Kultur
Ein Weltstar zeigt sich nackt

Marie Bäumer spielt Romy Schneider in Emily Atefs großer Identitäts-Recherche „Drei Tage in Quibéron“.

17.04.2018 | Stand 12.10.2023, 10:21 Uhr

Weltstar Romy Schneider (Marie Bäumer) lässt Journalist und Fotograf ganz nah an sich heran. Foto: Prokino Filmverleih GmbH/dpa

Kann man ein Interview verfilmen? Auch wenn es sich um ein Romy-Schneider-Interview handelt, das letzte, große, das 1981, ein Jahr vor ihrem Tod, im „Stern“ erschien und für ungeheures Aufsehen sorgte? Man kann. Oder vielmehr: Emily Atef kann es, mit vier herausragenden Schauspielern an ihrer Seite.

Zu sehen ist eine Art Drei-Tage-Tour de force, ausgerechnet in einem Sanatoriumshotel am Meer, in dem Romy entgiftet werden soll, damit sie „taugt“ für den nächsten Film und als Mutter für ihren 14-jährigen Sohn David. Aber als Michael Jürgs (von zynischer Brillanz, aber auch selbst sehr verletzlich: Robert Gwisdek) erscheint, ist es vorbei mit klinischem Entzug und einem noch umfassenderen Fasten. Romy beginnt wieder zu trinken – Mengen an Champagner, später dann Chablis – und reißt alle Wunden auf, die sie sonst notdürftig verschlossen hält.

Zeigt sich die „wahre“ Romy?

Aber ist das wirklich die authentische, „wahre“ Romy, die man da in einer Ausnahmesituation zu sehen bekommt? Oder doch auch nur eine Facette, eine Romy unter vielen anderen? Es gibt nicht die eine Schauspielerin, die einst nach Frankreich flüchtete, weil sie mit der Identität, den Rollen, die man ihr zuschrieb, nichts mehr anfangen konnte und wollte. Und die deshalb wie eine Verräterin behandelt wurde, wie eine, die zum Feind übergelaufen ist. Es gibt nur die Frau, die zunehmend verzweifelt nach sich sucht, und die nur ein Bild und dann noch ein Bild von sich findet. Bilder, die sich in den meisten Fällen andere für sie ausgedacht haben. Wie in diesem Fall der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner), der gerade im Kontext von 68 allgegenwärtig ist, als Meister ikonischer historischer Szenen, und den Romy „Lebo“ oder „le Beau“ nennt, worauf der antwortet „la Belle“. Emily Atef dichtet ihnen zwei halbe Affären an, eine in der Vergangenheit und eine in der Gegenwart, während dieser drei Tage im rauen März- oder April-Quibéron... Und sie benutzt seine Schwarz-Weiß-Bilder, die damals im „Stern“ erschienen, als Blaupause für ihren Schwarz-Weiß-Film. Geht das: Ein Film, der scheinbar nur den Ehrgeiz hat, große, berückende Bilder ins Laufen zu bringen, ein Atef-Film, der seine atmosphärische Dichte Lebeck-Fotos verdankt? Ja, auch das geht.

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Die einzige Erfindung in diesem ansonsten fast dokumentarischen Poem ist Hilde (Birgit Minichmayr), die Sandkasten-Freundin, die Romys Schutzengel ist; oder zumindest so tut, als könne sie es sein. Unter all den Berauschten bleibt sie die Nüchterne; vielleicht, wie ihr der „böse“ Jürgs, der in ihr den Widerpart, die Projekt-Zerstörerin wittert, ins schutzlose Gesicht sagt, weil sie nicht schön ist und auch keinen Charme hat und unter all den Berühmten die einzige ist, die nur parasitär, durch die Anmaßung einer Freundschaft Bedeutung gewinnt. Ist alles, was wehtut, automatisch wahr?

Brutalität als Strategie

Michael Jürgs hat später eine große Romy-Schneider-Biographie geschrieben. Seine Masche ist, wenn man zumindest Emily Atef glauben will, Brutalität: dass er, fast überfallartig, ausspricht, was „man“ nicht sagt. Romy reagiert auf die Provokation mit der einzigen Waffe, über die sie verfügt: Herzlichkeit. Später, als ihm schon erste Skrupel kommen, sagt sie: Ich vertraue dir. Warum das denn, du weißt doch, dass ich ein Journalist bin, der alles für seine „Story“ opfert? Weil du hier bist. Und weil du sagst, was du sagst. Kann man Menschen so entwaffnen? Wie war das mit dem großen „Stern“-Interview, dem letzten vor ihrem Tod, das nicht nur deshalb wie ein Vermächtnis wirkt? Und wie waren die drei Tage, in denen es entstand? Emily Atef versucht, eine Antwort zu geben.

In Regensburg zeigt das „Regina“-Kino „Drei Tage in Quibéron“. Am 25. April ist in einer Sondervorführung Romy Schneiders letzter Film „Die Spaziergängerin von Sanssouci“ zu sehen.

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