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Da Sand wird mit da Rawern g’holt

Zum Monatsende gibt es Wissenswertes rund um den Dialekt. Dieses Mal geht es um Baugeräte, schmächtige Gestalten und Tiere.
Von Professor Dr. Ludwig Zehetner

Nein, das sind keine Schubkarren, dees san Rawérn!
Nein, das sind keine Schubkarren, dees san Rawérn! Foto: dpa

A recht a zofichtigs Bürscherl

Von unansehnlich hagerer und schmächtiger Gestalt, im Wachstum zurückgeblieben, abgezehrt, schwächlich, kränklich, mager – derlei Eigenschaften können (oder konnten) im Bairischen mit dem Wort „zafichtig“ benannt werden, teilweise in den Varianten „zofichtig, zefichtig, zefrichtig“. Diese letztere Form (mit „r“) dürfte die ursprüngliche sein; denn wahrscheinlich handelt es sich bei dem Adjektiv um eine Ableitung von dem Wortstamm, der in „Ungeziefer“ und „Ziefer“ (Kleinvieh, Federvieh) vorliegt. Althochdeutsch „zebar“ führte zu spätmittelalterlich „ungezibere“ (unreines Tier, zur Opferung nicht geeignet). Zu erwähnen sind hier ferner die bairischen Ausdrücke „Zieferl“ (junge, noch federlose Gans) und „Ziefern“ (widerliche, fade, lästige, liederliche Weibsperson).

Eine Anregung von Lothar Clevers

Fressen wie ein Schlauderaff

Deutschlandweit bekannt ist der Ausdruck „essen wie ein Scheunendrescher“, wenn sich jemand mit großem Heißhunger über das Vorgesetzte hermacht. Das Wort „Scheune“ ist allerdings in den bairischen Dialekten nicht vertreten, und deshalb ist auch der Vergleich mit einem Scheunendrescher unüblich. Über einen Menschen, der mit mehr als gesundem Appetit gierig viel Essen in sich hineinschlingt, befinden wir: „Der frisst wie ein Schlauderaff.“ Um was für ein Tier handelt es sich dabei? Im Mittelalter hat man einen üppig lebenden Müßiggänger als „slûraffe“ bezeichnet, wobei „slûr“ für Faulenzer steht. Damit ergibt sich der Sinn: faulenzender Affe. Nachdem der erste Wortbestandteil nicht mehr verstanden wurde, verschob sich der Akzent auf den zweiten und es entstand die Kürzung „Schlaraffe“. Allen bekannt ist das Schlaraffenland, das ersehnte Fantasie-Land, in dem Milch und Honig fließen und wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. In Anlehnung an das mittelalterliche Verb „slûdern“ (übereilt, schlampig arbeiten) – in heutigem Bairisch „schlaudern“, schriftsprachlich „schludern“ – taucht „slûderaffe“ auf als unmittelbare Vorstufe für unser heutiges Wort „Schlauderaff“.

Lautliche Spielarten scheinen „Schlaudrachen, -drach, -drack“ zu sein. Trotz der klanglichen Ähnlichkeit kann aber eine jeweils eigenständige Etymologie angesetzt werden. Die Bedeutung von „Drach(en), Drack“ ist klar, und bei „Schlau-“ handelt es sich wohl um „Schlauch“; man denke an den Schwund von „ch“, wenn „ich, auch, doch, noch, Rauchfang, Loch“ mundartlich „i, aa, do, no, Raufang, Lo“ gesprochen werden. Dass Schlangen – und damit auch Drachen – sehr viel auf einmal fressen können und ihre Haut sich entsprechend dehnt, ist bekannt. Es darf wohl angenommen werden, dass man mit dem Ausdruck „fressn wia-r a Schlaudracha, Schlaudrack“ einen unersättlich gefräßigen Menschen mit einem gierig schlingenden Drachen vergleicht.

Die Frage kam von Rudolf Köppl

Kartoffelbrei oder Erdäpfelsterz

Im 16. Jahrhundert brachten die spanischen Eroberer Kartoffeln aus den südamerikanischen Anden mit. In den folgenden zwei Jahrhunderten verbreitete sich deren Anbau in Europa. Aber wie sollte man die essbaren Knollen bezeichnen? Auf den Britischen Inseln übernahm man den Namen der Süßkartoffel, nämlich „batate“, was dem englischen Wort „potato“ zugrunde liegt. In Frankreich nannte man sie „pommes de terre“, also „Erdäpfel“. Anderswo verglich man die unterirdischen Knollen mit Birnen; so kam es zu „Erdbirn (Äbir)“ und „Grundbirn (Grumbir, Grumper)“.

Die Italiener sahen eine Ähnlichkeit mit Trüffeln, die ja ebenfalls unter der Erde wachsen, und nannten sie „tartuficolo“. Das deutsche Wort „Kartoffel“ entstand daraus durch Dissimilation der beiden t-Laute. Hochsprachlich ist es ein Femininum, im Dialekt allerdings ein Maskulinum: „der Kartoffel“ – wie „der Erdapfel“. Letzteres ist in ganz Altbayern in verschiedenen Aussprachevarianten verbreitet: „Erdepfe, Erpfe, Erpfl“ usw. Mancherorts kennt man auch das Wort „Podacken“. Eine Kuriosität liegt vor in der Gegend um Eichstätt, wo Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais den Kartoffelanbau forcierte. Aus französisch „pommes“ wurde dort mundartlich „Bumser“. Überraschend ist, dass der Einsender angibt, man habe die Kartoffeln auch als „Dschumboln“ bezeichnet. Ähnlich heißen sie nämlich in Kärnten: „Tschompe“ wie im Slowenischen, entlehnt aus romanisch „(pommes de) campo“ (Äpfel des Feldes).

Eine Anregung von Hans Reichhart

Nimm d’Rawean und hol an Sand!

Wer das Wort „Rawern“ (betont auf der zweiten Silbe) kennt und weiß, was es bedeutet, soll stolz sein auf dieses Dialekt-Schmankerl. In lautlichen Spielarten tritt es auf in der weiteren Umgebung von Regensburg, nach Osten zu, aber auch in der nördlichen Oberpfalz und in Oberfranken, und zwar als „Rowean, Rouweabl, Rowl“ usw. In der ersten Silbe verbirgt sich zweifellos „Rad“ – wie in „Ràdltragen (Ràldrong)“, einer anderen Bezeichnung für eine Art Schubkarren. Hinter „-wern“ verbirgt sich „-bern“, das ist „Beren“ in der Bedeutung „Trage“, abgeleitet vom althochdeutschen Verb „beran“ (tragen), ebenso wie „gebären“ – eigentlich: die Leibesfrucht austragen – und „Bahre“. Bei „Tragbahre“ liegt eine tautologische Bildung vor, beide Wortteile bedeuten dasselbe.

Seien wir stolz auf unsere „Rawérn (Radberen) und lassen wir uns das Wort nicht verdrängen durch „die Schubkarre“, etwa gar in der Aussprache „Schup-“! Wenn schon ein allgemein verständliches Synonym genannt werden soll, dann bitte „der (!) Schubkarren (!)“.

Die Frage kam von Martin Mühlbauer.

Grod ums Morschlecka passt’s ned

Ist ein Ersatzteil um eine winzige Kleinigkeit zu groß oder zu klein und lässt sich nicht sauber einfügen, so ärgert sich der Bastler: „Es fàid um an rasiertn Lausbeidl“ oder „um an Àntnschoaß“ (rasierte Hoden einer Laus; Entenfurz). Andere klagen: „Grod ums Morschlecka passt’s ned!“ Man fragt sich: Woher kommt das M am Anfang des Wortes? Hier liegt sogenannte Agglutination vor: Der Auslaut des davor stehenden Artikels erscheint quasi angeklebt an das folgende Substantiv und die Wortgrenze hat sich verschoben: Aus „an dem, am Arsch“ wurde „a Marsch“. Dasselbe liegt vor bei „Miada“, wie der Dienstag in gewissen Gegenden Oberbayerns heißt: Aus „am Iada“ (Ertag) wurde „Miada“. Andere einschlägige Beispiele sind mundartlich „Nast, Nassel, Nigel“ (Ast, Assel, Igel); das N stammt vom unbestimmten Artikel „an“ (ein, eine, einen): Aus „an Ast“ resultiert „a Nast“. Die Mehrzahl lautet „Nest“, und das N findet sich auch im Verb „ausnasten“ (Äste entfernen). Unter „Nassel“ versteht man nicht nur das kleine Krebstier, die Kellerassel. Das Wort dient auch als abfällige Bezeichnung für eine lästige, unangenehme Person, vorwiegend weiblich: „a gscherte Nassl, a freche Nassl“ – unbedingt mit anlautendem N.

Diese Erklärung wünschte sich Johann Rottmeir.

Lesen Sie hier weitere Teile unserer Dialektserie.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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