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MZ-Serie

Von alten und neuen Flüchtlingen

Jeden Tag riskieren Menschen ihr Leben, um nach Europa zu kommen. Für Rolf Rossius ist das eine Wiederholung der Geschichte. Darum engagiert er sich.
von Pascal Durain, MZ

  • Jeden Tag riskieren Afrikaner ihr Leben auf hoher See, um nach Europa zu kommen. Für Rolf Rossius ist das eine Wiederholung seiner Geschichte. Foto: dpa
  • Der Münchner Rolf Rossius, Vorsitzender der Ost- und Westpreußenstiftung, erhebt schwere Vorwürfe gegen die deutsche Flüchtlingspolitik. Foto: Rossius

Regensburg/München. Rolf Rossius ist ein Mann, der sich mit seinen fast 70 Jahren in seine Villa im noblen Bogenhausen zurückziehen und ruhigen Gewissens sagen könnte: Jetzt sind die anderen dran. Rossius hat eine Karriere als erfolgreicher Immobilienunternehmer hinter sich und daneben so viele Ehrenämter übernommen, dass er eigentlich einen Doppelgänger für seinen Terminkalender gebrauchen könnte. Aber Rossius ist keiner, der überhaupt an Ruhestand denken kann. Also macht er weiter. Der Münchner ist Vorsitzender der Ost- und Westpreußenstiftung – einen Vertriebenen, nennen ihn viele, doch er sagt: „Auch wir waren Flüchtlinge“.

Herr Rossius: Welche Geschichte steckt hinter ihrem Nachnamen?

Das ist ein typischer Einwanderungsname, der auf die Hugenotten zurückgeht. Meine Mutter war Münchnerin, mein Vater Ostpreuße. Geboren wurde ich in Dresden, als meine Eltern noch auf der Flucht waren.

Sie sagen Flucht – und nicht Vertreibung.

Ich halte nichts von solchen Wortklaubereien.

Bernd Posselt, CSU-Europaabgeordneter und der Sprecher der Sudetendeutschen, erklärte mir vor ein paar Tagen, dass ich sehr vorsichtig mit diesen Begriffen umgehen müsse. Bei Vertreibung könne man nicht von einer Flucht sprechen.

Die Ost- und Westpreußen waren Flüchtlinge, genauso wie die Sudeten oder die Schlesier. Sie alle haben Furchtbares erlebt, haben aber vor allem in Bayern eine neue Heimat gefunden. Das ist auch der Grund, warum ich mich frage, warum es uns jetzt nicht gelingen soll, Flüchtlinge aufzunehmen, wenn allein München damals Tausende aufnehmen konnte. Die Stadt war damals zu 70 Prozent zerstört. Ich bin davon überzeugt, dass uns der echte Flüchtlingsansturm noch bevorsteht.

Wie meinen Sie das?

Es ist mit unbegreifbar, was derzeit in Afrika passiert. Rohstoffe werden geplündert, Böden und Grundwasser vergiftet. Und die Europäische Union schottet sich vom Rest der Welt ab. Darum habe ich auch erklärt, als ich zum Vorsitzenden der Stiftung gewählt wurde, dass wir den Flüchtlingen unsere Türen öffnen müssen. Wir waren schließlich einst in der selben Lage.

Das ist eine ziemlich linksliberale Sicht für einen Mann, der seit seinem 17. Lebensjahr Mitglied bei der CSU ist.

Wissen Sie, auf unserem Gelände in Oberschleißheim (Gemeinde am nördlichen Stadtrand Münchens, Anmerkung der Redaktion) steht ein Flüchtlingsboot. Ich nenne das bewusst so. Eigentlich war es ein militärisches Landungsboot, doch mit diesem wurden damals Menschen aus Preußen über die zugefrorene Ostsee nach Deutschland gebracht. Diese Leute flohen vor Tod, Hunger, Verfolgung, Ausrottung und noch mehr. Die Kinder erfroren damals in den Kinderwägen.

Menschen, die sich in ihrer Not in ein voll besetztes Boot quetschen und auf hoher See ihr Leben riskieren – das erinnert mich an Lampedusa.

Ja, mich auch. Genau die selben Bilder laufen da vor meinen Augen ab. Oder wenn Christen aus Syrien fliehen, weil sie mit dem Tod bedroht werden. Dieses Szenario erinnert mich an den Holocaust. Und wenn die CSU so etwas nicht wahr haben will, dann soll sie das S für sozial aus ihrem Namen streichen und es durch Dorfmeierei ersetzen.

Das ist eine deutliche Anklage.

(Stimme wird lauter) Warum lässt man diese Menschen nicht arbeiten? Warum heißt man sie nicht willkommen? Weil sie eine andere Hautfarbe haben? Das ist eine menschenverachtende Politik. Deutschland muss ein Zuwanderungsland werden. Zwar liest man ständig etwas von Fachkräftemangel in Zeitungen, aber warum nehmen wir nicht die auf, die bereits da sind?

Warum glauben Sie, ist das so?

Dahinter steckt sicher eine Panikmache der Bürgermeister. Bürgern wird Angst gemacht, dass durch Asylbewerber die Kriminalität steige oder diese nur kämen, um die Sozialkassen zu plündern. Das ist Schwachsinn! Wenn die Länder, aus denen sie kommen, befriedet werden, dann gehen die auch von alleine zurück. Dass noch niemand hier erkannt hat, dass das Botschafter Deutschlands sind, wundert mich.

Was muss sich also ändern?

Deutschland muss sich fragen, wen sie da an die Spitze wählt. Aber ich frage mich auch, warum steht da kein Papst auf und klagt das an. Warum gibt es dann überhaupt ein „christliches Abendland“? Das sind doch alles Glaubensbrüder. Ich begreife das einfach nicht. Diese Menschen wollen nur ihr einiges Leben retten. Wo ist da unsere christliche Nächstenliebe?

Was haben Sie als Vorsitzender der Stiftung unternommen, um zu helfen?

Wir haben vor wenigen Monaten in der Jugendbegegnungsstätte auf unserem Gelände eine Unterkunft für Flüchtlinge geschaffen. Dort leben derzeit mindestens 60 Menschen. Wir sind zwar keine reiche Stiftung, vor allem nicht, als uns unter Stoiber die Mittel gekürzt wurden, aber wir tun, was wir können.

Gab es Probleme, das durchzusetzen?

Überhaupt nicht. Wir wollen bald weitere Container aufstellen, um mehr Menschen aufnehmen zu können. Die Münchner Landrätin sagte zu uns, dass sie so etwas aus anderen Gemeinden nur selten höre. Aber warum denn? Das begreife ich einfach nicht.

Dabei war es doch lange in der Gemeinde umstritten, ob Asylbewerber an dieser Stelle untergebracht werden sollen. Ihre Stiftung wurde dafür kritisiert, dass Sie dort auch Wehrmachtsverbänden ein Denkmal setzte.

Diese Debatte gab es vor meiner Zeit als Vorsitzender. Aber festzuhalten bleibt, dass tausende Menschen ermordet worden wären, wenn ostpreußische Offiziere nicht ihr Leben riskiert und gegen den ausdrücklichen Befehl Hitlers den Flüchtlingen geholfen hätten. Darum wurden in der Begegnungsstätte auch Uniformen dieser Leute ausgestellt. Meinem Vorgänger fehlte da allerdings das Fingerspitzengefühl. Man kann keine Uniform mit Hakenkreuzbinde ausstellen und eine polnische Besuchergruppe dort herumführen, ohne dass das auf einer Tafel in polnisch erklärt wird. Die Uniformen haben wir inzwischen weggeräumt. Ich will klarstellen, dass es in unserer Stiftung keinen rechten Spuk gibt. Bei uns ist kein Platz für Revanchismus. Das habe ich an meinem ersten Tag klargestellt und niemand hat den Saal verlassen. Wir bemühen uns um Aussöhnung, Andenken und Ausgleich und nicht um die Wiedererlangung Ost- oder Westpreußischer Gebiete.

Denken Sie, dass sich alle Vertriebenen so solidarisch mit den Flüchtlingen erklären, wie Sie es hier tun?

Ich denke schon. Wer seine Heimat verloren hat, betrachtet eben die ganze Welt als sein Zuhause. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft. Aber bis heute vermisse ich eine offizielle Stellungnahme der Vertriebenen in dieser Debatte.

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