Politik
Wolf und Weidetierhaltung

Die Grünen beschäftigten sich mit dem Dilemma zwischen Biodiversität und Schutz der Weidetiere. MdL Hierneis informierte.

07.10.2021 | Stand 15.09.2023, 23:48 Uhr
Christian Hierneis referierte zur Problematik der Vereinbarkeit von Weidetierhaltung und steigender Wolfspopulation in der Stadthalle. −Foto: Dr. Vera Knoll

Es ist unabdingbar, einen Kompromiss zu finden zwischen der großflächigen Ansiedlung von Wölfen in Bayern und der Ermöglichung der Weidehaltung von Nutzvieh. Mit dieser Problematik befasste sich der Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen Cham um Sprecherin Andrea Leitermann zusammen mit MdL Christian Hierneis am Mittwochabend.

Der Referent ist nicht nur Sprecher für Umweltpolitik und Tierschutz der Grünen Landtagsfraktion, sondern seit vielen Jahren im Bund Naturschutz in Bayern tätig und Beauftragter für große Beutegreifer, wie Wolf, Bär und Luchs.

Bären in Bayern?

Nachdem der Bär Bruno vor ein paar Jahren einen Streifzug durch Bayern vorgenommen hatte, bevor man ihn erlegte, erarbeitete Hierneis einen Bären-Management-Plan, um eine Vorgehensweise in derartigen Fällen zu entwickeln. Dieser Grundgedanke wurde dahingehend erweitert, dass man Management-Pläne für Wölfe und Luchse mitentwickelte.

In letzter Zeit sei kein Bär nach Bayern gekommen und in absehbarer Zeit werde wohl kein Bär wieder hierher kommen aufgrund der räumlichen Enge: Bären benötigen ein Revier von mehr als 1000 Quadratkilometern Fläche, die möglichst unzerschnitten sein soll, doch dies sei im Freistaat kaum mehr vorzufinden, so Hierneis. Das Ammergebirge, wo eine vergleichbare Fläche verfügbar wäre, sei durchzogen von Wanderwegen, was allerdings eine zu große Gefahr für den Menschen werde. Demzufolge habe der Braunbär keine allzu hohen Überlebenschancen in Bayern, er lebe zudem sehr zurückgezogen.

Entgegen des in vielen Erzählungen geschilderten Phänomens des „bösen Wolfs“ könne jener dem Menschen im Regelfall nicht gefährlich werden. Eine Studie aus Norwegen, so berichtete der Referent, belege, dass es trotz der 30 000 in Europa lebenden Wölfe in den letzten 60 Jahren nur fünf Todesfälle gab, wobei zwei Menschen durch einen tollwütigen Wolf ihr Leben verloren und drei weitere von einem habituierten, angefütterten Tier angegriffen und tödlich verletzt wurden.

Der Wolf entspreche in keiner Weise dem im Märchen überlieferten und dargestellten Wolf. Demnach sei ein Wolfsrudel nicht riesig, sondern bestehe typischerweise „nur“ aus einer Familie – dies seien nur die Elterntiere mit ihren Nachkommen aus dem letzten und vorletzten Jahr, die Jungtiere von vor drei Jahren wanderten ab. Der Bär hingegen werde in Erzählungen „immer gut dargestellt“, wie z.B. Balu oder der klassische Teddybär, obwohl er in Realität für den Menschen viel gefährlicher sei als der Wolf.

Der Bär ist ein eher fauler Jäger, ein „Prügeljäger“, so Hierneis, denn er bricht z. B. das Rückgrat eines Beutetiers, wie beispielsweise eines Rehs. Der Luchs hingegen sei ein Überraschungsjäger und lauere oftmals im Dickicht oder Gebüsch und erlege seine Beutetiere blitzschnell. Der Wolf sei ein Hetzjäger, jage aber normalerweise nicht alleine, sondern im Rudel. Bären und Wölfe jagten mit Vorliebe Weidetiere, die leicht und ohne großen Aufwand zu erlegen sind.

Was laut Hierneis allen drei Tieren gemeinsam ist: Brechen sie sich ein Bein, könne quasi keine Jagd auf Beute mehr erfolgen, da alle drei Jäger den Energieverbrauch beim Jagen möglichst niedrig halten wollen. „Generell wird immer ausreichend Nahrung in einem Bären-, Luchs- oder Wolfsrevier verfügbar sein, um ihre Nachkommen problemlos aufziehen zu können“, so der Experte.

Ein Miteinander schaffen

Auf Dauer müsse ein Miteinander von Wolf und Weidetierhalter geschaffen werden, so Hierneis, ein verträglicher Kompromiss, den beide Seiten tragen könnten. Wölfe als streng geschützte Tiere dürften der Natur nicht entnommen werden, zugleich stellten immer mehr Landwirtschaftsbetriebe auf Biolandwirtschaft und somit Freilandhaltung um.

Seit 2020 dürfe der Freistaat Bayern Schäden durch Wölfe, die als Schäden durch höhere Gewalt gelten, ersetzen, was bis dahin gesetzlich nicht möglich gewesen sei. Zusätzlich dazu gebe es Präventionsmaßnahmen, um sein Weidevieh zu schützen. (rvk)