Kommerz im Kinderfußball
Feriencamps, Akademien, Fußballschulen: Wenn das Kicken (viel) kostet

05.08.2023 | Stand 13.09.2023, 0:17 Uhr |
Maik Rosner

Viele Eltern träumen von einer Profikarriere ihres Kindes. −F.: imago

Feriencamps, Akademien und Fußballschulen sowie Kooperationen mit der F- und E-Vereinsjugend, in der man nur für 50 Euro oder 180 Euro pro Monat mitspielen kann: Wie der Kommerz im Kinderfußball zunimmt und was das für Folgen hat.



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Die Dynamik des Torschusses ist auch an der wehenden blonden Mähne zu erkennen. Durch das Trikot mit dem Werbeaufdruck Commodore wissen all jene, die die Bundesliga schon in den 80er-Jahren verfolgt haben, dass es sich auf dem Bild um einen Spieler des FC Bayern handelt. Es ist ein Foto in schwarz-weiß. Heute dient es Hans Dorfner, 58, der auch für Nürnberg und die deutsche Nationalelf spielte, als Referenz auf der Internetseite seiner Fußballschule, die „eine echte Erfolgsstory“ sei.
Dorfner hat seine Profi-Karriere 1993 beendet, ein Jahr später eröffnete er die Fußballschule. Diese besuchen pro Jahr mehr als 6000 Kinder in mehr als 100 Camps, hauptsächlich in Bayern und Umgebung. Das Ziel: „Den Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und ihnen abwechslungsreiche und tolle Fußballtage zu bieten.“
Es gibt Camps über drei, vier oder fünf Tage. Bei der Hans-Dorfner-Fußballschule können Kinder von 6 bis 14 Jahre teilnehmen, drei Tage kosten beispielsweise 159 Euro. Enthalten sind im Preis pro Tag zwei Trainingseinheiten, ein warmes Mittagessen und Obst, Fitnessgetränke und eine Trainingsausrüstung.

50 Euro pro Monat für Kinder in F- und E-Jugend



Was mit solchen traditionellen Fußballcamps schon vor Jahrzehnten angefangen hat, gibt es mittlerweile in einer immer breiteren Palette, besonders während der Sommerferien – für berufstätige Eltern ist es oft ein willkommenes Betreuungsangebot. Neben privaten Fußballschulen gibt es auch Angebote des Bayerischen Fußball-Verbandes sowie vieler bayerischer Profivereine wie 1860 München, FC Ingolstadt oder Jahn Regensburg. Mitte August kommt beispielsweise die Real-Madrid-Fußballschule für fünf Tage zur SG Salomonsborn 04 in Erfurt, die Teilnahmegebühr beträgt 289 Euro. Die Schanzer-Fußballschule (FC Ingolstadt) macht kommende Woche Station in Neukirchen v.W. – hier kosten fünf Tage inklusive Trainings-Ausrüstung 199 Euro. Wenige Tage später sind die Schanzer bei der DJK Passau-West zu Gast, vier Tage können für 179 Euro gebucht werden.

Es ist eine zunehmende Kommerzialisierung des Kinderfußballs, bei der einige Angebote nicht auf wenige Tage beschränkt sind, sondern bis tief hinein in den Vereinsfußball wirken. Im Raum München etabliert sich die Zusammenarbeit kleiner Vereine mit Fußballschulen immer mehr. Diese stellen beispielsweise den Trainer für F- oder E-Juniorenteams. Für die Eltern bedeutet das, dass sie mittlere zweistellige Beträge pro Monat berappen müssen, damit ihr Kind in der entsprechenden Mannschaft mitkicken kann.

Kinder weniger zahlungskräftiger Eltern können nicht mehr mitkicken



Der FC Alemannia München kooperiert beispielsweise mit der Münchner Fußball Schule (MFS). Pro Monat kostet das 50 Euro pro Kind in der F-/E-Jugend, pro Spieljahr kommen also mittlere dreistellige Beträge zusammen. Die Folgen liegen auf der Hand: Kinder weniger zahlungskräftiger Eltern können nicht mehr mitkicken. Es gibt fernab der MFS aber auch noch deutlich teurere Angebote, bei denen beispielsweise 180 Euro pro Monat anfallen. Die MFS wurde bereits 1998 gegründet und kooperiert nach eigenen Angaben inzwischen mit mehr als 90 Vereinen im Großraum München und Augsburg, trainiert werden rund 7000 Kinder pro Jahr. Längst unterhält die MFS auch anderswo in Deutschland Standorte und sogar weltweit, in den USA, Portugal, Österreich, Bulgarien oder China.
Die Fußballschulen und Akademien werben damit, dass ihre Trainer lizenziert und gut ausgebildet seien. Das verfängt besonders bei ehrgeizigen Eltern, die von einer Profi-Karriere ihres Kindes träumen. Doch diese Hoffnung bleibt fast immer eine Illusion. Kritiker beklagen, dass die monetären Interessen im Vordergrund stünden und kleine Klubs ausgehöhlt würden. Kinder würden von den kommerziellen Anbietern abgeworben. Zudem werde es für die Vereine immer schwieriger, Trainer zu bekommen und zu halten. Diese erhalten in Fußballschulen und Akademien mehr Geld als nur eine Aufwandsentschädigung. Ehrenamtliche Trainer mit Lizenz seien kaum noch zu finden.

Bündnis gegen Kommerzialisierung



In München haben sich im vergangenen Winter acht Vereine formiert, um sich gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Kinderfußballs zu wehren. Allerdings steht das Bündnis „Fairer Jugendfußball München“ inzwischen selbst in der Kritik. Das liegt daran, dass der Verein des Initiators, die FT Gern, Jugendklub des früheren Bayern-Profis und -Nationalspielers Philipp Lahm, mit dem FC Bayern Campus kooperiert. Das 70 Millionen Euro teure und 2017 eröffnete Nachwuchsleistungszentrum des deutschen Branchenprimus’ tut sich übrigens schwer damit, einen neuen Philipp Lahm hervorzubringen. Oder einen neuen Hans Dorfner, der einst beim kleinen ASV Undorf bis zu seinem 17. Lebensjahr kickte, ehe er zum FC Bayern ging.