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Kultur
Montag, 25. September 2017 19° 3

Biografie

Ob es Die Ärzte noch gibt, weiß er nicht

Auf fast 800 Seiten erzählt Stefan Üblacker, einst Leiter ihres Fanclubs, von Höhen und Tiefen der „besten Band der Welt“.
von Olaf Neumann, MZ

  • Verfasste die wohl umfangreichste und detailliertste Biografie, die je über eine deutsche Band geschrieben wurde: Stefan Üblacker Foto: Jens Pussel
  • Farin Urlaub (r.) und Bela B Foto: dpa

Regensburg. Wie wurden Sie Biograf von Die Ärzte, und wieso hat Ihnen die Band ihr Vertrauen ausgesprochen?

Das hängt zusammen mit meiner langjährigen Beziehung zu der Band. Als es schließlich zu diesem Projekt kam, war das für mich ein enormer Vertrauensvorschuss. Man muss dazu wissen, dass ich einige Jahre lang den Fanclub der Band geleitet habe und wir uns in all den Jahren nie aus den Augen verloren haben.

Welchen Anspruch haben Sie als Bandbiograf? Haben Sie versucht, den Menschen hinter dieser Band wohlwollend-kritisch gerecht zu werden?

Ich wollte schon die Menschen hinter der Band zeigen, aber nicht blank legen. Der Leser soll sich aufgrund ihrer Handlungen und Verhaltensmuster selbst ein Bild von ihnen machen. Die Aktionen von Menschen sind eh meistens viel aussagekräftiger als das, was sie vorgeben zu sein. Ich denke, dass die Leser so auch ein gutes Gefühl für die Charaktere hinter den Rockstars bekommen. Farin Urlaub, der von außen als kühler Kopf und Stratege wahrgenommen wird, bekommt dadurch ein menschliches Antlitz. Die Ärzte ballern kreativ um sich und sind immer offen für Neues. Das machen sie mit einer gewissen Zielstrebigkeit. Dazu gehört auch, den Schwachsinn auf die Spitze zu treiben. Das ist die Kunst der beiden Hauptprotagonisten Farin Urlaub und Bela B.

„So offen war die Band noch nie zuvor“

Die Ärzte sind sehr bedacht, ihr Privatleben aus der Öffentlichkeit fernzuhalten. Wie offen waren sie bei den Interviews, die Sie mit ihnen geführt haben?

Alles, was mich interessierte, durfte ich auch fragen. Ob es beantwortet wurde, ist eine andere Sache. Es gab aber ehrlicherweise kaum einen Bereich, über den die Band nicht sprechen wollte. Ich glaube, so offen und reflektiert wie in diesem Buch war die Band noch nie zuvor, auch was die eigene Geschichte und das eigene Handeln angeht.

In welcher Atmosphäre fanden die Interviews statt?

Es gab persönliche Treffen, Telefonate und E-Mails. Da ein Drittel dieser Band häufig unterwegs ist, muss man auch die modernen Kommunikationsmittel nutzen. Es waren lockere Gespräche wie unter Freunden, wir haben viel gelacht. Ich habe bei den Musikern viele längst vergessene Ereignisse wieder hervorgeholt. Dadurch wurden weitere Erinnerungskaskaden losgetreten.

„Manches war fehlender Reife geschuldet“

Sind Die Ärzte denn heute mit ihrer Vergangenheit im Reinen?

Das denke ich schon. Ich kenne jedenfalls kaum eine Band, die sich so sehr treu geblieben ist gegen alle Widerstände. Rückblickend gibt es wohl nur ganz wenige Dinge, auf die sie gerne hätten verzichten können. So haben sie nur ganz wenige Male etwas des Geldes wegen gemacht. Diese Sachen sprechen sie dann aber auch im Buch an. Manche Dinge waren natürlich auch einer fehlenden Reife geschuldet. So lief die Trennung von ihrem ersten Bassisten Sahnie – damals waren alle erst Anfang 20 – sicher nicht auf die schöne Art und Weise ab. Aber so etwas gehört nun einmal zu einer Vita dazu – bei Privatmenschen wie bei Rockstars.

Was macht die Chemie dieser Band eigentlich heute aus?

Zum einen ist da eine tiefe Freundschaft zwischen Farin Urlaub, Bela B und Rodrigo González. Jeder weiß genau, wie der jeweils andere denkt, was er braucht. Viele nehmen Farin und Bela als sehr unterschiedliche Charaktere wahr, wie Ying und Yang. In Wahrheit verbindet sie aber viel miteinander.

„An erster Stelle steht der Spaß“

Die Ärzte legen als Band viel Werk auf Unabhängigkeit. Was ist ihre Geschäftsphilosophie?

Sie sind natürlich totaler Mainstream, doch gleichzeitig zeichnet sie ein größtmöglicher Independent-Gedanke aus. Außerdem steht bei ihnen an erster Stelle der Spaß, dann erst kommt das Geschäft. Immer dann, wenn die Band zu sehr aufs Geschäft und weniger auf die Kunst geachtet hat, wurde es für sie brenzlig. Das hat man beipielsweise bei der Tour zum letzten Album gesehen.

Bildet das „Buch ä“ den Abschluss dieser außergewöhnlichen Bandgeschichte?

Das Schöne ist: Man weiß es nicht. Hätte man mir diese Frage vor diesem Buch gestellt, wäre die Antwort wohl negativ ausgefallen. Als ich anfing mit dem Schreiben, lag die Band wirklich brach. Die Musiker haben auch nicht groß miteinander gesprochen, schon gar nicht über das, was in den letzten Jahren vorgefallen war. Die Arbeit an dem Buch, gerade an den Kapiteln über die letzte Zeit, war für die drei wohl auch eine Art Therapie. Sie verstehen jetzt, warum es nicht so lief.

„Die Band ist nicht besonders konfliktfreudig“

Wann genau begann die Krise?

Die Band landete mit dem Album „Jazz ist anders“ von 2007 einen tierischen Erfolg, spielte eine große Tour, dann eine Clubtour sowie weitere Konzerte. Danach fingen die drei an, die kommenden drei Jahre im Voraus durchzuplanen, ohne sich dabei zu fragen, ob sie das alles überhaupt schaffen können. Dazu kam, dass die Aufnahmen zum nächsten Album „auch“ nicht harmonisch abliefen, was immer mal vorkommen kann. Die Band war in einer Mühle gefangen, und das wurde irgendwann zu einer Belastung. Statt das jedoch offen zu thematisieren, sind sie Gesprächen aus dem Weg gegangen. Eine Schwäche der Band ist, nicht besonders konfliktfreudig zu sein. Das liegt auch an dieser gleichberechtigten Dreierbeziehung. Wenn drei Meinungen gefordert sind, gibt es ein Ja, ein Nein und ein Vielleicht. Und schon hat man Probleme.

Wie haben sich Farin , Bela und Rodrigo zur Zukunft von Die Ärzte geäußert?

Ich hatte das Gefühl, dass die Arbeit an dem Buch die drei wieder näher zusammengebracht hat. Ohne dieses Buch hätten sie die Band vielleicht stillschweigend auslaufen lassen, mittlerweile glaube ich aber an eine Fortsetzung. Bestätigt haben sie es mir jedoch nicht. Farin meinte, er könne es sich schon vorstellen, aber definitiv nicht so wie in den letzten Jahren.

Wie wichtig war die „Bravo“ für den Durchbruch der Band?

Ohne sie wäre die Durststrecke sicher etwas länger ausgefallen. Aber Die Ärzte hatten schon damals so viel Potenzial, das wäre früher oder später auch den Majorlabels aufgefallen.

Spiegelt sich in den Songs von Die Ärzte auch deutsche Geschichte wider?

Mit Sicherheit. Die Ärzte waren nicht nur vom Punk-Rock fasziniert, sondern auch vom Rock’n’Roll der 50er-Jahre, von Doo-Woop-Bands, den Beatles, Beach Boys und den Comedian Harmonists. Daraus entwickelten sie einen eigenen Stil, in den sie immer wieder Zeitgeistelemente mit einfließen ließen.

„Das Buch ä“ von Stefan Üblacker ist erschienen bei Schwarzkof & Schwarzkopf, es ist 768 Seiten stark und kostet 29,99 Euro.

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