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A Schofheiterl zum Abendessen?

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Oberpfälzer Dialekt mit Professor Ludwig Zehetner.

Um im Pilzbuch nachblättern zu können, sollten Schwammerlsucher immer auch die schriftdeutsche Bezeichnung vom Schofheiterl oder Wasserschwammerl parat haben.
Um im Pilzbuch nachblättern zu können, sollten Schwammerlsucher immer auch die schriftdeutsche Bezeichnung vom Schofheiterl oder Wasserschwammerl parat haben.Foto: dpa

Schafheiterl, Rotfüßerl und Wasserschwammerl

Versierte Schwammerlsucher freuen sich, wenn sie ein paar „Schofheiterl“ in ihren Sammelkorb legen können. In jungem Zustand sind diese Röhrlinge gute Speisepilze. Für „Schafheiterl (-heitala)“ geben die Pilzbücher die schriftdeutsche Bezeichnung „Ziegenlippe“ an, auch „Filziger Röhrling“; fachsprachlich heißt der Pilz Xerocomus beziehungsweise Boletus subtormentosus.

Problematisch erweist sich die Deutung des volkstümlichen Namens. Das Erstglied „Schaf“ ist klar. Aber was ist ein „Heiterl“? Es scheint die mundartliche Verkleinerungsform von „Haut“ zu sein. Aber ergibt „Schafhäutlein“ einen Sinn? Denkbar wäre auch „-euterl“, kleines Euter. Wenn dies zutrifft, wäre „-heiterl, -häuterl“ als volksetymologische Umdeutung aufzufassen. Schließlich kommt auch „-häupterl“ in Betracht, Diminutiv von „Haupt“, wie es bei der Bezeichnung „Mooshäupterl“ vorliegt, einem anderen Namen für die Ziegenlippe oder für das als Speisepilz minderwertige „Rotfüßerl“, den Rotfußröhrling, der auch „Wasserschwammerl“ genannt wird.

Bist auf der Gànt – bist du bankrott?

Unter „Gànt“ versteht man heute Bankrott, Konkurs; die ursprüngliche Bedeutung ist Versteigerung. „Bist auf der Gànt?“ bedeutet so viel wie: Besitzt du nichts mehr, stehst du vor dem Ruin? Man hört, ein Anwesen, eine Firma sei „àf Gànt kemma, auf die Gant gekommen“, das heißt, es sei wegen Überschuldung und Insolvenz „unter den Hammer gekommen“, sei also von Gerichts wegen versteigert worden.

Es handelt sich keinesfalls um einen auf den Dialekt beschränkten Ausdruck. Auch der Duden verzeichnet „die Gant“, allerdings mit der Angabe, es sei schweizerdeutsch. Richtig ist vielmehr, dass das Wort im gesamten südlichen Deutsch verbreitet ist beziehungsweise war, das heißt in der Schweiz, in Österreich und in ganz Bayern. Gleiches gilt für „vergànten“, was öffentlich versteigern oder Bankrott, Konkurs machen bedeutet.

Das Wort „gant“ gab es bereits im Mittelhochdeutschen. Es geht zurück auf das spätlateinische „inquantare“ (versteigern), abgeleitet von der Frage „in quantum?“ (lateinisch für wie hoch, um wie viel), mit welcher der Auktionator die Interessenten aufforderte, ihr Gebot zu nennen. Im Italienischen heißt die Versteigerung „incanto“, und das Französische kennt dafür den Ausdruck „vente à l’encan“. Unser Wort „Gànt“ ist damit in bester europäischer Gesellschaft.

Habts ihr scho gessn?– mit überflüssigem „-s“?

Das Bairische verwendet etliche grammatische Formen, die weder andere Mundarten noch die Hochsprache kennen. Besonders bemerkenswert sind die „du“- und „ihr“-Formen (2. Person Singular und Plural), bei denen das Personalpronomen ganz zu verschwinden scheint. Sätze wie „Mogst mi? Von wos lebst na?“ kommen ohne „du“ aus. Das auf bloßes „d“ reduzierte Fürwort ist quasi in die Endung „-st“ hineingekrochen, das heißt integriert, so dass es nicht mehr zu hören ist (magst du, mogst’d, mogst; lebst du, lebst’d, lebst). Weitere Beispiele: „Woasst, mid wost ofanga muasst? Do gehst grodaus, na biagst links ob, und scho stehst vorm Rathaus.“

Die Beugungsendung der 2. Person Mehrzahl, standardsprachlich „-(e)t“, lautet im Bairischen grundsätzlich „-ts“. Diese Endung ist ganz fest verankert und von keinem Mundartschwund angekränkelt: „Ihr kommts aber schon, oder? Habts Zeit?“ Das Suffix „-s“ erklärt sich als verkürzte Form des Personalpronomens „ees“ (2. Person Plural), das an die gemeindeutsche Endung „-t“ angewachsen ist. Wenngleich „ees“ als persönliches Fürwort in der städtischen Umgangssprache nur mehr selten gebraucht wird, bleibt es unverzichtbarer Bestandteil der bairischen Flexionsendung „-ts“. Allein durch Anfügen von „s“ an die Flexionsendung des Verbs nimmt ein Satz wie „Ihr kommt doch auch“ eine Bairisch-Färbung an, ohne ansonsten mundartlich zu sein: „Ihr kommts doch auch.“ Sobald jedoch das „s“ in der Endung fehlt, ist ein Satz wie „Ees kemmt do àà“ verunglücktes Bairisch, ein unmöglicher Bastard – trotz Ersatz von „ihr, kommen, doch, auch“ durch „ees, kemmen, do, àà“.

Die beiden Flexive „-st“ und „-ts“ sind dermaßen übergriffig, dass sie sich auch auf Wortarten ausdehnen, die nicht gebeugt werden können. Sämtliche einen Nebensatz einleitenden Konjunktionen erhalten im Bairischen die Flexionsendung der 2. Person, wenn der Nebensatz eine solche betrifft (du, ihr). „Weilst ned kemma bist, bin i aloans ganga. Seits nimmer do hàts, is nix mehr los bei uns. Wiast as machst, is egal“ (weil du; seit ihr nicht mehr da seid; wie du es machst). Im Klettergarten beobachtet einer seinen Freund und sagt: „I bi gspannt, wia hochst auffi kimmst.“ Hier ist sogar das Eigenschaftswort „hoch“ mit der Verb-Endung „-st“ versehen.

„Obst mi mogst? Obst as glàbst oder ned. Sie mächt wissen, wiast hoaßt. Wennst nix derheiratst und nix irbst, bleibst a Narr, solang bist stirbst.“ Aufzulösen sind „obst, wiast, wennst, bist“ als „ob du, wie du, wenn du, bis du“. Außer bei „ob, wie, wenn, bis“ finden sich die an sich den Verben vorbehaltenen Suffixe „-st, -s“ als Anhängsel von „dass, weil, wie, was, wer, wen, welch, trotzdem, obwohl, seit.

In seiner „Bairischen Grammatik“ befindet Ludwig Merkle: „Die großzügige Verwendung der Personalendungen führt zu einer fast grotesken Überwucherung der Sprache mit Anredefürwörtern.“ Wenn man in dem Satz „Weils ees moants, ees brauchts gor ned frong und kinnts dees oafach nehma“ hochdeutsch „ihr“ einsetzt, sooft „ees“ oder „-s“ erscheint, wird offenbar, dass das Personalzeichen sechsmal erscheint: „weil-ihr ihr meint-ihr, ihr braucht-ihr … könnt-ihr …“.

Einhein, da leint er ja mein Scherben …

Ein Bäuerlein vom Land, so erzählt man sich, sei in der Stadt in einem Wirtshaus eingekehrt und habe dort seinen Regenschirm vergessen. Tage später kam er zurück und fand den vermissten Gegenstand wohlbehalten in der Ecke stehend vor. Er hielt es für angemessen, seine Freude kundzutun, meinte aber, er dürfe in dem feinen städtischen Gasthaus nicht seinen gewohnten Dialekt sprechen. Also sagte er: „Einhein, da leint er ja mein Scherben. Und feilen tut ihm nichts.“ Die Episode ist natürlich erfunden.

In der scherzhaften Umsetzung von Mundart in Hochsprache wird Laut für Laut geschickt und stimmig transponiert. Für „àhà“ steht „einhein“ – wie bei „nà“ für „nein“. Das Bairische hat die alte Form „leinen“ bewahrt (althochdeutsch „(h)leinen“ mit Zwielaut, daher bairisch „oa“), während die heutige Hochsprache „lehnen“ hat. Die Umsetzung von „(er) loant“ zu „leint“ ist also absolut korrekt.

Dass „Schirm“ als „Scherben“ erscheint, erfüllt zwei Regelhaftigkeiten, und zwar rückwärts angewandt: Im Bairischen entspricht „ir“ in bestimmten Fällen der standarddeutschen Lautkombination „er“ oder „är“, so etwa in Wörtern wie „Ertag (Dienstag), Herberge, fertig, erben, Ärmel, ärger, stärker, wärmer“, die basisdialektal „Irda, Hirwa, firtig, irm, Irwl/ Iawe, irger, stirker, wirmer“ lauten. Die Lautfolge „-ben“ wird über „-bn“ zu „-m“, so etwa in „lem, sterm, gem, bleim“ (leben, sterben, geben, bleiben). „Scherben“ für „Schirm“ macht sich beide Lautgesetze zunutze.

Raffiniert ist auch, „feilen“ für „fehlen“ zu setzen. Altmundartlich (mittelbairisch) gilt für „fehlen“ die Lautung „fàin“, das dem mittelalterlichen „vælen“ entspricht, einer Entlehnung von altfranzösisch „faillir“ (aus lateinisch „fallere“). Was also hätte das Bäuerlein gesagt, wenn es seinem natürlichen Dialekt treu geblieben wäre? „Àhà, do loand a ja mei Schirm! Und fàin duad eam nix“ – so hätte es geklungen.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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