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Montag, 20. August 2018 30° 2

Kunst

Rita Karrer hat das Quadrat neu erfunden

Der berühmte Eugen Gomringer kommt zur Buch-Präsentation bei der Regensburger Künstlerin – und hält ohne Skript die Laudatio.
Von peter Geiger

„Was sie macht, das ist ja weder Reduktion noch Abstraktion. Sie schafft viel mehr!“: Eugen Gomringer über Rita Karrer Foto: Peter Geiger
„Was sie macht, das ist ja weder Reduktion noch Abstraktion. Sie schafft viel mehr!“: Eugen Gomringer über Rita Karrer Foto: Peter Geiger

Regensburg. „Rita Karrer ist für mich ein ganz seltener Wunderfall der Konkreten Kunst!“ Derjenige, der diesen wunderbaren Satz über die Regensburger Malerin sagt, das ist nicht irgendjemand. Nein, dieser Mann ist die höchste Autorität! Denn wer sonst als Eugen Gomringer könnte in Sachen Konkreter Kunst, jener avantgardistischen Spielart also, die das Material selbst zum Zweck und Gegenstand des Werks macht, ein kompetenteres Urteil abgeben? Schließlich hat der 93-Jährige, der modische anthrazitfarbene Sneaker trägt und hellwach auftritt, in den 1960er Jahren das aus der Taufe gehoben, was seitdem „Konkrete Poesie“ genannt wird. Und gemeinsam mit anderen (wie dem Wiener Ernst Jandl etwa) hat er dieser Dichterschule dazu verholfen, dass sie aufsteigen konnte, zu einem weit über lyrische Fachkreise hinaus beachteten Phänomen.

Eugen Gomringer, Begründer der Konkreten Poesie, hat ein Buch über die Entwicklung im Werk der Regensburger Künstlerin Rita Karrer geschrieben. Foto: Peter Geiger
Eugen Gomringer, Begründer der Konkreten Poesie, hat ein Buch über die Entwicklung im Werk der Regensburger Künstlerin Rita Karrer geschrieben. Foto: Peter Geiger

Es darf schon als ein außergewöhnliches Ereignis bezeichnet werden, wenn in Regensburg bei einer Buchpräsentation Eugen Gomringer als Redner angekündigt ist. Denn sein Name ist ja nach wie vor einer, der die Kulturschlagzeilen beherrscht. Das liegt zum einen an seiner Tochter Nora, die gefeierte Lyrikerin, Bachmannpreisträgerin und Leiterin des Künstlerhauses Concordia in Bamberg ist. Und natürlich, wie er einleitend sagt, an der „leidigen Sache“ um „Avenidas“. Jener Skandal also um sein Gedicht, das an der Fassade der Berliner „Alice Salomon-Hochschule“ zitiert ist und das ihn ebenso unverhofft wie ungewollt ins Zentrum einer politischen Kontroverse katapultierte, in der es um die Möglichkeiten und Grenzen des Sagbaren im Rahmen des Geschlechterdiskurses geht. Das aber soll bei der Vorstellung von Gomringers Buch „Performance“ keine Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht der künstlerische Reifungsprozess der Rita Karrer.

Von der Explosion zur Strenge

Eugen Gomringer schaut in seiner ganz ohne Skript gehaltenen Einführungsrede zurück. Am Anfang war die Farbexplosion: Als sich Rita Karrer zu Beginn 1980er Jahre als freischaffende Malerin etabliert hatte, hatte sie sich noch einem expressiven Stil verschrieben. In „I love Bayern“ beispielsweise, einem dieser ebenfalls in „Performance“ abgebildeten Ölbilder auf Leinwand, da fehlte, gemessen am aktuellen Schaffen, noch jede Strenge und Ordnung im Bildaufbau. Stattdessen bildete da ein Karo (das offenbar auf die Raute der freistaatlichen Flagge verwies) den Nukleus, inmitten großflächig und wie zufällig hingegossener Rot-, Grün- und Orangetöne. Aber schon Mitte der 1990er Jahre, da hatte sich die Handschrift der 1940 in Abensberg geborenen Künstlerin verändert: Geometrische Ordnung war an die Stelle freier Formen getreten – was Eugen Gomringer in seinem Vorwort so kommentiert: „Die Bildfläche auf der Grundlage Leinwand ist nunmehr gemalt in einer Mischung aus Acryl, Öl und Sand, was zusammen einen fühlbaren plastischen Belag ergibt.“ Dies hatte zur Folge, dass die Methoden der Rita Karrer an Subtilität gewannen und der „expressive Charakter der 80er Jahre sich auf das Studium von Material und Farbschicht“ verlagerte.

Die Liebe zur Zahl

Nach seiner Laudatio erläuterte Eugen Gomringer im Gespräch mit unserem Medienhaus noch einmal, was er an der Kunst der Rita Karrer so schätzt: „Was sie macht, das ist ja weder Reduktion noch Abstraktion. Sie schafft viel mehr: Das ist eine neue Schöpfung, eine eigene Sprache!“ Und greift aus, bringt Euklid, Pythagoras und Novalis als „ferne Heilige dieser Kunst“ ins Spiel und auch die Liebe zur Welt der Zahlen und ihrer Verhältnisse.

Und dann sagt er zum Abschluss – er erläutert gerade ein Bild, in dem zwei schwarze und zwei weiße Quadrate in Dialog treten – noch so einen schönen Satz: „Auch einfachste Formen, die sind bei ihr nicht einfach da. Man spürt das, und das ist ganz wunderbar: Sie hat diese Form für sich neu erschaffen! Ja, die Quadrate und die Kreise, all das neu erfunden!“ Konkret gesprochen: Ein höheres Lob ist nicht denkbar!

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