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Gesellschaft

Die Heimat der Chamer Kettendampfer

Im rauchFrei in der Schmidstraße werden E-Zigaretten als Alternative zum Glimmstängel angepriesen. Ist das nur heiße Luft?
Von Michael Gruber

Im rauchFrei in Cham können sich Kunden mit E-Zigaretten und Zubehör fürs elektrische Dampfen eindecken. Fotos: Bielmeier/gruber
Im rauchFrei in Cham können sich Kunden mit E-Zigaretten und Zubehör fürs elektrische Dampfen eindecken. Fotos: Bielmeier/gruber

Cham.Dicke Nebelschwaden hängen über den Glasvitrinen in der Schmidstraße und Florian Bielmeier packt die Lust auf den nächsten Kick im Hals. Seinen „Ferrari“ stellt er auf dem Bürotisch ab: 800 Euro hat der Costum Shop Verdampfer gekostet, ein handgefertigter Nikotin-Bulide aus der Nähe von Stuttgart. „Geht natürlich auch viel günstiger“, sagt Bielmeier. Er legt ein schwarzes Plastikkästchen an die Lippen, das aussieht wie ein Smartphone, bläht die Backen auf und pustet eine dicke Wolke aus. „Das ist unser Mouth-to-lung-Modell für 25 Euro“, sagt der 38-Jährige und schmatzt genüsslich. „Wird inhaliert wie eine normale Zigarette und ist vor allem bei unseren älteren Kunden beliebt.“

Seit Juli 2017 bietet Florian Bielmeier im rauchFrei Cham E-Zigaretten und Zubehör an. Die Preisspanne der Verdampfer reicht dabei von 25 Euro bis 800 Euro und mehr. Das Nikotin wird darin nicht verbrannt, sondern verdampft.
Seit Juli 2017 bietet Florian Bielmeier im rauchFrei Cham E-Zigaretten und Zubehör an. Die Preisspanne der Verdampfer reicht dabei von 25 Euro bis 800 Euro und mehr. Das Nikotin wird darin nicht verbrannt, sondern verdampft.

Die meisten kommen aus dem gleichen Grund in den rauchFrei-Laden, den Bielmeier im Juli 2017 in der Chamer Innenstadt eröffnet hat. Sie hängen seit Jahrzehnten am Glimmstängel und suchen nach einer Methode, den blauen Dunst hinter sich zu lassen. Bielmeier entführt sie in das schillernde Reich eines Trends, der eine gesündere Alternative zum Qualmen verspricht: Das Dampfen mit der E-Zigarette. Anders als bei gewöhnlichen Zigaretten wird hier kein Tabak verbrannt, sondern mithilfe eines Verdampfers ein Liquid über kleine Heizdrähte erhitzt. „Von den rund 5000 Giftstoffen, die beim Zigarettenrauchen entstehen, bleibt nur eines übrig – das Nikotin“, sagt der Ladenbetreiber.

Die elektrische Alternative zur Kippe?

Der Dampf wird zur Süßigkeit

Über kleine Heizdrähte werden sogenannte Liquide wie bei einer Nebelmaschine in der Disco zum Dampfen gebracht und inhaliert. Mehr als 500 Geschmacksrichtungen gibt es im rauchFrei, wie etwa Vanillepudding oder Cookies.
Über kleine Heizdrähte werden sogenannte Liquide wie bei einer Nebelmaschine in der Disco zum Dampfen gebracht und inhaliert. Mehr als 500 Geschmacksrichtungen gibt es im rauchFrei, wie etwa Vanillepudding oder Cookies.

Dosiert werden kann der Suchtstoff dabei ganz individuell in kleinen Fläschchen, den sogenannten Basen, mit denen die E-Zigaretten betankt werden müssen. Wobei der Dampf nach Belieben zu einer Süßigkeit gemacht werden kann: Über 500 Aromen gibt es im rauchFrei zu kaufen – von Vanillepudding über Cookie bis zu gesalzenem Latte Macchiato. Genau von diesem könne Bielmeier derzeit auch nicht genug bekommen. „Da hau ich am Tag bestimmt 30 Milliliter weg“, sagt der Betreiber. Zum Vergleich: Eine Schachtel Zigaretten entspricht 5 Milliliter.

Vor seinen Kunden präsentiert sich der gebürtige Burglengenfelder als Beispiel für einen entwöhnten Raucher. Die erste Zigarette qualmte der gelernte Heizungsbauer mit elf Jahren, bis er vor drei Jahren wegen Rückenproblemen auf Reha geschickt wurde. Pflicht sei dort auch das Entwöhnungsprogramm für Raucher gewesen, wo Bielmeier zum ersten Mal an einer E-Zigarette zog. Den Glimmstängel habe er seitdem nicht mehr angefasst, das Nikotin nach und nach reduziert. Ob er sich aber auch vorstellen könne, das Dampfen zu lassen? „Nein, für mich ist das einfach ein Genuss“, sagt der Ladenbetreiber. „Außerdem bin ich ja der Chef eines E-Zigaretten-Ladens.“

Über Vor- und Nachteile der E-Zigarette wird in der Wissenschaft gestritten. Während britische Studien, die Dampfer als gesündere Alternative einstufen, warnen US-Forscher vor der Verharmlosung des Nikotins als Lifestyle-Produkt.
Über Vor- und Nachteile der E-Zigarette wird in der Wissenschaft gestritten. Während britische Studien, die Dampfer als gesündere Alternative einstufen, warnen US-Forscher vor der Verharmlosung des Nikotins als Lifestyle-Produkt.

Und damit ist er auch Profiteur eines rasanten Wachstumsmarkts. 2014 eröffnete der erste rauchFrei-Laden in Regensburg, der mit dem Verkauf von E-Zigaretten mit Zubehör und Liquids inzwischen zu einem Franchise-Unternehmen mit Standorten in Abensberg, Schwandorf und nun auch in Cham aufgestiegen ist. Herzstück des Unternehmens ist der Online-Shop dampftbeidir.de, der damit wirbt, mit E-Zigaretten nicht nur Produkte, sondern „einen Lifestyle“ vermitteln zu wollen. Unter dem Hashtag #dampftbeidir macht auch Bielmeier auf Facebook und Instagram mit hippen Bildern Werbung fürs Dampfen. Kunden unter 18 Jahren haben in der Schmidstraße aber ganz klar Hausverbot, betont Bielmeier. „Außerdem will ich definitiv keinen Nichtraucher zum Dampfen verführen.“ Wie unbedenklich ist der elektrische Dampf aber wirklich? Und ist die E-Zigarette tatsächlich die bessere Methode um mit dem Rauchen aufzuhören?

Verharmlosung des Nikotins?

Suchtexperte Prof. Dr. Wodarz
Suchtexperte Prof. Dr. Wodarz

In der Werbung beruft sich die Branche vorwiegend auf eine Studie der britischen Gesundheitsbehörde, wonach E-Zigaretten um 95 Prozent weniger schädlich sind als Tabak-Zigaretten. Das bestätigt auch der Regensburger Suchtexperte Prof. Dr. Nobert Wodarz auf unsere Anfrage: „Nach allem, was man bisher weiß, stimmt das“, sagt der Chefarzt des Zentrums für Suchtmedizin am Bezirksklinikum Regensburg. Aber: „Die Gefährlichkeit der Zigaretten hat sich auch erst nach vielen Jahren herausgestellt, bis heute kennt man die Mehrzahl der bei der Tabakverbrennung entstehenden Produkte nicht.“ In den Dampfern seien diverse Vernebelungsmittel wie Propylenglykol und Glyzerin enthalten, zudem könnten die Aromastoffe vor allem bei Allergikern schnell zu Atemwegsreizungen führen. Die Erkenntnisse von britischen Forschern würden zudem von einer anderen „Extremposition“ aus den USA torpediert. „Danach würden E-Zigaretten für Raucher zwar einen Vorteil bedeuten, andererseits würden auch deutlich mehr Jugendliche, aber auch Erwachsene unter dem Eindruck „wird ja sogar empfohlen“ mit E-Zigaretten erst in den Nikotinkonsum einsteigen“, sagt Wodarz.

In der Schmidstraße will Bielmeier jedenfalls nicht gerne mit Shisha-Cafés und Tabak-Läden in einen Topf geworfen werden: „Wir haben letztens extra mit einem CO-Messgerät die Werte in unserem Laden überprüft – und es hat nicht angeschlagen“, sagt er und dampft dicken Nebel in den rauchFrei-Laden. Mit diesen Rauchern wolle er nichts zu tun haben. Dampft bei ihm eben. Und zwar ganz gewaltig.

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