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Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

PORTRÄT

Fast ein Märchen aus 1001 Frucht

Ali Morady ist 1990 aus dem Iran geflohen. In Regensburg hat sich der Naturwarenhändler eine neue Existenz aufgebaut.
Von Michael Scheiner

Foto: Scheiner/
Foto: Scheiner/

Regensburg.Ramin Morady, inzwischen selbst Geschäftsmann im Kontor des Vaters und als Großhändler mit seinem älteren Bruder Reza verpartnert, vermittelte beim Gespräch mit seinem Vater Ali, wenn der 64-Jährige Fragen nicht richtig verstanden hatte. Die Brüder und ihre beiden Schwestern sind mit Deutsch und Farsi aufgewachsen – faktisch mit zwei Muttersprachen. Sie haben Schulen in Regensburg besucht und ihre Abschlüsse gemacht.

Stolz ist Ali Morady vor allem auf seine Familie. Fotos: Scheiner/privat
Stolz ist Ali Morady vor allem auf seine Familie. Fotos: Scheiner/privat

Die Eltern mussten selbst mühsam Deutsch lernen – meist von Kunden, die sich bei Ali Morady mit schmackhaften Trockenfrüchten und Gewürzen eindeckten. Der persische Naturwarenhändler ist mit seiner Frau Nahid im Spätsommer 1990 nach Deutschland gekommen. Im Iran, seit 1979 eine islamische Republik unter der Herrschaft religiös-konservativer Führer, war es ihnen „zu mulmig“ geworden, sie mussten „aus politischen Gründen fliehen“. Ein Anhänger des Schahs war Morady nie, manchmal habe er „mit anderen gegen den Schah demonstriert“. Meistens allerdings war er damit beschäftigt, zu arbeiten. Denn eine seiner Lebensregeln, die er früh gelernt und zeitlebens beherzigt hat, lautet: „Ohne Geld bist du nichts.“

Mit fünf Jahren half er bei der Feldarbeit

„Wir spielten auf der Straße Fußball, es war ja nicht geteert.“

Ramin Morady

Aufgewachsen ist er im damals ländlich geprägten Norden der iranischen Hauptstadt Teheran als eines von fünf Kindern einer Bauernfamilie. Weizen und Gemüse wie Moradys Vater baut dort heute niemand mehr an – die Landwirtschaft ist ins Umland abgewandert. In den 50er-Jahren dagegen gab es „noch viele Bauern mit kleinen Höfen“, erzählt Morady, da musste meist die ganze Familie ran: „Ich bin mit fünf mit aufs Feld hinaus.“ Das änderte sich wenig, als er mit sieben in die Schule kam: „Schule und Arbeit, das gehörte für mich zusammen.“ Nur bei „besseren Leuten“ wie Beamten konnten die Kinder nach der Schule zu Hause spielen. Bauernkinder dagegen fanden „überall einen Spielplatz“, wenn es wenig zu tun gab. „Wir spielten auf der Straße Fußball, es war ja nicht geteert“, erinnert er sich. Oft habe er mit seinen Freunden ein „Kasinospiel“ mit Kugeln – ähnlich den Murmeln – gespielt. An den freien Tagen sei man mit der Familie in die Moschee gegangen, es war „ein ganz anderes, ganz einfaches Leben“.

Die Schule hat er „nicht so gern besucht“. Dennoch ist er zum Schülersprecher gewählt worden und immer „mit Krawatte zum Unterricht gekommen“. Fiel ein Lehrer aus, musste er die Mitschüler beaufsichtigen. Nach zwölf Jahren war er fertig mit der Schule. Er entschied sich gegen das Studieren und begann im Basar bei einem Kaufmann zu arbeiten. Eine geregelte Kaufmannsausbildung gab es damals nicht außerhalb der Uni, darum wechselte er mehrmals. Er lernte bei einem Metzger, bei Gemüse- und Obsthändlern, einem Friseur und einem Tuchhändler. Sein Lehrlingslohn: ein Cent die Woche! Davon kaufte er sich „meistens Cashewkerne“, die liebt er heute noch. Erst viel später hat Morady erfahren, dass sein Vater damals den Kaufleuten Geld gab, damit sie ihn ausbildeten. Mit 19 kaufte er sein erstes gebrauchtes Auto, einen Führerschein hatte er nicht. Daher musste sein Bruder, ein Holzhändler, einmal für ihn den Kopf hinhalten, als er einen Unfall gebaut hatte. Den Führerschein erhielt er dann doch und Autos „habe ich viele gekauft und wieder verkauft. Das letzte war ein Buick“, lacht Morady stolz.

Kurz nach der Lehre eröffnete er im Basar den ersten Laden. Diese Zeit lobt er noch heute, denn „jeder Geschäftsmann hatte andere Ideen, und ich habe dadurch viele verschiedene Erfahrungen machen können“. Zunächst verkaufte der gewitzte Jungkaufmann Spielzeug. Er eröffnete einen zweiten Laden für Hefte und Papier und genoss das pulsierende Leben der westlich orientierten Großstadt mit Kabaretts und Tanzlokalen. Donnerstags ging er „mit Freunden und hübschen Frauen“ auf Teherans Ausgehmeile aus. „Wir waren immer schick gekleidet“, gibt er mit leuchtenden Augen preis, „und haben gut gelebt!“ Als sich immer mehr Ausländer, hauptsächlich Engländer und Amerikaner, ansiedelten, eröffnete er einen gut gehenden Supermarkt und gehörte bald zum betuchten Bürgertum. Beim ersten Urlaub fuhr er mit mehr als hunderttausend Dollar in der Tasche nach New York und Paris, wo er auch Geschäftskontakte knüpfte. In Hamburg kaufte er sich schließlich einen Peugeot und fuhr damit in neun Tagen nach Persien.

Schon nach zwei Wochen heiratet Morady seine Auserkorene

Seine Frau Nahid lernte er kennen, als er bei „ihrem Bruder ein Motorrad kaufen wollte“. Sie öffnete ihm und meinte, er solle doch in einer Stunde wiederkommen. Ali kam noch öfter zurück, ging zu „Papa und Mama“ und erklärte, dass er ihre Tochter heiraten wolle. Diese waren einverstanden: Nach zwei Wochen wurde geheiratet. „Zack, fertig…,“ schiebt er hinterher, noch immer vergnügt über seinen gelungenen Coup. Trotz des zeitweilig flotten Singlelebens passte sich der traditionsbewusste Kaufmann nicht an das westlich geprägte Leben in der damaligen Zeit an. „Was ist wichtig?“, fragt er und antwortet gleich selbst: „Wahrheit! Wenn ich sage: ,Ich komme morgen!‘, dann ist es sehr wichtig, dass ich pünktlich bin.“ Er klingt ernst, wenn er einen weiteren Grundsatz preisgibt: „Immer korrekt! Du musst immer ehrlich sein.“ Viele aber seien „nicht ehrlich“, da ist er durchaus pragmatisch. Der „Mensch ist Mensch“, zeigt er sich gleichmütig, und müsse lernen, richtig zu leben, nämlich eine „Wahrheit ohne Betrug“.

Im Iran wurde das Leben immer schwieriger für das Paar – den Supermarkt musste Morady schließen. Sie entschlossen sich, ihre Heimat zu verlassen, um woanders ein neues, sicheres Leben aufzubauen. In Köln wurden sie registriert, lebten ein halbes Jahr auf einem Hotelschiff und wurden dann Regensburg zugeteilt. Hier angekommen, begann eine längere Ämtertour. Morady wurde als Asylsuchender anerkannt. Er machte sich einen Plan, beantragte ein Standrecht und verkaufte – bei Wind und Wetter, im Hochsommer und winters manchmal bis zu den Knien im Schnee – zunächst Bergfeigen, später immer mehr selbst importierte Waren am Haidplatz. Einsam war es dort manchmal und manche sahen ihn „als Deppen an“, weil er selbst im tiefsten Winter dort verkaufte. „Bin ich aber nicht“, erklärt er entschieden, „nie gewesen. Ich habe immer gekämpft!“ Das Geschäft lief, er konnte seine Familie ernähren. Nur am Anfang lieh er sich etwas Geld, das er bald zurückzahlte.

Neben dem Stand am Haidplatz kann er bald einen Laden eröffnen

 Mit seinem Sohn Ramin posiert er vor dem neuen Laden „1001 Frucht“. Wichtig ist dem persischen Naturwarenhändler die Qualität seiner Produkte, die er regelmäßig testet. Fotos: Scheiner/privat
Mit seinem Sohn Ramin posiert er vor dem neuen Laden „1001 Frucht“. Wichtig ist dem persischen Naturwarenhändler die Qualität seiner Produkte, die er regelmäßig testet. Fotos: Scheiner/privat

Schon nach einigen Jahren eröffnete er mit seiner Frau das erste Ladengeschäft in der Keplerstraße, dem bald ein zweites in der Ludwigstraße folgte. Während dieser Zeit gingen die Kinder zur Schule und brachten fast nur gute Noten nach Hause. Zuschüsse oder finanzielle Unterstützung hat Morady nur in den ersten Jahren ohne Arbeit genommen – und ausnahmslos zurückgezahlt. Danach verzichtete er sogar darauf, Kindergeld zu beantragen. Bitter war für ihn, als er 2014 den Laden in der Brückstraße schließen musste. Nach einer Renovierung verlangte der Eigentümer die doppelte Pacht: „Dann hätte ich die Gewürze so teuer machen müssen, dass kein Mensch das hätte mehr zahlen können“, ist ihm die Verstimmung noch anzumerken. Die Söhne meinten: „Geh mit Mama in Rente, wir sorgen jetzt für euch.“ Sie eröffneten den ersten Onlineshop für Trockenfrüchte – www.1001frucht.de – in Deutschland.

Bereits vorher hatte der Ältere mit einem Großhandel begonnen, europaweit Abnehmer zu beliefern. Als klar war, dass der Onlineversand gut angenommen wird, bauten sie 2016 ein Lager mit Verpackungsstation und kleinem Laden in Haslbach. Dort arbeiten Ali Morady und seine Frau jetzt wieder mit, vor allem in Stoßzeiten wie an Weihnachten. Vater Morady fliegt zudem regelmäßig in den Iran, um bestellte Waren zu prüfen und den Versand zu kontrollieren. Ist er hier in Regensburg, steht er schon mal in der kleinen Küche und kocht für alle Zunge: „Hmm, fein! Die ist im Basar in Teheran fast immer gegessen worden“, erinnert er sich an andere, glücklichere Zeiten in der ersten Heimat.

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