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Amerikas Mittelschicht verschwindet

In den USA gehört nur rund die Hälfte der Bürger zur Mittelklasse. Jeder Vierte kann keine 400-Dollar-Rechnung begleichen.
Von Thomas Spang

Immer mehr US-Amerikaner halten sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser. Das Foto zeigt Uber-Fahrer, die mit einer Autokarawane für bessere Löhne demonstrieren. Fotos: Mark Lennihan, Saskia Fröhlich/dpa
Immer mehr US-Amerikaner halten sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser. Das Foto zeigt Uber-Fahrer, die mit einer Autokarawane für bessere Löhne demonstrieren. Fotos: Mark Lennihan, Saskia Fröhlich/dpa

Washington.Kürzlich brachte Debbie (31) eine von der Großmutter vererbte Goldkette mit dazu passendem Armreif und Ohrringen ins Pfandhaus. Ein ungeplanter Zahnarzt-Besuch hatte der Uber-Fahrerin eine Rechnung von über 1000 Dollar beschert. „Soviel kann ich nicht fahren, um das Geld zu verdienen“, erzählt die alleinerziehende Frau, die ihr Auto zum Taxi umfunktioniert, wenn Sohn Spencer (6) zur Schule geht.

Da sie, wie die meisten Amerikaner, keine Zahn-Versicherung hat, muss sie selber zahlen. Statt Ersparnissen hat Debbie Studien- und Kreditkartenschulden. Kein Einzelfall in den USA, wo nach einer Untersuchung der Notenbank FED von 2017 einer von vier Erwachsenen eine unerwartete 400-Dollar-Rechnung nicht begleichen könnte. Damit leben Millionen Amerikaner genau einen Auffahrunfall, einen Wasserrohrbruch oder, wie in Debbies Fall, eine entzündete Zahnwurzel von der finanziellen Katastrophe entfernt. Der Uber-Job ist der beste, den die Mutter finden kann. „Dann kann ich vor und nach der Schule mit Spencer sein“, sagt die Alleinerziehende. „Hier in Washington kann ich mir Kinderbetreuung nicht leisten.“

Debbie kennt das Wort „Job-Sicherheit“ nicht mehr

In guten Monaten verdient Debbie bis zu 3000 Dollar. Damit zählt sie noch soeben zur amerikanischen Mittelklasse, die nach einer Faustformel der Statistiker bei einem Ein-Personenhaushalt bei 23 400 US-Dollar Jahreseinkommen beginnt und bei 62 400 aufhört. „Das ist alles nur Theorie“, sagt Debbie, die anders als ihre Eltern, das Wort „Job-Sicherheit“ nicht kennt.

Mehr als einer von fünf Mittelklasse-Haushalte in den USA gibt laut OECD mehr aus, als er verdient.
Mehr als einer von fünf Mittelklasse-Haushalte in den USA gibt laut OECD mehr aus, als er verdient.

Ihr Vater arbeitet als Bundesbeamter für die Regierung, die Mutter als Krankenschwester. Beide haben eine Krankenversicherung, bezahlten Urlaub und einen Pensionssparplan. Allesamt Kennzeichen eines Lebensstils, den noch 70 Prozent der Generation der sogenannten Baby-Boomer genießen konnten. Die „Millennials“, zu denen Debbie gehört, sind dagegen froh, wenn sie nur einzelne Leistungen erhalten. Die Gründe dafür haben nichts mit einer Schwäche der Wirtschaft zu tun. Im Gegenteil geht es seit Jahren bergauf. In den USA gibt es seit Barack Obama fortgesetztes Wachstum, Vollbeschäftigung, stabile Gewinne der Unternehmen und immer neue Börsenrekorde. Nur in der Realität kommt wenig davon bei den Familien an.

Wohnen, Betreuung und Bildung kratzen am Einkommen der US-Mittelschicht

„Es sind das Wohnen, Betreuungskosten, Bildung“, nennt Alissa Quart, in ihrem Buch „Gepresst: Warum sich Familien Amerika nicht leisten können“ Faktoren, die zum Schmelzen der Mittelklasse beitragen. Beispiel Bachelor-Abschluss, der die Minimal-Voraussetzung für besser bezahlte Jobs ist. Der College-Besuch kostet an staatlichen Hochschulen leicht 100 000 Dollar und kann an privaten Colleges das Doppelte ausmachen. Schon heute schieben die Amerikaner 1,4 Billionen Dollar an Ausbildungsschulden vor sich her. Hinzu kommen die Ausgaben für Gesundheit, die selbst mit Versicherung nur zum Teil gedeckt sind. Das medizinische Wesen der USA ist so teuer, dass es im Schnitt pro Person mehr als 10 000 Dollar im Jahr an Kosten produziert.

Während die im S&P-Börsenindex geführten Unternehmen in den 70er Jahren noch gut die Hälfte ihrer Gewinne in Forschung, Entwicklung, Weiterbildung und Löhne investierten, fließen heute 94 Prozent an die Aktionäre. Der Spielraum für höhere Löhne wäre nach Ansicht von Kritikern wie dem Hedgefonds-Manager Ray Dalio da, wird aber nicht genutzt. Der Milliardär warnt, das Verschwinden der Mittelklasse führe zu sozialer Destabilisierung. Wenn der Trend nicht umgekehrt werde, drohten „große Konflikte oder eine Form von Revolution“. Freie Kinderbetreuung, eine bessere Krankenversicherung und kostenfreier Zugang zur Bildung hätten Debbie geholfen, den Lebensstandard ihrer Eltern zu erreichen.

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