diese Händler- und Handwerkersprache zurück –, überzeugt sie doch nicht restlos. Viel wahrscheinlicher ist der Zusammenhang mit dem deutschen Wortstamm, der in „klieben“ (spalten), aber auch in „klobig, Kluft“ steckt. Das Verb hieß im Althochdeutschen „klioban“, woraus sich die im vorderen Bayerischen Wald gängige Mundartlautung
„gloim, gluim“ erklärt. Gloifl könnte ursprünglich Hackstock, Holzklotz bedeutet haben. Dafür spricht, dass der kräftige Holzbalken, der, an den Enden in zwei Mauernischen geschoben, zur Abriegelung von Toren in Burgen und Kirchen diente, als „Gloifl“ bezeichnet wird. Die Bedeutung „ungefüger, grober Prügel“ wurde übertragen auf einen Kerl, der als „Gloifl“ apostrophiert wird. (Der Einsender war Hans Reichhart)

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    Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat.

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Gsoad ist nicht dasselbe wie Gsod.

Das Dialektwort „Gsoad“ (Gerede, Geschwätz) klingt tatsächlich sehr ähnlich wie „Gsod“, doch bestehen weder inhaltlich noch hinsichtlich der Herkunft Gemeinsamkeiten. Während das eine den Wortstamm von „sagen“ enthält (gesagede), ist es beim anderen „sieden“ – so unglaublich dies erscheinen mag. „Gsod“ ist die mundartliche Lautung von „Gesott“, das ist ein Substantiv mit der kollektivierenden Vorsilbe „Ge-“ und der Ablautform „sott“ des Verbs „sieden“, was hier die allgemeinere Bedeutung ‚zubereiten‘ hat. Unter „Gsod“ (auch „Gsed, Gsid“) versteht man gehäckseltes Futter aus abgesottenen, überbrühten Getreideresten, insbesondere Spreu und Stroh. Geschnitten wird es mit der „Gsodmaschin“ oder auf dem „Gsodstuhl“. Die Schriftstellerin Marianne Hofmann berichtet aus ihrer Kindheit im niederbayerischen Rohr, dass ihr Jahresablauf bestimmt war von „Hopfazupfa, Erdäpfeglaum, Saufuadan, Roßeispanna, Gsodschnein“. In Oskar Maria Grafs „Dekameron“ liest man: „Sie ging ans Gsottloch, fasste die Butten voll und schüttete den Kühen ein.“ Das „Gsodloch“ ist eine Öffnung in der Stalldecke, durch die man das Futter in den Fressbarren des Viehs schütten konnte. (Diese Erklärung wünschte sich Maria Nachreiner aus Furth im Wald.)

A Gsicht voller Rufanschmarrn

Bei kleineren Verletzungen tritt Blut aus, das auf der Haut zu einer Wundkruste abtrocknet; dies ist die Vorstufe des Abheilens. Auch aufgekratzte Wimmerl (Pusteln) oder Suierl (Herpesbläschen) führen dazu. Solcher Wundschorf heißt im Dialekt „Bletzn“ oder „Rufan, Rufern“. Aus seiner Kinderzeit erinnert sich Hans Niedermayer: „Hatte einer besonders viele verkrustete Blodern im Gesicht, dann verspotteten wir ihn wegen seinem Rufanschmarrn. Rufan oder Rufen sind verkrustete Narben.“ Aus der Schriftsprache ist das Wort „die Rufe“ längst verschwunden; es lebt nur mehr in den Mundarten weiter. (Eine Frage von Manfred Langer aus Wiesentheid)

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