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Psychologie

Lernen, mit Papas Leukämie umzugehen

Bei einer Krebserkrankung leiden nicht nur Betroffene. Darum werden an der Uniklinik auch Angehörige psychologisch betreut.
Von Susanne Wolf

Kinder krebskranker Patienten leiden sehr. Am Uniklinikum helfen ihnen Therapeuten beim Umgang mit dieser Situation. Foto: Africa Studio/stock.adobe.com
Kinder krebskranker Patienten leiden sehr. Am Uniklinikum helfen ihnen Therapeuten beim Umgang mit dieser Situation. Foto: Africa Studio/stock.adobe.com

Regensburg.Martin Meier (Namen des Patienten und seiner Frau v. d. Red. geändert) liegt lächelnd auf seinem Krankenbett in der Station 21 im Universitätsklinikum Regensburg (UKR). Abgesehen davon, dass er keine Haare am Kopf hat, sieht er recht fit aus. Doch der Schein trügt – Mitte Januar ist der 42-jährige, zweifache Vater seit acht Wochen auf der Station, weil er an Leukämie erkrankt ist und auf eine Stammzellspende wartet. Besuchen darf man ihn nur nach einer gründlichen Desinfektion der Hände und mit einem Mundschutz bekleidet.

„Losgegangen ist es am 8. November mit einer Grippe“, erinnert er sich. Am 16. November bekommt Meier dann nach mehreren Untersuchungen die Diagnose: Leukämie. Weißer Blutkrebs. „Das war wie ein Schlag mit einem Dampfhammer für mich.“ Warum ich? Wie geht’s weiter? Findet sich ein Stammzellspender? Werde ich wieder gesund? Diese und viele weitere Fragen kreisen ihm im Kopf herum. Denn neben der Erkrankung selbst schlägt sich so eine Diagnose auch auf die Psyche der Betroffenen.

Immer ein offenes Ohr

Hier kommt der Psychoonkologische Dienst am UKR ins Spiel: Psychotherapeuten kümmern sich um die Patienten, damit diese die Zeit nach der Krebsdiagnose besser verarbeiten und bewältigen können. „Man kann Fragen stellen, wenn man gerade für sich selbst keine Antwort hat“, erzählt Meier. „Die Therapeuten haben immer ein offenes Ohr.“ Psychoonkologe Thomas Leitzsch betreut ihn seit einigen Wochen. „Viele Patienten sind anfangs irritiert, dass da ein Psychologe kommt“, weiß Leitzsch. „Oft sind sie scheu, weil sie denken, dass sie ja nicht verrückt geworden sind.“ Mittels eines Fragebogens werden jedoch nur psychische Belastungen und keine psychischen Erkrankungen herausgefiltert, erklärt sein Kollege Arndt Nitschke.

„Man muss den Gefühlen in all ihren Facetten auch Raum geben.“

Sofia Goula, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin i. A.

Doch nicht nur die Patienten leiden unter dieser Situation. Auch für die Angehörigen wie Meiers Frau Sandra ist die Krebsdiagnose ein Schock. Für sie steht die Welt seit 16. November auf dem Kopf. Das Ehepaar ist gerade mit den beiden Kindern – drei und fünf Jahre alt – umgezogen. „Jetzt muss sie alleine das mit dem Haus und den Kindern händeln“, sagt Meier.

Aber wie erklärt man nun seinen Kindern so eine Erkrankung? Auch hier hilft der Psychoonkologische Dienst mit der Kinder- und Familiensprechstunde weiter, die seit 2005 am UKR Krebskranke sowie ihre gesunden Angehörigen in dieser belastenden Situation therapeutisch unterstützt. „Wir sind stolz auf dieses seltene Angebot, dass die gesunden Kinder kranker Eltern auch betreut werden“, erklärt Nitschke. „Ich finde die Tipps sehr gut, die man bekommt“, berichtet Martin Meier. Damit sei es für die ganze Familie leichter, die Krankheit zu verstehen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Neue Medien als Lichtblick

„Unser Angebot dient der Beratung für die ganze Familie. Man ist zu nichts verpflichtet“, sagt Nitschke. Kinder- und Jugendpsychotherapeutin i. A. Sofia Goula ergänzt: „Uns ist wichtig, dass die Patienten und ihre Angehörigen die Situation gut meistern. Die Eltern sind oft sehr verunsichert.“ Wichtig sei, dass sie gegenüber ihren Kindern als Experten auftreten, den Nachwuchs aber zugleich als „kompetente Menschen“ ansehen. Hilfreich sei zudem das Arbeiten mit Metaphern. Das Ehepaar Meier zum Beispiel geht offen mit der Erkrankung um und bezieht seine Kinder mit ein. „Man kann nicht nur ,Der Papa ist krank‘ sagen und sie damit im Regen stehen lassen“, sagt Martin Meier.

Arndt Nitschke (links), Sofia Goula und Thomas Leitzsch vom Psychoonkologischen Dienst am Universitätsklinikum Regensburg (hier im Patientenhaus der Leukämiehilfe Ostbayern e. V.) kümmern sich nicht nur um krebskranke Menschen, sondern auch um deren Partner und Kinder. Denn auch sie leiden unter einer Krebsdiagnose. Foto: Susanne Wolf
Arndt Nitschke (links), Sofia Goula und Thomas Leitzsch vom Psychoonkologischen Dienst am Universitätsklinikum Regensburg (hier im Patientenhaus der Leukämiehilfe Ostbayern e. V.) kümmern sich nicht nur um krebskranke Menschen, sondern auch um deren Partner und Kinder. Denn auch sie leiden unter einer Krebsdiagnose. Foto: Susanne Wolf

Belastend für die Familie ist, dass die Kinder ihren Papa nicht besuchen dürfen. „Durch den Kindergarten können sie Keime und Bakterien mitbringen“, sagt Meier. Goula erklärt: „Das ist eine Sicherheitsmaßnahme für die Patienten.“ Wenn seine Werte stimmen, kann Meier seine Kinder dennoch ab und zu – mit Mundschutz und Mantel bekleidet – auf einer anderen Station sehen. Ein Lichtblick ist für ihn in dieser Zeit die Technik. „Durch Videotelefonie kann ich meine Kinder abends ,sehen‘ und mit ihnen reden. Freilich wäre es schöner, sie in den Arm zu nehmen, aber so bin ich wenigstens etwas näher bei meiner Familie.“

Um mit der Krankheit klarzukommen, sucht Meier immer mal wieder das Gespräch mit den Psychoonkologen. Denn: „Man braucht ab und an den Tipp von jemandem, der weiß, von was er spricht. Es ist schwierig, alles mit sich selbst auszumachen.“ Goula sagt: „Es ist einerseits wichtig, das Ganze rational zu verstehen, andererseits muss man den Gefühlen in all ihren Facetten auch Raum geben.“ Wichtig sei, die Gefühle auch nach außen zu zeigen. „Ich habe vor den Kindern auch mal geweint. Auch der Papa kann nicht immer nur stark sein“, erzählt Meier. „Sind die Eltern offen und ehrlich, dann ist das ein Türöffner für die Gefühle der Kinder“, so Goula. „Dann trauen sie sich, auch mal traurig zu sein.“ Zudem übertrage sich „die Offenheit, die die Eltern an den Tag legen, auch auf die Kinder“.

Austausch in der Gruppe

Das weiß auch Meier: „Unser Sohn spricht im Kindergarten über meine Krankheit.“ Zudem kann er sich in einer Gruppenstunde mit Gleichgesinnten austauschen. „Wir wollen den Kindern den Raum geben, die belastende Situation zu verlassen und ein bisschen Spaß zu haben“, erklärt Goula. Dabei werden die Kinder therapeutisch und pädagogisch betreut. „Zeitgleich bieten meine Kollegen eine offene Gruppenstunde für die begleitenden Erwachsenen an.“ Hier können auch sie sich austauschen – und zugleich ihre Sorgen und Ängste loswerden. „Angehörige müssen gut für sich sorgen, um durch diese Situation zu kommen. Und sie dürfen Spaß haben“, sagt Leitzsch. Goula merkt an: „Man darf übrigens auch mal lachen.“ Manchmal gibt es auch Angebote für die ganze Familie wie zum Beispiel am 15. Februar Familienyoga.

„Anfangs sind die Patienten oft scheu, weil sie denken, dass sie ja nicht verrückt geworden sind.“

Thomas Leitzsch, Psychoonkologe

Inzwischen hat Meier eine Stammzellspende bekommen. Auch wenn er frühestens im März wieder nach Hause darf, ist er optimistisch: „Das Gute ist, dass diese Krebsart heilbar ist. Ich will so schnell wie möglich gesund werden.“ Bis dahin nutzt die Familie weiter das kostenfreie Gruppenangebot des Psychoonkologischen Dienstes im Patientenhaus, das durch die Leukämiehilfe Ostbayern e. V. finanziert wird und sich nicht nur an UKR-Patienten, sondern auch an andere krebskranke Eltern und ihre Kinder aus Regensburg und dem Umland richtet.

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