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Porträt

Der Pilzpapst von Regensburg

Dem Botaniker Prof. Bresinsky wird nachgesagt, im Menschen den Schwammerlsammler zu wecken. Seine Mutter begeisterte ihn.
Von Helmut Wanner, MZ

Unter seinen Pflanzen blüht er auf: Prof. Dr. Andreas Bresinsky im Wintergarten seines Hauses
Unter seinen Pflanzen blüht er auf: Prof. Dr. Andreas Bresinsky im Wintergarten seines Hauses Foto: Wanner

Viehhausen.Nur gut, dass er so isoliert wohnt, sonst stünden in der Schwammerlsaison täglich die Leute vor der Tür. Prof. Andreas Bresinsky gilt als der deutsche Pilz-Papst. Als Sachverständiger wird er im Giftnotruf gelistet. Sein Buch wurde ins Englische und Japanische übersetzt.

Wie kocht ein Sterne-Koch zu Hause, welchen Garten legt ein Botanikprofessor an? Ganz einfach: Als eine Versammlung von Freunden. Die pannonische Mehlbeere genießt bei Prof. Bresinsky das Privileg, nicht bloß Baum zu sein. Er kennt ihre Familiengeschichte. „Sorbus pannonica Kárpáti“ ist ein durchsetzungsfähiger Migrant aus dem östlichen Donauraum.

Der Panamahut liegt im Wintergarten griffbereit. Auf den ersten Blick sieht Prof. Andreas Bresinsky aus wie ein soignierter Herr in mittleren Jahren. Der 1,90-Meter-Mann mit den forschenden Augen wird laufend jünger geschätzt. Doch auf dem Beistelltisch steht ein Röhren-Radio der Marke Saba. Das Kürzel steht für „Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt August Schwer Söhne GmbH“ und ist Industriegeschichte. Hier wohnt jemand, der 1935 in einer Stadt geboren wurde, die damals noch wie eine filterlose Zigarette hieß, Reval.

Seine zweite Frau Birgit (Jahrgang 1957) hat den Hut in der Karibik gekauft. Der Botaniker hat sich nämlich zu seinem Geburtstag, den er am 19. Januar feierte, aus dem Staub gemacht. „Vier Wochen in einem Natur-Ressort. Das war herrlich“, sagt er. Jeden Konsonanten rollt Bresinsky mit Sorgfalt aus wie Teig auf dem Blech. Am „R“ erkennt man den Baltendeutschen.

„Die Woche“ nannte ihn „Märchenprinz“, als er in den 70er Jahren von der botanischen Staatssammlung in München nach Regensburg kam. Vielleicht wegen der märchenhaften wissenschaftlichen Karriere. Mit 25 Jahren hatte er promoviert, vier Jahre später hat er sich habilitiert. Durch die Mitarbeit am biologischen Standardwerk Strasburger-Lehrbuch der Botanik machte er die Uni Regensburg weltbekannt. Bresinsky ist Ehrenvorsitzender der Botanischen Gesellschaft Regensburg, der ältesten der Welt. Goethe und Humboldt waren Mitglied. Bresinsky hat sie 25 Jahre lang geführt.

Flucht ins Paradies

Nun hat sich Bresinsky bei einem bedeutenden runden Geburtstag erstmals den Lobreden und der Januarkälte entziehen können. Er floh ins Paradies. Jede Woche „Segen der Karibik“ stand über jeweils 20 Jahren seines Lebens – für die letzte Vorkriegs-Sommerfrische an der Ostsee, für brennende Horizonte und permanenten Kanonendonner, für abenteuerliche Flucht aus Westpommern, für einen Neuanfang in Bayern. Und dann, von 1973 bis 2001, blühte er am Botanik-Lehrstuhl der Uni Regensburg richtig auf.

Er hat den Botanischen Garten konzipiert und die immensen Werte der Bibliothek der Botanischen Gesellschaft in den Schoß der Alma Mater überführt. Und heute ist noch lange nicht Schluss. Bresinsky arbeitet am ultimativen Pilzebuch. Man hat einen 80-Jährigen selten so „brennen“ sehen.

Die Begeisterung hat ihm seine Mutter, eine Germanistin, in die Wiege gelegt. Auch bei seinem älteren Bruder, einem Mathematiker in Amerika, sei sie noch zu spüren. Bresinsky erinnert sich, dass sie die Hausarbeit nie verrichtete, ohne dabei ein Buch offen liegen zu haben – und das war kein Kochbuch. Zahlreiche Kladden hat sie mit Exzerpten vollgeschrieben. Auch Gedichte schrieb sie. Eines beginnt so: „In harter Fron des Tages hatte ich doch dich: Begeisterung.“ Die Begeisterung trug sie durch die schlimme Zeit der Flucht vor dem Krieg.

Seine Mutter Gerda war eine „von Riekhoff“. Die Familie hatte dem Zaren in Petersburg als Beamte gedient. Vater leitete in Reval die Papierfabrik „Esti Paper“. Die fünfköpfige Familie hatte auch noch einen Sommersitz an der Ostsee, nahe der russischen Grenze. Andreas Bresinsky kann sich noch an eine helle, behütete Grundstimmung erinnern. 1939 wurde die Familie im Rahmen der Vereinbarungen des Hitler-Stalin-Paktes nach Polen umgesiedelt. Bresinsky ging in Wloclawek zur Schule, der Stadt, in der Marcel Reich-Ranicky geboren wurde. Das alles hat er niedergeschrieben. „Ich habe fast ein schlechtes Gewissen“, sagt er vor den dicken Büchern. In zwei Bänden hat Bresinsky die dramatische Lebensgeschichte dieser zwei Familien zusammengetragen, der zweite ist gerade am Markt: „Im Umfeld zweier Weltkriege. Lebensspuren der Familie von Riekhoff-Bresinsky“.

„Länger als in Viehhausen habe ich noch nie an einem Ort gelebt“, sagt Andreas Bresinsky. „Heuer werden es 25 Jahre.“ 70 Jahre nach Kriegsende fühlte der Überlebende den Auftrag, anhand seiner deutschbaltischen Familiensaga zu beschreiben, „welche Schicksale und welche fantastischen Anfänge und welches unverdiente Glück unser Volk erlebte.“ Von Sommer 1944 an war der Geschützdonner von der Front allgegenwärtig. Am 2. Weihnachtsfeiertag packte die Familie. „Bevor wir flüchteten, hat mein Vater unseren Hund erschossen.“ Er kann das heute noch nicht erzählen ohne Tränen in den Augen. „Da ist noch Trauer“, entschuldigt er sich. Als Zehnjähriger erlebte er in dieser Aktion den ganzen Schrecken des Krieges.

Vier Jahre später tritt der gelehrige Oberrealschüler in Augsburg bereits in die bayerische botanische Gesellschaft ein. Kein Geringerer als ihr Vorsitzender Ernst Hepp war von dem Bürschchen, das nicht aussah wie 14, begeistert. „Aus mir sprudelten die lateinischen Namen für Pflanzen geradezu heraus.“ „Du musst studieren“, sagte Hepp, Ministerialdirigent im Finanzministerium und schenkte ihm sein erstes Bestimmungsbuch. Das gab Andreas, dem Flüchtlingskind, Flügel.

Der Baltendeutsche liebt Bayern

Und dann Regensburg. „Schon 1955 bestanden erste Kontakte“, erinnert sich Bresinsky an eine Exkursion zur Kalkflora in Keilberg. „Damals sind wir mit dem Walhalla-Bockerl in die Stadt und irgendwann dann in die Straßenbahn umgestiegen.“ Gänzlich geschehen um ihn war es 1972, als er, 37-jährig, bei einer Gemeinschaftsexkursion auf dem Hoppe-Felsen am Max- Schultze-Steig stand und auf der Donau bei Sinzing die Boote vorbeifahren sah. „Das müsste doch toll sein“, dachte er sich, „wenn es mir gelingen würde, in Regensburg einen Lehrstuhl zu haben“.

Nach seiner Emeritierung ging Prof. Bresinsky zwei Mal für ein halbes Jahr zurück nach Estland. „Ich war in einem Evaluierungsprogramm tätig und habe dort auch unterrichtet.“ Mit seiner alten Heimat hat er seinen Frieden gemacht. Andreas Bresinsky ist mit Regensburg mehr als entschädigt worden. „Extra Bavariam non es vita“, deklamiert der Baltendeutsche. „Extra scientiam“ auch nicht. „Die Wissenschaft ist mein Leben“, sagt er. „Jetzt, da die Pflicht vorüber ist, läuft die Kür.“

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