Natur
Hatte das Reh im Garten einen Schwips?

Auf Besuch bei Familie Schmid in Wenzenbach verhielt sich das Tier auffällig. Förster Hupf schließt Alkoholisierung aus.

18.10.2016 | Stand 16.09.2023, 6:41 Uhr |
Martina Schaeffer
Agnes und Hans Schmid staunten nicht schlecht: In ihrem Garten Im Talblick in Wenzenbach lag ein Reh und fraß Äpfel. −Foto: Schmid

Agnes und Hans Schmid staunten nicht schlecht, als sie Sonntagfrüh gegen 8.45 Uhr in ihrem Garten am Wenzenbacher Schönberg ein Tier liegen sahen. Die Hausherrin dachte erst an einen großen Hund, hat beim zweiten, genaueren Blick dann entdeckt: Es war ein Reh. Jagdpächter Manfred Jobst wurde von der Polizei hinzugerufen, nachdem das Tier – sonst doch eher als recht scheu bekannt – auch bei Annäherung nicht aufstand und fortsprang. Es hob nur die Vorderläufe, knickte dann aber gleich wieder ein.

Vielleicht hat es Tollwut, mutmaßte Agnes Schmid. Oder es hatte etwas Falsches gefressen oder war möglicherweise sogar betrunken. Angesichts des auffälligen Verhaltens des Tieres schossen die Spekulationen ins Kraut. Rasch machte auch das Gerücht die Runde, das Reh habe womöglich gentechnisch veränderten Mais gefressen, der mehr Stärke enthält und vergoren einen Schwips hervorgerufen habe.

Doch Zoologe Professor Dr. Erhard Strohm von der Universität Regensburg winkt auf Nachfrage angesichts dieser These eher ab: Dass Tiere von angegorenem Obst betrunken werden könnten, sei bekannt. Ob aber auch von angegorenem Genmais? Da ist der Wissenschaftler mit Schwerpunkt Evolutionsbiologie und auf Insektenforschung spezialisiert eher skeptisch. „Das wüsste man.“

Angeschickerte Drosseln

„Das kann ich nicht beantworten“, meint Hubertus Mühlig, Vorsitzender des Bezirksjagdverbands Regensburg. Aus Mais könne man zwar Schnaps brennen, meint er im Grundsatz und nimmt die Frage dann doch mehr humoristisch. Er habe selbst Drosseln im Garten, die fräßen den Wein und: „Ich habe manchmal den Eindruck, dass sie ein bisschen beschwipst sind“, meint Mühlig.

Doch ein betrunkenes Reh? Auch als passionierter Jäger kann Mühlig von keiner ähnlichen Erfahrung berichten: „Ich habe noch keins gesehen.“

Revierförster Martin Hupf findet die Frage nach möglicherweise alkoholisierten Rehen ebenfalls sehr belustigend, muss herzhaft lachen. Das sei eine interessante Frage, meint er. Seine Antwort: „Keine Ahnung.“

Keine Trunkenheit im Revier

Hupf weiß wohl, dass so etwas in der Tierwelt manchmal vorkomme, aber wenn, dann durch angegorenes Obst. Ihm selbst ist in seinem Revier allerdings noch kein betrunkenes Tier untergekommen, gesteht er heiter.

Dann erklärt er ernst: Wenn Tiere auffälliges Verhalten zeigten, komme dies meist von einer Krankheit, bei der der Jäger am Ende möglicherweise einschreiten müsste. Bei Tollwut etwa wirkten manche Tiere recht zahm. Bei Rehen sei weiteres Kennzeichen, dass sie anfangen, Steine zu fressen oder mit dem Kopf immer wieder gegen einen Baum zu stoßen.

Es gibt hier keinen Genmais

Nein, Martin Hupf glaubt eher nicht, dass die Auffälligkeiten des Rehs in Schmids Garten vom Mais stammen könnten, holt sich aber selbst sicherheitshalber noch mal Expertenrat ein. Die Antwort der Fachleute ist dann kurz und eindeutig: „Es kann nicht sein!“ Der Grund ist ein ganz simpler, wie der Revierförster erklärt: „Es gibt keinen genveränderten Mais bei uns. Er wird hier nicht angebaut.“

Außerdem könne Mais nicht so vergären, dass er Alkoholisierung auslöst. Wahrscheinlicher sei, dass das Reh im Garten der Familie Schmid in Wenzenbach krank oder möglicherweise verletzt sei, meint Hupf.

Tierischer Besuch willkommen

Das Reh muss bereits vor dem Sonntag in den Garten von Agnes und Hans Schmid in Wenzenbach geschlüpft sein - das Ehepaar hatte seine Spuren entdeckt. Das Gemüse im Garten war angefressen und es lag Kot herum. Auffällig grün, wie von Durchfall, schildert Hans Schmid, früher Schaltanlagenbauer.

Und: Der tierische Besuch ist nicht der erste in der Naturidylle der Schmids mit dem großen Gemüsegarten. Seit 43 Jahren wohnt das Ehepaar oben Im Talblick am Schönberg. Marder, Frösche und ein Riesending von einer Ringelnatter haben in ihrem Garten schon Unterschlupf gesucht.

Tisch ist reich gedeckt

Kein Wunder: Der Tisch ist hier reich gedeckt. Im letzten Jahr nagte ein Wildschwein an Dahlien und Zwiebeln. Mal spazierte ein Reh ins Gewächshaus, tat sich an Mangold, Physalis und grünen Tomaten gütlich.

Ein andermal knabberte ein Bambi, ein echtes Walt Disney-Bambi, wie Agnes Schmid schwärmt, an ihren Rosen. Die pensionierte pharmazeutisch kaufmännische Angestellte hat dem Rehkitz erheitert zugeschaut und es einfach genüsslich weiterfressen lassen. „Wenn’s ihm geschmeckt haben…“, sagt sie mit sonniger Herzlichkeit.

Sie teilt ihre Erzeugnisse aus eigenem Anbau großzügig. „Wir haben genug für uns und für die Tiere.“

Für Abwechslung ist gesorgt

Stundenlang kann das Paar dem tierischen Treiben im Garten zuschauen. „Da brauch ich kein Buch mehr“, sagt die Wenzenbacherin. Und: Das Ehepaar hat sich sogar eine Wildkamera zugelegt, hält die Besuche von Marder, Eichhörnchen und Co. auf Video fest.

Ein Marder stibitzt Vogelfutter: Das hat Hans Schmid mit der Wildkamera festgehalten:

Ein Prosit aufs Jubiläum

„Dieses Reh wollte nur einen trinken auf euch.“Michaela Schmid

Und die beiden haben auch eine humorvolle Pointe für den Besuch des vermeintlich angeschickerten Rehs: Sie hätten am Sonntag ihr 45-jähriges Ehejubiläum gefeiert, erzählt Agnes Schmid, und ihre Tochter Michaela habe gemeint: „Dieses Reh wollte nur einen trinken auf euch.“

Das Reh springt mittlerweile wieder munter im Wald herum. Wenzenbachs Jagdpächter Manfred Jobst hat es hier ausgesetzt. Verletzt sei es nicht. „Es hat irgendwas derwischt“, vielleicht eine Gartenpflanze, vielleicht ein landwirtschaftliches Erzeugnis, meint er zum merkwürdigen Verhalten. Und es könne auch sein, dass es betrunken gewesen sei. „Man muss schauen, was es ist.“

Der Mensch verbaut die Wege

Jobst zieht immer wieder ein Wildtier aus Gärten heraus. Sogar aus dem Schacht in Wenzenbachs Schlosshof hat er schon ein Reh gefischt. Gefährlich seien offene Gärten, erklärt der Jagdpächter. Der Mensch habe jahrtausendealte Wildwechsel verbaut. Und: „Das Wild geht nach wie vor seine Wege“, weiß er.

Jeden Tag schaut er nun nach, wie es dem Reh geht. „Ich kenne die Rehe“, betont der SPD-Gemeinderat. „Jedes hat ein anderes Gesicht, jedes hat ein anderes Verhalten.“ Aber eines bleibt gleich: Sobald die Tiere in die Freiheit gelangen, in ihrer natürlichen Umgebung wieder ihre Kreise ziehen dürfen, seien sie überglücklich.

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