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Rückblick

Beim Fallout war Regensburg spitze

Nach dem GAU in Tschernobyl zog eine radioaktive Wolke um die Welt. Am 1. Mai war sie über Regensburg. Und dann regnete es.
Von Heinz Klein, MZ

Was darf man noch essen? Gemüse, Milch, Eier – viele wollten das nicht mehr und griffen lieber zu Molkepulver und Konservendosen.
Was darf man noch essen? Gemüse, Milch, Eier – viele wollten das nicht mehr und griffen lieber zu Molkepulver und Konservendosen. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.„Wo zum Teufel liegt Tschernobyl?“ Das fragte sich jeder, der die Nachricht vom Reaktorunglück mitbekommen hatte. Weit weg. Doch ein paar Tage später war Tschernobyl da. Die Wolke mit dem Gift aus dem atomaren Höllenschlund würde über Deutschland ziehen, wahrscheinlich sogar über Bayern, hieß es in den letzten Apriltagen 1986. Das sei aber nicht weiter tragisch. Schlimm wäre es nur, wenn es regnen würde.

Am 1. Mai war die Wolke da. Es war ein strahlend schöner Tag und er sollte noch strahlender werden. Die Sonne schien, die Biergärten waren voll. Und dann begann es zu regnen.

Die Leute rannten einfach davon

Dr. Wolfgang Schörnig saß auch im Biergarten – im Kneitinger Keller. Gegen 18 Uhr verfinsterte sich der Himmel, erinnert sich der Rechtsreferent, damals Leiter des Regensburger Ordnungsamts. Als die ersten Tropfen fielen, sprangen die Biergartenbesucher auf. Volle Teller, volle Gläser – alles wurde im Stich gelassen. „Die Leute rannten einfach hinaus“, weiß Dr. Schörnig noch. „Halt, erst zahlen!“ riefen ihnen verzweifelte Bedienungen hinterher. Doch keiner wollte um Himmelswillen nass werden!

Wo Tschernobyl liegt Foto: MZ-Infografik
Wo Tschernobyl liegt Foto: MZ-Infografik

Zuhause vorm Fernseher war in der Tagesschau-Sendung eine Deutschland-Landkarte eingeblendet. Darauf war Regensburg eingezeichnet – als die Stadt, die die höchste Strahlung in ganz Deutschland abbekommen habe.

„Ich bin nass geworden! Was soll ich jetzt tun?“ Immer und immer wieder wurde diese Frage gestellt. Die Stadtverwaltung richtete erst drei Sorgentelefone ein, dann fünf, zum Schluss waren es neun. An die 3000 Anrufe seien in den ersten drei Tagen und Nächten bei der Stadt eingegangen, sagt Dr. Doch Antworten konnte man kaum geben. „Die Ministerien in München haben völlig versagt. Wir haben keinerlei Informationen bekommen“, erinnert sich Dr. Schörnig an die ersten Tage nach dem GAU.

Dafür schlug die Stunde der selbst ernannten Strahlenexperten. Man müsse die Autos mit Wasser abspritzen, sonst fresse sich die Radioaktivität in den Lack ein! Das war ein Ratschlag, der Schörnig noch in den Ohren ist. Wer etwas über Radioaktivität wissen wollte, der stolperte über all die verschiedenen Messgrößen: Curie, Röntgen, Millirem, Sievert, Gray oder Becquerel.

Nach dem GAU: Der erste Laster aus der Ukraine erreicht Regensburg. Das Fahrzeug wurde von der Feuerwehr dekontaminiert.
Nach dem GAU: Der erste Laster aus der Ukraine erreicht Regensburg. Das Fahrzeug wurde von der Feuerwehr dekontaminiert. Foto: Archiv/altrofoto.de

Die Stadt hatte zwar ein Messgerät, das aber nur für große Strahlenbelastungen bei Unfällen geeignet war und auf den Grünflächen nichts anzeigte. Ein städtischer Mitarbeiter brachte einen Karton mit Weichser Radi, Salat und Karotten zum Messen nach München, doch am Ministerium wollte man das Gemüse aus dem hoch belasteten Regensburg lieber gar nicht erst annehmen. Und wieder konnte die Stadtverwaltung ihren Bürgern nicht sagen, was man nun guten Gewissens essen könne und was besser nicht.

30 Jahre nach dem Super-GAU bei Tschernobyl ist die Gegend um das ehemalige Atomkraftwerk nach wie vor radioaktiv verseucht. Fotos aus dem Sperrgebiet sehen Sie in unserer Bildergalerie:

30 Jahre Tschernobyl

Noch nie so alleingelassen

„Ich habe mich noch nie so alleingelassen gefühlt, wie bei Tschernobyl“, sagt Wolfgang Schörnig. Zusammen mit dem SPD-Stadtrat Jochen Wahnschaffe saß er damals in der RT-Halle auf einem Podium, um Fragen besorgter Bürger zu beantworten. Auch der Umweltingenieur der Stadt, Klaus Mock musste viele Fragen beantworten. „Unsere Regenrinne verläuft neben dem Kinderzimmerfenster. Werden unsere Kinder verstrahlt?“, war eine von ihnen. Aber es gab auch Gegenteiliges. Dr. Schörnig erinnert sich an einen Rentner, der „Entwarnung“ gab. Er habe stundenlang die Straße beobachtet und keine Strahlung gesehen, sagte er am Telefon. Dabei erhöhte sich die folgenden Tage die radioaktive Belastung. In München lag sie mit 150 Becquerel beim 15-fachen des Normalwerts, in Regensburg war sie am 6. Mai 39-mal höher als normal.

Ein Hobbygartler nervte die Behörden, weil er forderte, man solle sein Regenwasserfass abholen, denn das Wasser sei verstrahlt (35 000 Millirem hatte Klaus Mock an einer Dachrinne in Leoprechting gemessen). Der Aufforderung, das Regenwasser in die Kanalisation zu schütten, dahin, wohin aller anderer Regen geflossen sei, kam der Mann nicht nach. Er mache sich strafbar, wenn er Sondermüll in die Kanalisation gieße, sagte er.

In der MZ-Redaktion saß ein völlig niedergeschlagener Bauernpräsident, der nicht fassen konnte, dass die MZ anderntags schreiben würde, man solle kein Regensburger Freiland-Gemüse mehr essen und mit der Milch vorsichtig sein. Salat und Milch seien doch gesund, sagte er immer wieder.

Fast 30 Jahre nach der Atom-Katastrophe entsteht in der „Todeszone“ ein neuer Schutzmantel für den explodierten Reaktor. Unsere Grafik zeigt die Schutzhülle:

Wirrwarr: Wer misst richtig?

In Regensburg maß der Physiker Prof. Dr. Martin Creuzburg die radioaktive Strahlung. Seine Werte, die in der MZ veröffentlicht wurden, waren höher als die des Innenministeriums. Von dort schickte man einen Physiker nach Regensburg. Der Mann für Krisenfälle und dem Spitznamen „Feuervogel“ sollte den MZ-Redakteuren wohl den Kopf waschen und jedenfalls dafür sorgen, dass nur die amtlichen Werte veröffentlicht würden. Creuzburgs Gerät sei kontaminiert oder der Professor verstehe sein Handwerk nicht, hieß es. Beide Vorwürfe trafen nicht zu. Prof. Creuzburg maß weiter und die MZ veröffentlichte weiter seine Werte.

Was wäre, wenn es heute zu einem Reaktorunglück käme? Heute würde alles in geordneten Bahnen verlaufen, sagt Dr. Schörnig, der den Krisenstab vor Ort leiten würde. „Die Szenarien sind durchgespielt, der Katastrophenschutz ist vernetzt, die Infrastruktur des Helfens ist aufgebaut“, sagt Schörnig. Aber er sagt auch: „Gegen die Strahlung könnten wir auch heute nichts tun. Die wäre dann einfach da.“ Lesen Sie mehr dazu: GAU in Ohu – was wäre dann in Regensburg?

Mehr zum Thema:

Am 26. April 1986 ereignete sich in Tschernobyl einer der schwersten Atomkatastrophen der Geschichte. Sämtliche Informationen zum Thema finden Sie in unserem Spezial.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl änderte sich vieles. MZ-Redakteure erinnern sich.

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