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Die Blutige Mordnacht im Freudenhaus

1971 erschoss der Zuhälter Peter Florian Berger im Regensburger Club Erotica seinen Nebenbuhler Klaus Mannstaedt. Beide Männer liebten „Julischka“.
Von Fritz Winter, MZ

  • Am Morgen des 7. Dezember 1971 klickten die Handschellen. Zuhälterkönig Peter Berger wird von Polizeichef Willi Schillinger (r.) abgeführt. Zuvor hatte er Klaus Mannstaedt erschossen. Fotos: Woche/Winter/Archiv
  • Juliane Streich, Mutter von Bergers Kindern, war die Bordell-Königin.
  • Das Opfer: Klaus Mannstaedt wollte in Bergers Fußstapfen treten.
  • Klaus Mannstaedt in seinem Blut hinter der Theke im Erotica.

REGENSBURG.Zu Beginn der 1970er Jahre verkehrt die Regensburger Unterwelt am Georgenplatz, in der Thundorfer- und der Keplerstraße und im Stadtamhof. Die anrüchigen Kneipen und Etablissements heißen Von-der Tann, Sonne, Club Erotica, Madame-Bar, Cafe Lang oder Club Cherie. Die „glorreichen Sieben“, finstere Zuhälter mit langjährigen kriminellen Karrieren, hatten den Rotlichtbezirk klar aufgeteilt. Das linke Donauufer war das Revier der „Berliner“ Puff-Connection, das rechte Donauufer gehörte den Regensburger Bordellkönigen. „Die waren so kindisch, und haben in der Mitte der Eisernen Brücke einen weißen Strich gezogen, den die Gegenseite nicht überschreiten durfte“, erinnert sich Jupp Titz, damals Chefredakteur der legendären „Woche“ und einer der bestinformierten Journalisten der Stadt.

Mit Pistolen und Handgranaten

Zu den Hauptfiguren in der Nachtclub-Szene gehörten der am Auweg aufgewachsene gelernte Metzger Peter Florian Berger und Reinhard Paukmann. Berger war der „Hausmeister“ im Club Erotica im Hackengässchen, den seine spätere Ehefrau Juliane („Julischka“) Streich betrieb. Streich gehörte zu den begehrtesten und auch zu den geschäftstüchtigsten Gunstgewerblerinnen der Stadt, die nicht auf die kriminelle Bahn geriet, sondern es zu beträchtlichem Wohlstand brachte.

Paukmann hingegen war „Geschäftsführer“ im Club Cherie in der Wöhrdstraße und geriet 1971 bei Berger in Verdacht, die teuren Weißwandreifen an Juliane Streichs Ford Coupé Officine Stampaggi Industriali zerstochen zu haben. Da das Tragen von Pistolen und Revolvern zum guten Ton gehörte – besonders beliebt waren die noch wirksameren Handgranaten – ließ sich Berger zu Paukmanns Club fahren und feuerte sieben Schüsse auf den Club. Die Strafe wegen unerlaubten Waffenbesitzes war gering. Dennoch musste Berger kurze Zeit später verschwinden. Die „Berliner“ hatten versucht, sich auf Regensburger Strich-Territorium festzusetzen, wogegen sich Berger mit Handgranaten wehrte.

Mit Juliane Streich im Bett

Er tauchte bei der Fremdenlegion unter und man hörte zunächst nichts mehr von ihm. In dieser Zeit erscheint Klaus Mannstaedt und übernimmt im Club Erotica nicht nur Bergers Stelle hinter der Theke im „Kontaktraum“, sondern auch dessen Pflichten in Julischka Streichs Bett. Das Legionärsleben unter sengender afrikanischer Sonne scheint Berger nicht getaugt zu haben. Irgendwann 1971 war er wieder in der Stadt.

Und wer hatte als erster davon Wind bekommen? Es kostete Jupp Titz im Café Von-der-Tann eine Flasche Schampus, einen Mittelsmann zu überreden, ihn zu Berger in sein Versteck zu führen. Man kannte sich. „Ich hab den Fotografen Horst Hanske angerufen und der Berger hat mir nachts um Vier ein Interview gegeben – ich brauchte ja noch einen Aufmacher für die letzte Seite“, erzählt Titz. Getürmt war Berger zuvor mit einem Pass von Klaus Mannstaedt. Mittlerweile hatte er offenkundig Wind von der Liaison Mannstaedts mit Juliane Streich bekommen. „Der hat mir den Pass gezeigt und gesagt, den Kerl bring ich um“, so Titz. Nach dem Woche-Bericht kam übrigens die Kripo und holte sich das Hanske-Portrait von Berger. „Die hatten nicht einmal ein aktuelles Fahndungsfoto“, so Titz.

Bevor ihn die Polizei dingfest machen konnte, machte Peter Berger seine Drohung wahr. Am Montag, 6. Dezember 1971, war Flaute im Freudenhaus. 23 Uhr zeigte die Wanduhr im Kontaktraum von Streichs Club Erotica, als Berger auftauchte und wütend rief: „Wo ist der Klaus?“ Im roten Schummerlicht entdeckt er ihn hinter der Bar, schlägt ihn nieder. Die Mädchen, außer Juliane Streich, flüchten. „Du kommst auch noch dran“, herrscht er die Bordell-Königin an. Später wird er bei der Kripo gestehen: „Ich wollte ihre Leiche neben die von Klaus Mannstaedt legen“.

Berger gerät in einen richtigen Blutrausch. Zunächst plant er, seinem Nebenbuhler die Arme zu zerschießen. Zwei Schüsse aus der Pistole jagt er Mannstaedt in die linke und zwei in die rechte Schulter. Dann brüllt er: „Jetzt mach ich Dich ganz fertig!“ Wild feuert er auf den Bewußtlosen. Drei Kugeln treffen den Hals, drei das Gesicht. Berger wechselt das Magazin. Der Boden hinter der Theke, zwischen den Bierträgern, färbt sich blutrot. Mittlerweile ist auch Juliane Streich geflüchtet. Sie lässt sich von einer Kollegin zur Polizei fahren.

Bergers Flucht, die erst am nächsten Morgen um 7.20 Uhr enden sollte, beginnt. Zunächst taucht er in der nahegelegenen Gastwirtschaft „Blaue Lilie“ auf, die sein bekannter Waldemar Köster betreibt. Ihn zwingt Berger, ihn mit seinem goldenen Protz-Daimler 250 SE zur Flucht zu verhelfen. Unterwegs lockt er die Prostituierte Renate Müller ins Auto, nimmt sie als Geisel und fährt mit ihr in die Wassergasse, wo sie oberhalb der Gastwirtschaft „Eiserne Birne“ ein Zimmer hat. Köster sollte ihm einen Paß und Geld beschaffen, der aber geht zur Polizei und verpfeift seinen Kumpel Berger.

Die Polizei greift zu einer List: Kripo-Hauptmeister Josef Spießl sollte an der Türe von Renate Müller eine Routinekontrolle der Sitte vortäuschen. Um sieben Uhr morgens klopft er. Kaum ist die Türe einen Spalt offen, packt Spießl die Prostituierte und bringt sie in Sicherheit. Bei Berger klicken die Handschellen. Polizisten mit Maschinenpistolen umringen ihn. Vor dem Schwurgericht kommt er später wieder glimpflich davon. Er wird nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags zu zehn Jahren verurteilt.

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