Leben
Die WG auf Schloss Wildenberg

Rosemarie Leitner wollte ein Mehrgenerationenhaus in einem Bauernhof gründen. Jetzt soll ein Schloss Quartier für Künstler und Handwerker werden.

07.09.2010 | Stand 16.09.2023, 21:07 Uhr

Wildenberg.Nicht jeder hat einen Baron, der einen im Schlaf bewacht – Rosemarie Leitner schon: Wenn sie sich abends im Innenhof von Schloss Wildenberg auf ihrer Couch unter dicken Federbetten einmummelt, hat Freiherr von Kesling ein Auge auf sie. Die stattliche Bronze-Figur schmückt den fast kreisrunden Hof, den Rosemarie Leitner, genannt Rosi, in Sommernächten gerne gegen ihr Schlafzimmer eintauscht. „Da sieht man den Sternenhimmel wie eine Kuppel über sich“, sagt die Mittfünfzigerin. Gemeinsam mit ihren beiden Söhnen Boris (31) und Robin (28) und ihrer Mutter lebt sie seit zwei Jahren auf Schloss Wildenberg.

„Schloss sucht Sie“

„Eigentlich habe ich einen Bauernhof gesucht, auf dem ich mit einer Crew Frauen ein Mehrgenerationenhaus gründen wollte“, sagt Rosemarie Leitner. Mehr als fünf Jahre lang suchte die Münchnerin nach etwas Passendem, doch nichts eignete sich wirklich. Als sie die Suche beinahe schon aufgegeben hatte, las sie im Immobilienteil einer Zeitung eine Anzeige: „Schloss Wildenberg sucht Sie“. Sie dachte dabei jedoch fälschlicherweise an einen Ort bei Weilheim in Oberbayern. „Die Holledau, da wollte ich eigentlich gar nicht hin“, sagt sie rückblickend. Doch dann wirkte Schloss Wildenberg auf sie wie ein Magnet. „Man fühlt sich so geschützt hier. Die Ruhe und trotzdem Leben außenrum“, sagt sie.

Schloss Wildenberg gehört der Kesling’schen Stiftung. 2500 Euro Kaltmiete für 1800 Quadratmeter Wohnfläche – das kam Rosemarie Leitner, die an Münchner Mietpreise gewohnt war, spottbillig vor. Den ersten Winter stemmten die Leitners auch ohne Weiteres; doch der harte letzte Winter hat sie finanziell stark mitgenommen. „An zehn Tagen haben wir 2000 Euro verheizt, nur damit es überall um die sechs Grad hatte“, sagt Rosi Leitner. In den von ihnen bewohnten Räumen stehen Öfen, die mit Holz und Kohle befeuert werden können, ansonsten jedoch hat das Schloss eine Ölheizung – und die geht ins Geld.

Untermieter gesucht

Damit die Leitners weiter auf Schloss Wildenberg leben können, wollen sie Untermieter ins Haus holen, einige Freunde der Familie leben bereits schon zeitweise mit auf dem Schloss. Das Gebäude eignet sich in besonderer Weise als Schloss-WG, da es sieben Wohnungen hat, die jeweils mit Küche und Bad ausgestattet sind. Die kleinteilige räumliche Aufgliederung – alles in allem hat das Schloss 73Zimmer – rührt aus Zeiten von vor über 20 Jahren her, als Schloss Wildenberg noch als Altenheim genutzt wurde. An den Türen stehen Zimmernummern und unten im Erdgeschoss steht in der Küche ein riesengroßer Holzofen, auf dem die Essen für die Senioren zubereitet wurden. Als potenzielle Untermieter wünscht sich Rosemarie Leitner künstlerisch veranlagte Menschen, die handwerklich geschickt sind – schließlich soll Schloss Wildenberg Schritt für Schritt wieder komplett bewohnbar und für die Öffentlichkeit nutzbar gemacht werden.

Raum für Feierlichkeiten

Öffentliche Veranstaltungen auf dem Schloss gibt es bereits jetzt: Einen Weihnachtsmarkt, Esoterik-Seminare, ein Weinfest und bei Geburtstagsfeiern oder Taufen in der schlosseigenen Kapelle zaubert Rosi Leitner schon mal Essen für 100 Personen auf den Tisch. Richtig abfeiern kann man auf Schloss Wildenberg auch: Oben im zweiten Stock hat Rosemarie Leitner eine „Partywohnung“ eingerichtet. Für die Zukunft auf dem Schloss haben die Leitners schon jede Menge Ideen: Sie wollen Koch-Seminare anbieten, Konzerte ins Schloss holen und Wellness- bzw. Yoga-Kurse veranstalten. Boris Leitner denkt an einen „meditativen Bereich“, in dem sich gestresste Stadtmenschen beispielsweise beim Holzhacken und Leben in der Natur rund um das Schloss – 2,2 Hektar gehören zum Anwesen – entspannen sollen. Seine Mutter Rosi will Tanzveranstaltungen für Senioren ins Programm aufnehmen. „Hier ist Bewegung, Platz zum Entfalten“, schwärmt Rosemarie Leitner und schaut von ihrer herrschaftlichen Veranda, die einst Baronin von Kesling bauen ließ, auf die weiten Landschaften der Hallertau. Bereut hat sie den Umzug nach Wildenberg nie – auch wenn das für sie bedeutet, dass sie jede Woche zu ihrem Friseurgeschäft in München pendeln muss. „Es ist noch nicht perfekt, aber man kann es schon herzeigen“, sagt sie. Und ob man das kann.